Bad Aibling/Petting – „Es war der schlimmste Tag in meinem Leben, ich werde ihn nie vergessen – Stille, einfach nur Stille“, sagt Alois Singhammer, angesprochen auf Dienstag, den 9. Februar 2016. Jenen Tag, an dem bei einem der schwersten Zugunglücke Deutschlands in Bad Aibling zwölf Menschen zu Tode kamen und 89 verletzt wurden. Unter den Toten war auch Franz Singhammer aus Petting. Der Ingenieur war auf dem Weg zur Arbeit. Er wurde 56 Jahre alt und hinterließ eine Ehefrau und zwei Kinder. Der Sohn war damals 23 Jahre alt, die Tochter 21.
„Wir waren ein
Herz und eine Seele“
„Er war mein Lieblingsbruder, wir waren immer ein Herz und eine Seele, haben uns gut verstanden und sind sehr glücklich gemeinsam auf unserem Bauernhof aufgewachsen“, erzählt Alois Singhammer und holt ein Bild aus Kinderzeiten aus dem Familienalbum, auf dem er zusammen mit Franz auf dem Bulldog des Vaters sitzt. „Wir haben gemeinsam Fußball gespielt und so manche Späße getrieben, hatten auch Kontakt, als er nach Kolbermoor umgezogen war und dort mit seiner Familie lebte. Wir waren nicht nur Brüder, wir waren auch Freunde“, erinnert sich der zwei Jahre jüngere Alois.
Zuletzt gesehen hatte er seinen Bruder Franz noch einige Tage vor dem Unglück an Weihnachten. „Da war Franz mit seiner Familie bei uns zu Besuch in Petting und wir plauderten über alle möglichen Dinge. Auch darüber, dass er seit 26 Jahren jeden Tag pünktlich um 6.45 Uhr am Bahnhof in Kolbermoor stand. Von dort dauerte die Zugfahrt eine halbe Stunde ins 35 Kilometer entfernte Taufkirchen“, weiß Alois. Sein Bruder habe beruflich Karriere gemacht. Nach seiner Automechaniker-Lehre sei er auf die Fachoberschule in Traunstein gegangen und habe anschließend in München studiert. Gleich danach habe er als frischgebackener Diplom-Ingenieur die Arbeitsstelle bei einem Hersteller von Sensortechnik in Taufkirchen angenommen. 26 Jahre arbeitete er dort, die letzten 20 Jahre in leitender Funktion.
„Der Franz war die Pünktlichkeit in Person, zuverlässig wie ein Uhrwerk, auf ihn hast du dich verlassen können“, sagt Alois Singhammer, der ihn an Weihnachten 2015 auch auf seinen Arbeitsweg und seinen Job ansprach. „Ich sitze immer im ersten Waggon, da sind viele berufstätige Menschen, da ist es ruhig, anders als in den Waggons dahinter, wo die Schulkinder oft sehr laut sind“, hatte sein Bruder ihm damals erzählt. An jenem 9. Februar waren die hinteren Waggons wegen der Faschingsferien aber leer – welch ein Glück, es hätte sonst wohl noch viel mehr Tote gegeben. Alle zwölf Toten wurden an jenem Faschingsdienstag aus dem ersten Waggon geborgen.
Nach der Todesnachricht
unter Schock
Vom Zugunglück erfahren haben Alois Singhammer und seine Mutter am Spätnachmittag. „Ich war gerade vom Faschingszug nach Hause gekommen, da kamen Nachbarn und überbrachten die Todesnachricht. Ihnen hatte es die Schwester von Franz und Alois mitgeteilt“, erklärt Alois unter Tränen.
Mit seiner Mutter sei er in der Stube gesessen, beide hätten nichts reden können, für beide war es unfassbar, dass „ihr Franz“ unter den Opfern war. Zwei Stunden lang habe man sich angeschwiegen, keiner habe ein Wort herausgebracht. Am Abend habe man dann Nachrichten angeschaut und die traurigen Bilder gesehen.
Im Fernsehen hätte man dann auch Details erfahren: dass gegen 6.45 Uhr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling die beiden Regionalzüge in voller Fahrt aufeinander zurasten und es zum Frontalzusammenstoß gekommen sei. Ein Triebwagen sei aus den Gleisen geworfen worden, der entgegenkommende habe sich in den ersten Waggon des anderen Zuges gebohrt und ihn aufgeschlitzt.
Die Ursache des Unglücks erfuhr Alois Singhammer erst sehr viel später. Ein Fahrdienstleiter hatte die Strecke freigegeben, obwohl sie der Gegenzug auf dem eingleisigen Stück noch nicht passiert hatte. Der Mann war abgelenkt gewesen und hatte auf seinem Handy gespielt. Als er seinen Irrtum bemerkte, drückte er den falschen Alarmknopf.
Den Prozess Jahre später hatte Alois Singhammer nur am Rande mitverfolgt. „Mich hat es nicht interessiert, er konnte meinen Franz auch nicht mehr lebendig machen“, erzählt er. Dass der Fahrdienstleiter zu dreieinhalb Jahren wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden war, habe ihn wenig berührt.
Zum gestrigen Gedenkgottesdienst an das Zugunglück fuhr Alois Singhammer nicht. Er trauerte in aller Stille daheim in Mörnberg, dort, wo er seit November 2024 nach dem Tod seiner Mutter alleine lebt.
Mit ihr und vielen Nachbarn war er damals bei der Beerdigung seines Bruders. „Es war ein Mittwoch, ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen“, sagt er. Die Anteilnahme sei riesig gewesen, mehr als 700 Trauergäste kamen.
Seinen Lieblingsbruder wird Alois Singhammer nie vergessen: „Franz war das schönste Geschenk, das mir meine Eltern gegeben haben. Wir waren ein Traumduo, obwohl wir sehr unterschiedlich waren!“ Karlheinz Kas