Flintsbach – Noch in diesem Jahr soll der Verkehrsausschuss des Bundestages über die Vorplanungen der Bahn zum Brenner-Nordzulauf und die Kernforderungen des Landkreises Rosenheim beraten. Wie das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) auf OVB-Anfrage informiert, liegen dem Bundesverkehrsministerium bereits alle Unterlagen vor. „Die DB InfraGO hat uns die Unterlagen – inklusive der Kernforderungen – für die parlamentarische Befassung übergeben“, so ein Sprecher.
Dialog ist ins
Stocken gekommen
Nach erfolgter Prüfung habe das EBA den Prüfbericht mit der Empfehlung der wirtschaftlichsten Variante, den ermittelten Kosten, Alternativvarianten mit Erläuterungen und deren möglichen Auswirkungen auf die Haushalts- und Finanzplanung an das Bundesministerium für Verkehr übergeben. Dieses unterrichte anschließend den Bundestag.
Die Region aber tappt weiter im Dunkeln: „Wir wissen nichts“, kritisiert Bürgermeister Stefan Lederwascher. Weder Bahn noch Eisenbahn-Bundesamt haben die Flintsbacher über überarbeitete Planungen oder die Bewertung der Kernforderungen informiert. Dabei ist die Gemeinde massiv betroffen: An der schmalsten Stelle des Inntals zwischen Fischbach und Niederaudorf verbraucht der Brenner-Nordzulauf nach den bislang bekannten Planungen auf einer Strecke von kaum drei Kilometern 40 Hektar Land (56 Fußballfelder) und gefährdet zahlreiche Existenzen.
Gemeinde will
einbezogen werden
Schon 2011 haben sich die bayerischen Inntalgemeinden für Öffentlichkeitsbeteiligung und Transparenz bei den Planungen zum Brenner-Nordzulauf stark gemacht. Ausgerechnet in der heißen Phase ist der Dialog nun ins Stocken gekommen. Zu Transparenz gehört für die Flintsbacher aber auch, über die finalen Pläne und die Bewertung der kommunalen Kernforderungen informiert zu werden, die von der Bahn an das Eisenbahn-Bundesamt gingen. Das wurde ihnen im letzten Dialogforum im Juni 2024 auch versprochen, nun aber verweigert.
„Unsere Gemeinde ist massiv betroffen, deshalb kann das Planungsteam der Bahn nicht einfach ohne uns weiterplanen“, ist Bürgermeister Lederwascher empört. Im August 2024 haben zudem die Umweltkartierungen für den Brenner-Nordzulauf begonnen. „Auch da wollen wir einbezogen und über Zwischenergebnisse informiert werden“, betont Lederwascher.
Im Dezember 2025 forderte der Gemeinderat die Bahn in einem offenen Brief auf, mit Sachstandsinformationen wieder in den Planungsdialog einzusteigen. Die Antwort im Januar war ernüchternd: Der Prozess sei gesetzlich vorgegeben, Informationen gebe es mit einer Bundestagsdrucksache. Der Dialog mit den Regionen werde erst bei Fortschritten im parlamentarischen Verfahren fortgesetzt. Die Bahn halte auch keine Informationen zurück. Ergebnisse der Umweltkartierungen seien erst nach Abschluss der Untersuchungen zu erwarten. Ein für Januar geplantes Dialogforum wurde abgesagt.
Flintsbach will auch in
heißer Phase mitreden
Für die Gemeinde ist das inakzeptabel. „Wir wollen gemeinsam nach vernünftigen Lösungen für unser Dorf und die Region suchen“, sagt Gemeinderat Benno Schmid, Vorsitzender der Interessengemeinschaft zum Erhalt der bäuerlichen Existenz im Oberen Inntal und Zweiter Vorsitzender des Bürgerforums Inntal. Das Gegenargument der Bahn: Die Voraussetzung für nächste Planungsschritte sei eine abgeschlossene parlamentarische Befassung.
Das heißt im Umkehrschluss: Die Flintsbacher müssen davon ausgehen, dass sich an den Vorplanungen nichts geändert hat. Am Südportal des Sattelbergtunnels taucht die Trasse am Fischbacher Gletschergarten auf, am Campingplatz in Einöden beginnt die oberirdische Verknüpfungsstelle Kirnstein. Hinzu kommen auf der Gesamtstrecke von etwa drei Kilometern Betriebseinrichtungen: 26 Hektar (36 Fußballplätze) für Zwischenlager für Abraum und Material, Container und Parkplätze, Werkstätten, Betonmischanlagen und Aufbereitungsanlagen sowie weitere 13 Hektar (18 Fußballplätze) für einen Verladebahnhof.
Mindestens 19 landwirtschaftliche Betriebe zwischen Flintsbach und Oberaudorf sind bedroht. „Hier werden Existenzen zerstört“, betont Stefan Lederwascher. Deshalb fordert die Gemeinde unter anderem, den Flächenfraß zu minimieren, die Verknüpfungsstelle Kirnstein – wenn sie nicht komplett zu verhindern ist – in den Wildbarren zu verlegen, auf ökologische Ausgleichsflächen im Inntal zu verzichten und vor allem auf staatlichem Grund zu bauen. „Zwei Jahre sind vergangen, seitdem wir unsere Kernforderungen definiert haben“, kritisiert Benno Schmid. „Wie diese von Bahn oder Eisenbahnbundesamt bewertet werden, wissen wir nicht.“ In der Region kennt keiner Zahlen, Fakten und Empfehlungen, die die parlamentarische Debatte begleiten. „Unsere Bürger machen sich große Sorgen um ihre Existenz, deshalb können wir es nicht hinnehmen, dass wir im Dunkeln gelassen werden“, spricht Bürgermeister Stefan Lederwascher für den gesamten Gemeinderat. Er bringt die Botschaft an Bahn und Eisenbahn-Bundesamt klar auf den Punkt: „Wir wollen unsere Menschen schützen. Also redet endlich mit uns.“
Gemeinderat fordert
aktuelle Informationen
Indes verweist auch das Eisenbahnbundesamt aufs vorgeschriebene Prozedere: „Der Bundestag entscheidet über die zu realisierende Variante. Daran schließt sich die Phase der Entwurfs- und Genehmigungsplanung an“, so ein Sprecher. Eine abschließende Festlegung der im Detail zu realisierenden Trassenführung erfolge erst später im rechtsförmlichen Planfeststellungsverfahren. Fragen zu inhaltlichen Details und zum Stand des Verfahrens seien an das Bundesverkehrsministerium zu richten. Dieses ließ eine entsprechende OVB-Anfrage jedoch bis Redaktionsschluss unbeantwortet.