Bad Aibling – „Ich war gerade im Bad, um mich für einen Termin anzuziehen, als ich einen dumpfen Knall hörte“, erinnert sich Dr. Stefan Stöckel an den Augenblick, der Bad Aibling und die gesamte Region in Fassungslosigkeit und tiefe Trauer versetzte. Es war der Moment, am frühen Morgen des 9. Februar 2016, als auf der eingleisigen Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor zwei Züge ineinander rasten. Bei dem Unglück starben zwölf Menschen, zahlreiche Zuginsassen verletzten sich teils schwer.
Weg durch die
Abteile gebahnt
Zehn Jahre später sitzt der heute 78-Jährige, ehemals leitender Oberarzt der Anästhesie in Rosenheim, am Wohnzimmertisch im heimischen Bad Aibling und wirkt nachdenklich. Die Erinnerungen an die Tragödie sind noch immer nicht verflogen. „Als zwei, drei Minuten später der Piepser ging, war klar: es ist etwas Heftiges“, erinnert sich Dr. Stöckel an den dramatischen Faschingsdienstag im Jahr 2016. Der Mediziner, der reichlich Erfahrung aus Rettungsdienst und Luftrettung mitbringt, war als leitender Notarzt eingeteilt und kam somit nur einige Minuten nach der Kollision zur Unglücksstelle. „Es war gar nicht so einfach, dort hinzugelangen“, beschreibt er die herausfordernden Begebenheiten am Mangfalldamm, wo vor Ort zu diesem Zeitpunkt noch kaum Verletzte aus den Trümmern herausgekommen waren. „Ich habe dann versucht, erst mal in den Zug hineinzugehen“, sagt Stöckel. Dort bahnte er sich den Weg durch einige Abteile. Tote habe er dabei zunächst nicht gesehen, sagt er. „Das Problem war aber, dass viele, auch wenn sie nicht so schwer verletzt waren, irgendwo eingeklemmt waren.“ Mal eben etwas „wegzubiegen“, um einen Verletzten zu befreien, sei jedoch aussichtslos gewesen. „Ich bin dann wieder raus aus dem Zug“, sagt Stöckel, der sich dann um die Sichtung, Verletztenablage und die Organisation der Weiterversorgung kümmerte. „Als Einsatzleitung darf ich nämlich eigentlich nichts anfassen beziehungsweise keinen Verletzten versorgen, sonst verliert man die Übersicht.“ Und die galt es zu behalten. Schließlich war neben der „heftigen Zerstörung“ und den Toten und zahlreichen Verletzten ein riesiges Aufgebot mit fast 800 Einsatzkräften, vielen Hubschraubern und endlosen Fahrzeugen rund um den Bereich der Unglücksstelle auf unwegsamem Gelände viel los. Stöckel musste unter anderem einordnen, welcher Zuginsasse wie stark verletzt war und welche Behandlung benötigt wird, wer wohin gebracht werden muss. „Das große Problem war, dass man an die Menschen oft gar nicht richtig hinkommen konnte“, erinnert sich der Notarzt. Während etwa die toten Lokführer in den Trümmern zunächst überhaupt nicht erreichbar waren, gab es Verletzte, die im völlig zerstörten Zuginneren teils kaum zu finden waren. Stöckel erinnert sich an einen „völlig vergrabenen“ Patienten, von dem nur sein Gesicht zu erkennen war. „Hier hatten wir es erst nach einer Stunde geschafft, seinen Arm freizulegen, um ihm Schmerzmittel zu geben.“ Stöckel erzählt von einem leicht verletzten Fahrgast, der durch einen Toten, der auf ihm lag, eingeklemmt war. Von Menschen mit schweren Knochenbrüchen, Beckenbrüchen oder Wirbelsäulenverletzungen. „Erstaunlich war auch, dass es einige schwere Oberbauchverletzungen gab“, sagt der Aiblinger Mediziner. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass viele Bahnreisende, die in Fahrtrichtung saßen, auf die jeweiligen Tischkanten geschleudert wurden. „Wenn ich später Zug gefahren bin, habe ich manchmal bemerkt, dass ich mich lieber gegen die Fahrtrichtung gesetzt habe.“
„Hat einen natürlich
beschäftigt“
„Das Ganze hat einen natürlich beschäftigt“, stellt Dr. Stöckel klar. Wenngleich der Großeinsatz sehr strukturiert abgelaufen sei. „Natürlich trainiert man genau solche Ausnahmesituationen“, sagt er. Freilich sei es dennoch wichtig gewesen, sich mit den Kollegen im Nachgang auszutauschen. Viele hätten zudem auch Hilfe vom Kriseninterventionsteam in Anspruch genommen. Und Stöckel betont zudem: „Es war ein großes Glück, dass es ein Faschingsdienstag war und somit keine Schüler und kaum Berufstätige unterwegs waren.“ Für die Betroffenen ist und bleibt es eine Tragödie. Und wenn Dr. Stefan Stöckel heute noch mit dem Fahrrad am Mangfalldamm unterwegs ist, kommen die Erinnerungen an das schreckliche Zugunglück, an seinen größten Einsatz, immer wieder hoch. Und ein Gedanke, der ihm bereits damals, am Morgen des 9. Februar 2016, durch den Kopf gegangen ist, vergisst er bis heute nicht: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass eingleisige Strecken für so einen Fall nicht gesichert sind.“