Mühldorf – Jeden Sonntag bekommt Schwester Engelberta Besuch. Es ist ihre Pflegetochter Angelika, die mit drei Jahren aus einem Säuglingsheim in München nach Ecksberg gebracht wurde. Abgeholt hat das kleine Mädchen, das weder sprechen noch gehen konnte, niemand mehr. Schwester Engelberta nahm sich des Kindes an. Das war vor rund 60 Jahren.
Angelika lebt immer noch in Ecksberg, genauso wie Schwester Engelberta. Am Freitag, 1. März, kann die Klosterfrau ihr 70-jähriges Dienstjubiläum feiern. Sie ist 1956 in den III. Orden des Heiligen Franziskus eingetreten. Die heute 93-jährige Nonne stammt aus dem Landkreis Altötting und hieß mit bürgerlichem Namen Therese Strasser. Der klösterliche Name „Engelberta“ wurde ihr von höchster Stelle verliehen. „Mir hätte der Name Jutta aber wesentlich besser gefallen“, verrät sie.
In den 1930er-Jahren lebten rund 100 Schwestern in der Stiftung Ecksberg. Heute ist Engelberta die Einzige, die noch „die Fahne“ hochhält, das gilt nicht nur für die Stiftung, sondern für die gesamte Stadt Mühldorf. Wie Stiftungsvorstand Dr. Alexander Skiba betont, ist der letzte Eintritt in den Orden auf Anfang 1960 zurückzuführen.
„Schade, dass es keine Schwestern mehr gibt. Mir fehlt diese Gemeinschaft schon sehr“, bedauert die Klosterfrau ihre Situation. Allerdings lässt sie sich nicht unterkriegen, egal was das Schicksal mit ihr vorhat. Auch mehrere gesundheitliche Probleme meisterte sie vorbildlich. „Unsere Engelberta ist anpassungsfähig und eigentlich immer optimistisch“, freut sich Dr. Alexander Skiba. Dieses Lob quittiert die Schwester mit einem Lächeln und sagt: „Trübsal blasen hilft niemandem. Und wenn ich doch mal geknickt bin, dann warte ich einfach, bis sich die Laune wieder aufhellt.“
Als Engelberta am Donnerstag, 1. März 1956, mit 21 Jahren in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wurde, sah die Welt noch völlig anders aus. Diese Zeit war stark geprägt vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Entsprechend ärmlich spielte sich das Klosterleben ab. „Ich bin zuerst nach Bachham gekommen und musste dort für rund zehn Arbeiter kochen, die bei uns in der Landwirtschaft tätig gewesen sind“, erinnert sich Schwester Engelberta, die zusätzlich noch die Aufgabe erhielt, sich um Kranke zu kümmern.
Nach etwa einem Jahr änderte sich ihr Einsatzort. Von nun an versah sie ihren Dienst in Ecksberg in der Näherei. Weil die 93-Jährige aber von jeher zum Typ „Tausendsassa“ zählt, wechselten ihre Aufgabenfelder. „Ich half beim Wurstmachen und rührte aus der Milch unserer Landwirtschaft Rahm und Butter“, erzählt die Klosterfrau. Ab dem Jahr 1960 widmete sie sich dem Wohngruppendienst. Hier kommt Angelika ins Spiel, für die Schwester Engelberta bis zum heutigen Tag so etwas wie eine Mutter ist.
Aber die Ordensfrau ist nicht nur Ersatzmutter, sondern auch Autofahrerin, was seinerzeit unter den Schwestern beinahe exotisch daherkam. „Mitte der 1960er-Jahre schlug mir der damalige Direktor vor, den Führerschein zu machen, was ich prompt zusagte“, schildert Engelberta, die als einzige Ordensfrau in Ecksberg ein Auto bewegen konnte. Was ihr in diesem Zusammenhang immer noch eine gewisse Begeisterung hervorruft, kommentiert die Schwester so: „Der letzte geistliche Direktor Dr. Roman Ecker schenkte mir vor vielen Jahren sein Privatfahrzeug, das ich bis vor ungefähr zwei Jahren noch selber steuerte.“ Und Dr. Skiba verkündet: „Unsere Engelberta brachte viele Kilometer auf den Audi-Tacho. Sie ist quasi zweimal um den Erdball gefahren.“ Seit zwei Jahren lenkt Schwester Engelberta jetzt aber ein anderes Fahrzeug: ein Elektromobil, mit dem sie innerhalb der Stiftung bequem von A nach B kommt. „Das Moped gehörte meiner verstorbenen Schwester. Nun darf ich damit fahren“, freut sich die 93-Jährige und plaudert aus dem Nähkästchen: „Einmal bin ich schon zu scharf um die Kurve geprescht und habe dem Mobil einige Kratzer verpasst.“ Weil der fahrbare Untersatz im Gebäude schwer einen Parkplatz findet, stellt die Ordensfrau das Elektromobil einfach in der Hauskapelle ab. Die Hauskapelle ist ihr sowieso ans Herz gewachsen, denn in früheren Jahren sorgte sie dort für Ordnung und Sauberkeit. Bis zu ihrem endgültigen Ruhestand im fortgeschrittenen Alter kümmerte sich Engelberta auch noch mit Hingabe um die Entgegennahme und Weitervermittlung von Lebensmittelspenden an die einzelnen Wohngruppen. Hiesige Unternehmen, aber auch Galeria Kaufhof in München gehörten zu den fleißigen Spendern. Dr. Skiba und Schwester Engelberta berichten von einer Armada nicht verkaufter Nikoläuse und Osterhasen, die Galeria Kaufhof den Bewohnern in Ecksberg schenkte.
„Ein ganzes Zimmer voller Süßigkeiten, da hatte ich zu tun, alles in Körbe und Schachteln zu packen und diese dann an die Gruppen zu verteilen“, weiß die Schwester noch ganz genau, die sich jetzt als arbeitslos bezeichnet, da die Unternehmen ihre Spendenvergabe einstellten. Manchmal sei ihr nun langweilig; da helfe es, aus dem Fenster zu schauen, hinüber zur Gärtnerei, da herrsche immer Betrieb. Außerdem wäre da noch das Büro von Schwester Engelberta als Anlaufstelle, so zumindest sieht es Dr. Skiba, der beobachtet: „Nicht wenige Bewohner und Mitarbeiter schätzen es, sich mit Engelberta über Gott und die Welt zu unterhalten.“ Diese Aussage genießt die 93-Jährige durchaus, und dann holt sie einen Rosenkranz aus ihrer Kleidertasche. „Mein täglicher Begleiter“, bekennt die Klosterfrau.