„Demokratie ist kein Schlaraffenland“

von Redaktion

Das Bildungswerk Rosenheim feiert sein 80-jähriges Bestehen. Beim Festakt beleuchtet die prominente Politikwissenschaftlerin Ursula Münch die aktuellen Herausforderungen der Demokratie – und erklärt, warum Bildung und Dialog für ihr Fortbestehen so wichtig sind.

Rosenheim – Vor 80 Jahren, am 29. Januar 1946, machte das Oberbayerische Volksblatt folgende Ankündigung: „Die Erschütterungen alles Gewohnten und Festgefügten haben heute ein so unheimliches Ausmaß angenommen, dass Geist und Herz es nicht mehr fassen können und ratlos nach dem Lichte suchen, das das Dunkel erhellt…“ Diese Ankündigung gilt als Gründungstag des Bildungswerkes Rosenheim, das seitdem eine der großen Säulen in der Bildungslandschaft von Stadt und Landkreis Rosenheim darstellt.

Sich ein Bild
von der Welt machen

Dass das Gründungsdatum so nah am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz liegt, kann kein Zufall sein. Von Anfang an hatte das Bildungswerk einen politischen Hintergrund, aber auch ein üppiges kulturelles Angebot: In den 1950er- und 60er-Jahren gab es Konzerte mit Tobi Reiser, Annette Thoma oder Wastl Fanderl, wie man aktuell auf den historischen Ankündigungsplakaten im Foyer des Bildungswerkes sehen kann.

Und von Anfang an haben die Macher und Macherinnen des Bildungswerkes prominente Gäste eingeladen, so auch zur Jubiläumsfeier in der vergangenen Woche. Es kam keine Geringere als Professorin Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und bekannt aus dem Sonntagsstammtisch beim Brunnerwirt im Bayerischen Rundfunk, wo sie Stammgast ist.

Sie hielt den Festvortrag – oder besser die Festvorlesung – und kündigte zunächst gleich mal an, wie lange ihr Vortrag ungefähr dauern würde. Auf 55 Minuten müsse man sich einstellen – so viel Zeit muss sein für Demokratie.

Der genaue Titel ihres Vortrags lautete „Demokratie und Bildung. Eine Standortbestimmung“. Viele Folien, viele Diagramme, viele Statistiken, da wurde einem klar, wie viele Studien es zu diesem Thema gibt.

Bildung, so Eva-Maria Zehetmair, Vorstandsvorsitzende des Bildungswerks, in ihrer Begrüßung, heiße, sich ein Bild von der Welt zu machen. Das gehe weit über reine Wissensvermittlung hinaus. Es brauche den Dialog und die Begegnung. Auch das soll das Bildungszentrum St. Nikolaus, das Tagungshaus des Bildungswerkes Rosenheim in der Pettenkoferstraße, ermöglichen. Für beides steht auch Ursula Münch, die nicht nur ihre wissenschaftliche Vita mitbringt, sondern auch stammtischfest ist, wie sie regelmäßig im TV beweist.

„Wir haben eine
grandiose Verfassung“

Auf der ersten Folie ihres Vortrags zeigte sie Artikel 1 der deutschen Verfassung – diesen einzigartigen Satz, den jeder kennt, wenn man nach dem Grundgesetz fragt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

