Rosenheim/Kufstein – Victoria Broßart, Bundestagsabgeordnete aus Rosenheim, brachte es auf den Punkt. Was derzeit anlaufe, die Sanierung der Strecke Nürnberg-Regensburg-Passau: Das sei „hässlich“. Doch die Sanierung München-Rosenheim-Salzburg sei noch „eine ganz andere Liga“, prophezeite Broßart beim kleinen Verkehrsgipfel der Grünen kürzlich in Kufstein: „Das ist nicht zumutbar.“
Zumindest in diesem Punkt weiß sich die Bundestagsabgeordnete einer Meinung mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Auch der hat sich im OVB-Exklusivgespräch kürzlich gegen die Pläne der Bahn gewandt: „Eine monatelange Komplettsperre geht aus unserer Sicht nicht.“
Eine Komplettsperre wäre
ein Desaster für die Region
Es ist ein bisschen, als hätten die Pläne der Bahn die Menschen in den betroffenen Regionen zunächst nicht besonders umgetrieben, nach dem Motto „So schlimm wird‘s schon nicht kommen“. Seit einigen Monaten aber zeichnet sich in zunehmender Schärfe ab, wie stark unter anderem die Region Rosenheim von der „Generalsanierung“ der Strecke München-Salzburg betroffen sein wird.
Die Lautstärke der Kritik wächst. So steigt auch die Wirtschaft auf die Barrikaden. Von einer „Vollkatastrophe“ hatte etwa Georg Dettendorfer von der Spedition Johann Dettendorfer in Nußdorf gegenüber dem OVB gesprochen.
Für Tausende Pendler zwischen Inntal, Rosenheim, Chiemgau und München „werden die täglichen Wege zur Arbeit oder nach Hause untragbar“, behaupten Broßart und Markus Büchler, sie Verkehrspolitikerin in Berlin, er im Landtag in München. „Die Fahrzeiten werden sich so gravierend steigern, dass sie nicht mehr zumutbar sind.“
Auch der Wirtschaft entstehe großer Schaden. Für deutsche Unternehmen, die auf Güter aus Italien oder auf Exporte in den Süden angewiesen seien, bedeute eine Vollsperrung „ein halbes Jahr Ungewissheit“, unkalkulierbare Transportkosten, beeinträchtigte Lieferketten. Chemie-Erzeugnisse und Stahlprodukte ließen sich nicht einfach auf den Lastwagen verladen. Dennoch werde insgesamt der Lkw-Verkehr bedenklich zunehmen. „Zusätzliche Blockabfertigungen und massive Staus im Inntal werden die Folge sein.“
Auch Logistiker warnen
vor Chaos im Inntal
Georg Dettendorfer hatte ähnliche Horror-Szenarien entworfen. Broßart und Parteifreunde fassten es in Kufstein so zusammen: Einerseits sei die Strecke stark beansprucht und von großer Wichtigkeit. Andererseits gebe es keine parallele Alternativverbindung. Auch weil die ABS 38 von München über Mühldorf ins österreichische Grenzgebiet noch immer nicht ausgebaut sei.
1.000 Tage vergangen –
ohne Ergebnis
Die Maßnahmen der Bahn zur Generalsanierung wichtiger Strecken in Deutschland sind mehr als eine nationale Aufgabe. Zumindest in den Augen der Grünen, die Vertreter aus drei Ländern nach Kufstein geschickt hatten: aus Deutschland, Österreich und Italien. Als Treffpunkt hatten sie Kufstein gewählt, auch weil dort 2022 Tirols Landeshauptmann Anton Mattle, sein Südtiroler Amtskollege Arno Kompatscher und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die „Kufsteiner Erklärung“ unterzeichnet hatten, eine Absichtserklärung zur Einführung einer Slot-Lösung im Lkw-Verkehr über die Grenzen hinweg.
Der Termin auf der Festung Kufstein lieferte gute Fotomotive. Aber mehr vorerst auch nicht. „1.000 Tage sind vergangen, und passiert ist nichts“, bilanziert Gebi Mair, Klubobmann der Grünen in Tirol. Die drei Regionen schieben die Schuld dafür auf die nationalen Regierungen, die dafür einen Staatsvertrag bräuchten. Was Mair bezweifelt.
Doch wäre die Slot-Lösung allein der Weg, die Härten der Generalsanierung abzumildern? Es darf bezweifelt werden. Die „Kufsteiner Erklärung“ und ihr Mangel an Erfolg sind eher ein Beleg für die auf vielen Ebenen verfahrene Situation in der Verkehrspolitik.
Grüne wollen eine
Spur offen halten
Broßart und Büchler setzen eher darauf, die Bahn in ihrem Vollsperrungseifer zu bremsen und selbst Lösungen anzubieten. Sie fordern „keine monatelange Vollsperrung der Bahnstrecke München-Rosenheim während der Korridorsanierung“. Dazu mindestens ein befahrbares Gleis zwischen München, Grafing und Rosenheim. Dann wäre eine Art Kreisverkehr möglich: über Grafing in die eine Richtung, über Holzkirchen in die andere.
„Eine Vollsperrung braucht es nicht“, ist sich Bundestagsabgeordnete Victoria Broßart sicher. Ohnehin handele es sich nicht um eine Wiederherstellung im vollen Umfang. Wichtige Teile der Infrastruktur wie Brücken oder Lärmschutz spielten in den Überlegungen der Bahn keine Rolle.