Rosenheim/Kolbermoor – Leukämie. Eine Diagnose, die das Leben von Betroffenen und ihren Familien von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf stellt. Doch während die Medizin ständig Fortschritte macht, bleibt eines unverzichtbar: der Mensch.
„Unsere Arbeit von Montag bis Sonntag ist es, gesunde Menschen zu finden, die sich in die weltweite Datenbank einschreiben lassen“, erklärt Marko Hammer von der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB). Das Ziel ist simpel, aber gewaltig: Patienten eine echte Chance auf Leben zu geben.
Immer noch falsche
Mythen im Umlauf
Eine solche Chance hat die 38-jährige Anne Willkommen aus Kolbermoor bereits einmal erhalten. Vor vier Jahren konnte ihr genetischer Zwilling gefunden werden. Sie erhielt eine Stammzellenspende und konnte in ein neues Leben starten. Doch nun der Schock: Der Krebs ist zurück – eine zweite Spende ist nötig. Umso wichtiger ist es nun, möglichst viele potenzielle Spender zu erreichen, damit diese sich registrieren lassen.
Bei dem ein oder anderen dürften allerdings noch Sorgen vorhanden sein, was den Prozess angeht. Wer an Stammzellenspende denkt, hat oft noch Schreckensbilder von riesigen Nadeln im Rücken im Kopf. Hammer kann hier beruhigen: „Diese Geschichten sind immer wieder im Umlauf, dass man Stammzellen aus dem Rückenmark entnimmt. Nein, das macht man definitiv nicht, das hat man auch noch nie getan.“
Früher wurden Stammzellen häufig aus dem Beckenkamm entnommen. Heute ist die gängigste Methode die sogenannte Apherese, die ähnlich wie eine Blutspende abläuft. „Wir tricksen das System einfach aus“, sagt Hammer. Durch ein Medikament wandern die Stammzellen aus dem Knochen ins Blut und werden dort einfach „abgefiltert“. Der Zeitaufwand: lediglich zwei bis vier Stunden. „Was der Spender investiert, ist letztendlich seine Zeit.“
Wer darf zum
Lebensretter werden?
Die Kriterien für eine Registrierung sind klar definiert. Registrieren lassen kann sich jede Person, die zwischen 17 und 45 Jahren alt ist, gesund ist und bereit ist, im Falle eines „Matches“ zu helfen. Blutstammzellen spenden kann man bis zum vollendeten 60. Lebensjahr.
Die AKB ist eine von insgesamt 26 deutschen Datenbanken, bei denen sich potenzielle Spender registrieren können. Das Tolle an den Organisationen: Sie sind global miteinander vernetzt. Das heißt also, wer sich im Landkreis Rosenheim typisieren lässt, landet in einem weltweiten Register. „Es könnte durchaus sein, dass ich irgendjemandem in Australien das Leben rette“, bestätigt Hammer.
Reisebereitschaft ist dabei jedoch keine Voraussetzung: „Man muss aus Rosenheim nicht nach Australien reisen, um dort zu spenden.“ Die Entnahme findet heimatnah in spezialisierten Zentren wie in Gauting bei München statt; die wertvolle Fracht tritt dann die Reise zum Patienten an.
Gemeinsam
gegen die Zeit
Trotz moderner Medikamente warten täglich Patienten sehnsüchtig auf ihren „genetischen Zwilling“. Große Typisierungsaktionen, wie die Aktion „Nominieren, typisieren, Leben retten: OVB gegen Leukämie“, sind also wortwörtlich überlebenswichtig. Marko Hammer betont, dass jeder Verein, jede Feuerwehr und jede Gemeinde helfen kann, indem sie das Thema weiterträgt. „Wichtig ist nur, dass die Test-Sets nicht zu Hause liegen bleiben, sondern gemacht und zurückgeschickt werden. Sonst sind es vergebene Chancen.“
Am Ende ist die Suche nach dem passenden Stammzellenspender oft die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Doch je mehr Menschen bei den Aktionen mitmachen, desto größer wird die Chance, die passende Nadel zu finden – und desto schneller kann ein Leben gerettet werden.
Patricia Huber