Wie Neubeuern zu seiner Nationalhymne kam

von Redaktion

Aus der Steinzeit bis nach Rio – Eine musikalische Faschingsreise über das Gamsgebirg mit viel Geschichte(n)

Rosenheim – Eines der ältesten Musikinstrumente, das jemals gefunden wurde, stammt aus dem sogenannten Aurignacien, einer frühen Kulturstufe des Homo sapiens, datiert vor circa 35.000 Jahren, also in der Zeit, in der sich die Rohrdorfer gerade befinden.

Bekannt aus dieser Zeit sind mit Hammer- und Meißeltechnik angefertigte Werkzeuge aus Horn, Elfenbein oder Knochen. Und, man glaubt es nicht, es gibt auch eine Flöte, die an einem Septembertag 2008 am sogenannten Hohlen Fels in der Schwäbischen Alb gefunden wurde. Ein deutliches Indiz dafür, dass auch schon in der Jungsteinzeit gefeiert wurde, dass es musikalische Rituale und Feste gab und dass der Mensch von Anfang an nicht nur weise, sondern auch musikalisch ist, Homo musicus.

Die Geburtsstunde
der Faschingshymne

„Wer es zum ersten Mal unternimmt, eine Flöte zu schnitzen, der hat bereits Töne im Kopf, weil er singen kann“, schreibt der Biologe Dr. Christian Lehmann in seinem Buch „Der genetische Notenschlüssel“. „Singen“, schreibt er, „eine primäre musikalische Äußerungsform, ist stammesgeschichtlich mindestens doppelt so alt wie die ältesten bisher gefundenen Musikinstrumente.“ Dazu gehöre auch das rhythmische Schlagen und Klatschen mit den Händen. Also das, was auf jedem Faschingsball in Rohrdorf, Neubeuern und natürlich auch anderswo praktiziert wird.

35.000 Jahre später, der Homo sapiens hat einiges durchgemacht, auf das hier nicht näher eingegangen werden kann, sitzen die Männer des Faschingskomitees in fröhlicher Runde in einem Kaffeehaus in Neubeuern, das es mittlerweile nicht mehr gibt, und trinken wahrscheinlich keinen Kaffee, sondern ein Hopfengetränk, ebenfalls ein interessantes Ergebnis der menschlichen Entwicklung. Es muss Ende der 1940er-Jahre gewesen sein, der Krieg war gerade vorbei, und irgendwann kommt der Gedanke an eine eigene Neubeurer „Nationalhymne“ auf. Wie ihre Vorfahren waren diese Männer des Singens mächtig und brauchten zur Unterhaltung kein Spotify, sondern kannten viele Lieder und Texte auswendig. So war Unterhaltung früher.

Jägerlieder waren zu dieser Zeit sehr beliebt, wahrscheinlich sind‘s allesamt zum Jagern oder eher zum Wildern gegangen und stimmen an: „Wüllst an Gamsbock schiaßn, muaßt a Schneid haben, derfst koan Jaga scheichn…“. Und dann der Refrain „So leb denn wohl, du wunderschönes Gamsgebirg, weils Schiaßn überall verboten ist“. Das war die Geburtsstunde des Gamsgebirgs, der Faschingshymne der Faschingsgesellschaft Neubeuern, die nun seit 75 Jahren gesungen und geklatscht wird.

1950 war der erste Fasching nach dem Zweiten Weltkrieg. Prinzessin war Anni Paul, die Urgroßmutter der diesjährigen Prinzessin Lena, im Präsidium war Franz Berger, Urgroßvater des amtierenden Prinz Christoph und Prinz 1951. Zwei der Gardemädchen von damals können sich noch gut erinnern: Rosi Tomasso und Resi Poll gehörten als Pagen zum Hofstaat und trugen wie der Prinz faltige bunte und weiße Strümpfe unter einer Pumphose. „Ja, das Gamsgebirg haben wir schon gesungen.“ Es ist ziemlich sicher, dass Franz Berger an diesem historischen Ereignis im Café Weinberg dabei war. Übrigens auch ein Jubiläumsprinz – 50 Jahre Fasching wurden damals gefeiert.

