Dieser E-Traktor soll die Landwirtschaft revolutionieren

von Redaktion

Dank eines Investors aus Berchtesgaden bringt das Start-up Tadus aus dem Landkreis Traunstein noch dieses Jahr seinen E-Traktor in Serie. Das Besondere an dem Fahrzeug ist, dass es den Strom vom Hof nutzt und dank eines Wechselakkus sogar als mobiler Speicher dient.

Traunstein/Berchtesgadener Land – Dass es den Entwickler von E-Traktoren, Tadus, heute überhaupt gibt, hat auch mit einem Namen aus Berchtesgaden zu tun. Dr. Bartl Wimmer, Unternehmer und Investor, habe früh an die Idee geglaubt, sagt die kaufmännische Geschäftsführerin Johanna Baier aus Schnaitsee. „Wir hatten vor mehr als vier Jahren nur einen Businessplan und ein technisches Konzept.“ Dann kam Wimmer. „Ohne den Berchtesgadener Investor hätten wir das niemals geschafft.“ Noch in diesem Jahr sollen die einzigartigen landwirtschaftlichen E-Traktoren in Serie gehen.

Konzept von Anfang an
elektrisch gedacht

Für die Baiers sei das damals „ein riesiges Glück“ gewesen, sagt Johanna Baier, weil im Maschinenbau Materialkosten und Entwicklungszeit gnadenlos seien. Unternehmer Wimmer, Mitbegründer der Synlab-Gruppe, in Berchtesgaden verwurzelt und derzeit grüner Landratskandidat im Berchtesgadener Land, stehe dabei nicht nur für Kapital. Er stehe auch für unternehmerische Erfahrung und Austausch, die für die Baiers auf ihrem langen Weg der Produktentwicklung entscheidend waren.

Johanna Baier geht so weit und sagt: „Bartl Wimmer hat mit seinem unternehmerischen Weitblick Tadus überhaupt erst ermöglicht.“ Wimmer selbst macht dabei einen Punkt von Beginn an klar: Tadus habe nicht einfach einen Dieseltraktor auf elektrisch „umgebaut“. Das Konzept sei von Anfang an elektrisch gedacht gewesen, vom Antrieb bis zur Architektur des Fahrzeugs. Zudem, sagt Wimmer, habe es ihn „sehr gefreut“, mit Hans Rosenberger einen weiteren Co-Investor gewonnen zu haben. Rosenberger bringe Industrieerfahrung mit und produziere in der Region für die Welt.

Vom Hof-Strom
zum Traktor-Treibstoff

Was Familie Baier, Johanna und Ehemann Thaddäus, in Schnaitsee antreibt, klingt im Kern simpel, trifft aber einen Nerv der Zeit. Dieser könnte in Zukunft eine noch deutlich größere Rolle auf vielen Höfen spielen: Traktoren, die mit Strom betrieben werden. Klar ist: In der Landwirtschaft wird oft schon jetzt Strom produziert, häufig per Photovoltaik. Gleichzeitig frisst der Traktor aber Diesel, Tag für Tag. Ergibt es da nicht Sinn, hier anzusetzen?

Die Ursprungsidee kam aus dem Alltag: Thaddäus Baier, promovierter Luft- und Raumfahrtingenieur und Mitgründer, erkannte das Nutzungsprofil eines Traktors und dachte das Thema Energie einmal konsequent vom Hof aus. Wenn ohnehin Strom da ist, warum nicht direkt als „Treibstoff“ verwenden? Und wenn Strom nicht gebraucht wird, warum nicht speichern, am besten dort, wo sowieso genug Platz ist: im Fahrzeug.

„Bei vielen läuft die feste Einspeisevergütung aus“, weiß Baier. Dann wird es schnell unerquicklich. Wer den Strom nicht selbst nutzt, verkauft ihn am Markt. Und der Preis fühlt sich aus Hofbetreibersicht oft so an, als müsste man ihn „billig verscherbeln“, so die Unternehmerin. Tatsächlich ist der Mechanismus bekannt: Für viele Photovoltaikanlagen endet die EEG-Vergütung nach 20 Jahren. Genau an dieser Stelle setzt Tadus an. Baier formuliert es wie eine Rollenverschiebung: Man müsse den Landwirt zukünftig womöglich gar „als Mitspieler im Energiefeld“ begreifen. Landwirtschaft als Teil eines Energiesystems?

Wechsel-Akku
als Herzstück

Tadus T16.20 heißt jener E-Traktor, den die Baiers entwickelt haben und der „von Grund auf elektrisch gedacht“ wurde. Viel Leistung, große Batteriekapazität, Einsatzdauer je nach Arbeit rund fünf bis acht Stunden am Stück.

Dieser gilt als eine wegweisende Neuentwicklung aus dem Traunsteiner Landkreis mit rund 100 Kilowatt Leistung und 200 Kilowattstunden Batteriekapazität inklusive Batteriewechselsystem. E-Traktoren in dieser leistungstechnischen Größenordnung gibt es bislang kaum.