„Aber“, so Münch, „wer liest schon weiter? Nehmen Sie heute Abend oder morgen das Grundgesetz aus Ihrem Bücherregal und lesen Sie weiter.“ Ihr laufe es nach wie vor kalt den Rücken runter, wenn sie es lese. „Wir haben eine grandiose Verfassung“, sagte Münch und betonte, wie kühn es gewesen sei, beim Verfassungskonvent 1948 auf der Herreninsel folgende Aussage ganz nach vorne zu stellen: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Doch was bedeute das für unseren demokratischen Verfassungsstaat, welche Rolle spiele Bildung dabei?, fragte die Direktorin der Akademie für Politische Bildung ins Publikum. Sie konstatierte, dass die heutige Zeit geprägt sei vom Vertrauensverlust in die Politik, vom Gefühl, dass die Welt „zuverlässig betrügerisch“ ist. Die Gründe dafür erläuterte sie am Beispiel Sachsen-Anhalts, wo der Anteil der AfD-Wähler bei um die 40 Prozent liegt. „Durch den Verlust von Arbeitsplätzen nach der Wiedervereinigung sind Misstrauensgemeinschaften entstanden, die nicht von der Abarbeitung von Problemen, sondern vom Schüren von Ängsten weiterleben. Verschwörungsglaube ist ein Einfallstor für Extremismus.“

Kritik an den
sozialen Medien

Auch den Zusammenhang mit Bildung erläuterte Münch: „Die Wissenslücke in der Bevölkerung wird immer größer, es besteht kein Interesse an Demokratie-Bildung.“ Wer setze sich schon an einem Winterabend, an dem vielleicht interessante Sportveranstaltungen im Fernsehen laufen, in einen Saal, um sich eine knappe Stunde einen Vortrag über Demokratie anzuhören?, fragte sie in Anspielung auf die Jubiläumsveranstaltung des Bildungswerks. Man könne heutzutage 24 Stunden und sieben Tage die Woche durch das Fernsehprogramm zappen oder streamen, ohne auch nur einmal Nachrichten anzusehen, geschweige denn eine Diskussionssendung. In den USA heiße es: billige Kalorien, billiges Streaming – Brot und Spiele. „Die Flucht ins eigene Selbstbewusstsein bestärkt die Misstrauensgemeinschaften. Wissenslücken fallen nicht mehr auf.“

Die neuen sozialen Medien tragen laut Münch zusätzlich zu dieser Entwicklung bei. Sie befürwortet daher ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, wie es Australien beschlossen hat.

„If you can make people believe lies are facts, then you can control them“ (Anm. d. Red. „Wenn man Menschen dazu bringen kann, Lügen für Fakten zu halten, dann kann man sie kontrollieren.“), zitierte sie Maria Ressa, eine philippinische Journalistin, die 2021 den Friedensnobelpreis für ihren mutigen Kampf für Meinungs- und Pressefreiheit und Demokratie erhielt. Unwahrhafte Kommunikation lasse die Kommunikation scheitern, betonte Münch in ihrem Vortrag weiter, oder sei, noch schlimmer, „demonstrativer Bullshit“: „Alle lügen und wissen es.“

Mit den harten, aber ehrlichen Worten, die die Politikwissenschaftlerin in den Raum warf, regte sie zum Nachdenken darüber an, wie wir alle etwas an der Situation ändern können. „Die Verfassung kann uns nicht schützen, aber umgekehrt ist es möglich“, betonte sie. „Demokratie ist kein Schlaraffenland.“ Abschließend hielt sie ein Plädoyer für die Tageszeitung sowie die öffentlich-rechtlichen Medien und positionierte sich klar gegen den extensiven Konsum sozialer Medien.

Zur Geburtstagsfeier des Bildungswerks gehörte nicht nur eine prominente Festrednerin, sondern auch eine Band, ein Buffet und etwas Zeit, das Gehörte zu diskutieren. Die Band „No Limits“ sorgte für musikalische Unterhaltung.

„No Limits“ hat auch das Angebot des Bildungswerks Rosenheim – und es geht mit der Zeit. Nur die Zeit muss man sich auch nehmen. Vielleicht sollte man einfach ein bisschen weniger Zeit in den sozialen Medien verbringen? Dann könnte man sich zum Beispiel den neuen Podcast „Democrazy Labor“ über unser Zusammenleben anhören – eine Kooperation zwischen dem Katholischen Bildungswerk Rosenheim und www.democrazy.studio. Vielleicht bringt er etwas Licht ins Dunkel.

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