Rosenheim – Die Erde ist eine Scheibe, die Mondlandung war nur inszeniert und Angela Merkel ist ein Echsenmensch: Verschwörungstheorien kursieren schon lange und immer wieder tauchen neue Gedanken auf, die für die einen plausibel erscheinen, während andere sie als Blödsinn abtun.
Besonders während der Corona-Pandemie wurde das Thema in der Gesellschaft immer wieder thematisiert. Es fielen Bezeichnungen wie „Schwurbler“, der Begriff „Querdenker“ hat eine neue Bedeutung erhalten – und zahlreiche Menschen haben aufgehört, miteinander zu sprechen.
Während Pandemie sind
Feindbilder entstanden
„Eine Gesellschaft ist natürlich nie ganz harmonisch“, erklärt Benjamin Grünbichler, Verhaltenstherapeut bei der Suchtberatungsstelle „neon“ aus Rosenheim, im OVB-Podcast „Die andere Wahrheit – Zwischen Vernunft und Verschwörung“. Es sei die Aufgabe von Regierung und Opposition, diese zusammenzuhalten – auch mit den Unterschieden, die nun mal existieren. „Und das haben die Politik und auch der Journalismus während Corona nicht geschafft.“ Es hätten sich Feindbilder während der Pandemie gebildet, erklärt Grünbichler, „und die gilt es zu überwinden.“ Und zwar mit einem versöhnlichen Ton, ohne ein ständiges Gegeneinander.
Was gesamtgesellschaftlich betrachtet klingt wie ein massiver Kraftakt, fängt bereits am Küchentisch an. Denn wenn bei der nächsten Familienfeier der Onkel mit „Verschwörungstheorien“ in das Gespräch einsteigt, gibt es auch Möglichkeiten, in einen Diskurs zu kommen. Auch dann, wenn man selbst ganz anderer Meinung ist, weiß Grünbichler. Er stellt aber auch klar: „Diskurs heißt nicht, dass man am Ende die gleiche Meinung hat. Diskurs heißt, dass man respektvoll ins Gespräch kommt, sich die Argumente des anderen wohlwollend anhört und nicht nur auf seinem Standpunkt beharrt.“ Und dass man im Ergebnis zu dem Schluss kommt, in Kontakt zu bleiben.
„Das ist die Kunst des Zusammenlebens, gesellschaftlich und familiär“, erklärt er. Wichtig für einen Diskurs sei es aber auch, gewisse Spielregeln einzuhalten. Etwa, dass man sich darauf einigen kann, dass die Medien grundsätzlich darum bemüht sind, die Wahrheit abzubilden, oder dass die Wissenschaft nicht nur korrumpiert ist. „Wenn man sich auf keine Spielregeln einigen kann, sind wir im Bereich des Glaubens. Und dann kann man debattieren, aber nicht mehr diskutieren.“
Verrohung der Sprache
und Polarisierung
Hilfreich sei es zudem, sich die Frage zu stellen, welche Bedürfnisse hinter den Einstellungen des Gegenübers stehen. Geht also der hier symbolische Onkel auf eine Veranstaltung, die man selbst als Ort für Verschwörungstheorien abstempeln würde, kann man ihn fragen, was er sich davon erhofft, erklärt der Verhaltens-Experte. „Ich würde eher dafür plädieren, hinter die Kulissen zu blicken, anstatt Argumente und Gegenargumente zu bringen. Auch wenn das Ego danach schreit, etwas vermeintlich richtigzustellen oder klarzustellen“, sagt Grünbichler. „Wir haben jetzt viele tausend Jahre Erfahrung, so funktionieren Menschen nicht.“
Ein großes Problem: Durch die Versäumnisse von Politik und Medien während der Corona-Pandemie, in der man Menschen schnell in Schubladen gesteckt hat, sei das Vertrauen in gewissem Maße verloren gegangen, erklärt der Verhaltenstherapeut. „Da ist vieles falsch gelaufen und das kommt jetzt wieder zurück.“ Grünbichler sieht als Folge des Umgangs während der Pandemie eine zunehmende Verrohung der Sprache und eine zunehmende Polarisierung, sofern der Wille, das Geschehene aufzuarbeiten, nicht erkennbar ist.
Gibt es also überhaupt noch die Möglichkeit, Menschen zurückzugewinnen, die das Vertrauen in die „Leitmedien“ verloren haben? Grünbichlers Antwort ist eindeutig: „Das ist eine Mammutaufgabe, die sich aber lohnt, anzugehen, ganz klar.“ Diese Aufgabe fange damit an, wieder respektvoller miteinander umzugehen. „Das ist natürlich leicht gesagt, wenn nicht alle mitspielen“, ergänzt er. Dennoch ist er überzeugt davon, dass ein angemessener Ton ein erster Schritt wäre. Wichtig sei es aber auch, entstandene Fehler offen aufzuarbeiten. „Es braucht immer Versöhnung, damit man sich wieder in der Mitte treffen kann.“ Genau das sei die große Kunst, die im Privaten auch mithilfe von Psychotherapie oder Paartherapie gemeistert werde. „Es gibt allerdings nun mal keine Gesellschaftstherapie“, sagt Grünbichler mit einem Schmunzeln.
Versöhnung und Respekt
für Annäherung nötig
Versöhnung und Respekt: Zwei wichtige Bestandteile, um die extreme Polarisierung in der Gesellschaft, aber auch im Familien- und Freundeskreis langsam aufzubrechen und sich wieder anzunähern. Grünbichler betont aber auch: „Dass wir verschiedene Pole haben, ist okay und das soll auch so sein. Das macht unser Leben spannend.“