Für Johanna Baier ist dieses Batteriewechselsystem entscheidend, vor allem, wenn man die Pufferlösung für Strom mitdenkt. Nicht nur wegen der Reichweite, sondern wegen der möglichen Entwicklungsdynamik. Auch Wimmer setzt genau dort an. Die Idee einer Wechselbatterie habe ihn fasziniert, sagt er, weil sie nicht nur die potenzielle Betriebszeit des Traktors verlängere. Für ihn entsteht damit zugleich eine vergleichsweise günstige Möglichkeit, einen Beitrag zu einer der großen Herausforderungen der Zeit zu leisten: effiziente Stromspeicher.

Perfekt für
Grünland und Forst

Die Baiers denken dabei durchaus in die Zukunft. Sie wollen mit dem E-Traktor einen konventionellen, dieselbetriebenen 100-kW-Traktor komplett ersetzen. Pflügen und schweres Ackern seien zwar durchaus möglich für den E-betriebenen neuen Vertreter, in dessen Entwicklung Unternehmer Bartl Wimmer seit einigen Jahren investiert hat und seitdem in den Entwicklungsprozess eingebunden ist. Das ideale Einsatzgebiet sind aber Frontladerarbeiten, Pflege-, Forst- und Grünlandarbeiten: Dafür eigne sich das Modell hervorragend und teils besser als jene Modelle mit fossilem Brennstoff. Dort ließen sich, je nach Einsatz, auch längere Tage abbilden, bei leichteren Arbeiten „auch mal mehr als acht Stunden“, sagt Johanna Baier.

Dass Tadus den Entwicklungsschwerpunkt auf einen E-Traktor für Grünlandbetriebe legt, passt aus Sicht Wimmers „perfekt“ zur Region. Viele Höfe hier hätten genau dieses Profil. Wenn das Betriebsprofil passt, werde die Wechselbatterie zum Hebel. Dieses „Passt“ ist das neue Leitwort bei elektrischen Landmaschinen. Ein Traktor ist kein Pkw, der morgens wegfährt und abends wiederkommt. Er bewegt sich oft hofnah, in wiederkehrenden Mustern, und genau darin liegt für die Baiers eine Chance: In Ruhe laden, mit eigener Stromerzeugung laden, und im besten Fall nicht nur laden, sondern bidirektional denken.

Ein Teil des
Gesamtenergiesystems

Auch auf der Website beschreibt Tadus den Traktor als Teil des Gesamtenergiesystems eines Betriebs, bidirektional einbindbar. Also nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Speicher. Die 40-jährige Unternehmerin sagt, die Wirtschaftlichkeit komme „ziemlich schnell“, insbesondere dann, wenn der Hof sowieso selbst erzeugten Strom nutzt. In ihren Berechnungen sind die höheren Anschaffungskosten bald amortisiert. Bei den Betriebskosten rangiere man in einer anderen Liga. Baier sagt, die Einsparungen bewegten sich auf einem hohen Niveau von 75 Prozent etwa. Sie verweist zugleich auf aktuelle Förderkulissen von 20 Prozent, die Mehrkosten bei der Anschaffung deutlich abfedern könnten.

Noch heuer ist eine
Vorserie geplant

Stand heute ist laut Johanna Baier der seriennahe Prototyp fertig montiert, die finale Technik werde gerade in Betrieb genommen. Im Frühjahr sollen Tests laufen, im Frühsommer könnte die Entwicklung bereits final abgeschlossen sein. Noch in diesem Jahr plane Tadus eine Vorserie mit fünf Traktoren. Das Team sei aktuell klein, solle aber wachsen. Drei weitere Mitarbeiter ergänzen die Mannschaft rund um die Baiers.

Auffällig ist dabei die Strategie: eine geringe Fertigungstiefe, viele Standardkomponenten, eigenes Know-how findet dort statt, wo es den Unterschied macht. Die Traktoren werden im Landkreis Traunstein gebaut. Der Fahrzeugrahmen ist eine Eigenentwicklung, ebenso die Fahrzeugstruktur sowie die Verkleidungsteile. Aus dem eigenen Haus stammt auch die Software, die das vollelektrische Produkt intelligent werden lässt. Wimmer ordnet das Projekt auch regionalpolitisch ein. Nach den E-Bussen am Kehlstein könne ein E-Traktor „aus unserer Region“ ein weiteres Leuchtturmprojekt werden, sagt er.

In der Anfangsphase wolle man die ersten Traktoren regional ausliefern, damit im Fall der Fälle schnell reagiert werden kann. In der Folge soll ein Händlernetz aufgebaut werden. Denn in der Landwirtschaft zählt nicht nur, ob ein Traktor läuft, sagt Johanna Baier. Entscheidend sei, dass er im Ernstfall schnell wieder einsatzbereit ist.

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