Dass die Neubeurer bereits 1950 ein richtiges Lied zur Hymne auserwählt haben, könnte daran liegen, dass sie musikalisch schon etwas weiterentwickelt waren. Oder, wie Dr. Josef Bernrieder in seiner Dorfchronik (1982) „Wia’s friara war in Neibeiern“ schreibt: „Neubeuern ist ein eigenes ,Pflänzchen‘ und ,Platzl‘ im oberbayerischen Raum im Inntal. Nicht umsonst haben die Neubeurer eine eigene Nationalhymne, die sie jedoch meist nur zur vorgerückten Stunde ertönen lassen. Vielleicht wirkt hier die Markterhebung im 14. Jahrhundert noch, vielleicht aber auch die Pseudoselbstverwaltung unter den Argusaugen der Schlossherren, vielleicht auch ein bisschen ,Überheblichkeit‘ und ,Anderssein‘.“

Das Phänomen Gänsehaut
beim Musikhören

Aus dem Gamsgebirgs-Lied ist nicht nur eine Nationalhymne geworden, sondern ein Markenzeichen der Neubeurer Faschingsgesellschaft. Seit Jahrzehnten ziert die Gams den Faschingsorden und mittlerweile sogar die Anoraks der Kinderprinzengarde. Und egal, wohin sie mit ihrem Faschingstross reisen – in den Orient, nach Las Vegas, Russland, Großbritannien und aktuell Rio: Das Gamsgebirg-Lied ist universell, eine Art „Weltgesang“.

Ein paar Tage hat man noch die Möglichkeit, mitzusingen, die drei Strophen gehen so: Erste Strophe sitzend (bei förmlichen Anlässen wie Krönungsball), zweite Strophe stehend, in der dritten Strophe Wechsel von Dreiviertel- auf Zweivierteltakt und dazu klatschen. Geht auch auf brasilianisch mit Hüftschwung oder orientalisch mit Bauchtanz. Und eines ist noch wichtig: die Arme nach oben und im Takt hin- und herschwingen (bei der ersten und zweiten Strophe). Das haben sie also auch erfunden, die Neubeurer, denn das ist bei jedem großen Musikevent oder Festival von Wacken bis Brass-Wiesn üblich, quasi mit den Armen in der Luft mitzutanzen.

„Da macht auch jeder mit“, erzählt Konrad Stuffer, ehemaliger Präsident der Faschingsgesellschaft und diplomierter Bieringenieur. „Sogar auf dem Stadt- und Landball Rosenheim habe ich ohne Mikrofon das Publikum zum Mitsingen animiert, alle waren dabei, ein echter Gänsehautmoment.“

Lehmann schreibt in seinem Buch: „Das Phänomen der Gänsehaut beim Musikhören scheint tief in unserer Biologie begründet zu sein. Seit Menschengedenken bewegt Musik unsere Gefühle.“ Man stelle sich einmal vor, der Mensch hätte diese Fähigkeit zum Singen nicht: Die Nationalhymne vor einem Fußballspiel wird gesprochen, es gäbe keine Volks- und Liebeslieder und auch keine Hits wie „We are the Champions“ von Queen. Wahrscheinlich gäbe es überhaupt keinen Fasching.

Das menschliche Gehirn hat sich die letzten 30.000 Jahre nicht wesentlich verändert, es ist musikalisch. Auch die Rohrdorfer Steinzeit-Menschen haben eine eigene Hymne, die an diesem Wochenende vielfach erklingen wird. Vielleicht haben sie ja prähistorische Instrumente gefunden, die sie dazu erklingen lassen. Und wer noch so vehement behauptet, unmusikalisch zu sein, singt und klatscht mit, wenn es die anderen tun, schwingt die Hüften und streckt die Arme in die Höhe. Es ist ansteckend, macht gute Laune und erzeugt ein tiefes Gefühl von Gemeinschaft.

Keine Sorge: Die närrische
Zeit kommt wieder

In der Neubeurer Faschingsillustrierten von 1951 steht: „Nicht einmal die Stürme der Zeit haben es vermocht, dass der Neubeurer Fasching bestand, besteht und auch weiter bestehen wird.“ Oder „Fasching bleib do“ wie die Flintsbacher rufen.

Die närrische Jahreszeit ist nun bald vorbei, aber wird wiederkommen. So sicher wie das Amen in der Kirche. Derweil singen die Neubeurer ihr Gamsgebirg bei sämtlichen Anlässen, auch schon mal auf einer Beerdigung, wenn ein hochrangiges Mitglied der Faschingsgesellschaft diese Erde verlässt und seine Reise in den Faschingshimmel antritt, wo es dann weiterklingt: „So leb denn wohl …“

Autorin Martina Poll, geboren 1961, ist Faschings-Anthropologin, Sängerin, Geigerin, ehemalige Neubeurer Faschingsprinzessin und diplomierte Faschings-Geschichtenerzählerin.

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