Blutige Hatz im Gebirge

von Redaktion

Terrier hetzt im Hochriesgebiet Rotwild über Eis und Felsen –Spur zeugt von Verletzungen

Aschau – Eine herrliche Landschaft kann Fluch und Segen zugleich sein. Neben dem erwünschten, großen Tourismus hat sich im Priental längst auch ein kleiner, regionaler etabliert: der Hundetourismus. „Mit Rücksicht auf die Natur und gesundem Menschenverstand wäre das kein Problem“, betonte Bürgermeister Simon Frank auf der jüngsten Bürgerversammlung. Doch genau daran mangele es offenbar vielen Besuchern. Er berichtete von einem dramatischen Vorfall im Wildschutzgebiet Einfang im Bereich der Hochries.

Bei Spaziergang
losgerissen

Eine 60-jährige Frau machte dort am Freitagvormittag, 6. Februar, mit ihrem Terrier einen Waldspaziergang. Das Tier durfte sich an der langen Leine frei bewegen – doch plötzlich riss es sich los. „Der Hund jagte das am Futter stehende Rotwild und hetzte die Tiere in die Berge“, berichtet Josef Rinner, Berufsjäger im Cramer-Klett‘schen Revier. Hilflos mit ansehen zu müssen, wie der Hund die Tiere über steile Hänge bis hinauf in die Felsen treibt, war für ihn erschütternd. „Der Schnee war vereist. Die Tiere sind ausgerutscht, gestürzt und haben sich die Läufe an Eis und Felsen aufgerissen“, erklärt Rinner. Eine dunkle Schweißspur – so wird Blut in der Jägersprache genannt – zeugt von Verletzungen. Gewissheit über deren Ausmaß hat Rinner nicht, denn um das Rotwild nicht noch stärker zu beunruhigen, betritt er deren Einstandsgebiet nicht. Deshalb kann er auch nicht sagen, ob Tiere verendet sind. Eines jedoch stellt er klar: „Allein die Hatz kann ein Tier töten.“

„Wir Menschen haben die Wildtiere aus ihrem Lebensraum verdrängt“, sagt Bürgermeister Frank, selbst Jäger. Ihre traditionellen Reviere sind durch Flächenverbrauch, zunehmende Urbanisierung und Landschaftszerschneidung immer kleiner geworden. Normalerweise zieht Rotwild im Winter aus den Bergen in die Täler – heute ist das nicht mehr möglich, sodass die Tiere auch im Winter im Bergwald bleiben. Um ein gesundes Miteinander von Wald, Wild und Mensch zu fördern, wurden im Priental Futterstellen eingerichtet.

Futterstellen verringern
Bissschäden

Sie verringern nicht nur Verbiss- und Schälschäden auf Wald- und landwirtschaftlichen Flächen, sondern senken auch die Unfallgefahr auf der Staatsstraße zwischen Aschau und Sachrang. Vor allem aber sichern sie das Überleben der Wildtiere.

Auf der östlichen Seite des Prientals betreiben die Bayerischen Staatsforsten zwei Futterstellen in Kreuth und Maurach. „Etwa 40 Tiere werden hier über den Winter versorgt“, informiert Sebastian Klinghardt, Leiter des Forstbetriebs Ruhpolding.

Im Hochriesgebiet auf der westlichen Seite befinden sich drei Wildschutzgebiete mit Futterraufen, in denen rund 100 Stück Rotwild Futter finden. „Diese offenen Schutzzonen sind ein wichtiger Überwinterungslebensraum für unser Rotwild“, betont Josef Rinner.

Zehn Kilo
Trockenmasse pro Tag

Die Tiere werden täglich artgerecht mit Heu und frischer Grassilage gefüttert. Ein einzelnes Tier brauche etwa zehn Kilogramm Trockenmasse pro Tag – 100 Stück Rotwild müssen also täglich eine Tonne frischen Futters vorgelegt werden.

„Wiederkäuer fressen alle drei bis vier Stunden“, erklärt Rinner. Da das Rotwild im Winter seinen Stoffwechsel herunterfährt, ist der Bewegungsradius der Tiere sehr klein. „Normalerweise bleiben sie rund um die Uhr an der Futterstelle“, sagt Rinner. Seit einer Woche aber kommen nur noch vereinzelte Tiere und verweilen nicht wie gewohnt an der Futterstelle. Nach der Hetzjagd durch den Terrier sind die Tiere verängstigt und stehen unter Stress: Sie finden nicht genügend Futter und stehen zudem nicht in ihrem gewohnten Einzugsgebiet, sondern an einem neuen Ort.

„Jetzt werden wir mit Schäden im Wald rechnen müssen“, betonte Bürgermeister Frank in der Bürgerversammlung. „Bei Nahrungsknappheit schält Rotwild die Bäume und zieht Rindenstreifen mit dem Unterkiefer nach oben ab“, erklärt Forstbetriebsleiter Klinghardt. Diese Wunden an der Rinde können sich mit Pilzen infizieren und Fäule hervorrufen. Damit solche Schäden nicht entstehen, wurden Futterstellen und Schutzzonen eingerichtet. „Wild reagiert sehr sensibel, deshalb gibt es Wildschutzgebiete, für die ein absolutes Betretungsverbot von Privatpersonen besteht“, betont Klinghardt.

Die 60-jährige Hundebesitzerin war selbst geschockt. Sie hat sich nachdem bei der Polizeiinspektion in Prien selbst angezeigt. Auf OVB-Anfrage erklärte ein Sprecher, dass Ordnungswidrigkeiten wie das unbeaufsichtigte Hetzen von Wild und das Missachten von Schutzgebieten durch die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes Rosenheim verfolgt werden.

Wildtiere brauchen
absolute Ruhe

„Hundetourismus ist in unserer Region ein großes Thema“, sagt Berufsjäger Josef Rinner. Solche Vorfälle wie im Wildschutzgebiet in Einfang gefährden den sensiblen Winterlebensraum im Priental. Deshalb appelliert Rinner an die Vernunft der Hundebesitzer, ihre Tiere an der Leine zu führen und auf den Wegen zu bleiben. „Egal ob Hase, Reh oder Hirsch – Wildtiere brauchen im Winter absolute Ruhe.“ Die Wildschutzgebiete sind mit Hinweisschildern ausgewiesen. Hier gilt absolutes Betretungsverbot.

Regeln in Schutzgebieten

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