Neubeuern – Christoph Schneider hat so etwas wie einen Online-Hit gelandet. Er hat ein Reel auf Instagram gepostet, einen Kurzfilm, der Neubeuerns derzeit meistdiskutiertes Problem zum Thema hat.
Der Film, durch die Windschutzscheibe eines Autos aufgenommen, unterlegt mit „Drive my Car“ von den Beatles, zeigt eine lange, entgegenkommende Kolonne von Autos, die durch Neubeuern schleicht. Viele davon mit Transportboxen auf dem Dach, einige mit ausländischen Kennzeichen. Autos von Urlaubern vermutlich, die auf dem Weg in die Ferien dem Stau auf der Autobahn ausweichen – und damit Land- und Gemeindestraßen verstopfen.
„Jeder redet,
niemand macht was“
„27.000 Menschen haben den Clip bislang aufgerufen“, sagt Neubeuerns Bürgermeister (Stand 16. Februar), „das ist irre.“ Es spricht keine Euphorie über die vielen Aufrufe im Netz aus Schneiders Worten, eher Sarkasmus. Und Frust.
Christoph Schneider ist sauer. Auf die Verkehrssituation in Neubeuern, auf die Blechlawinen in seiner Gemeinde, auf Politik und Behörden, die die Verantwortung hin- und herschieben. „Jeder redet, niemand macht letztlich was“, sagt Schneider.
Frasdorf, Neubeuern, Brannenburg, Rohrdorf und noch einige andere: Ortschaften entlang der Staufallen A8 und A93 haben es schwer. Nicht nur in der Region Rosenheim, auch im Berchtesgadener Land und im Landkreis Miesbach wurden Durchfahrtsverbote (oder umgangssprachlich Abfahrverbote) verhängt. Viele Autofahrer halten sich aber nicht daran, verlassen die Autobahn, weichen auf Nebenstraßen aus und strapazieren die Nerven der Menschen in den Dörfern. Die Bürgermeister spüren den Ärger der Bürger.
„Klar kennen wir das“, sagt zum Beispiel Susanne Grandauer, Bürgermeisterin von Nußdorf. Sie wird mit dem massiven Ärger der Menschen konfrontiert. Und auch sie ärgert sich, dass sich viele Autofahrer nicht an die Abfahr- oder Durchfahrtverbote halten. Es ist sogar mehr als Ärger – Grandauer treibt auch die große Sorge um die Mitbürger um. Feuerwehr, Polizei, Rettungswagen, die könnten sich ja vielleicht noch Wege bahnen. „Aber Pflegedienste und Sozialdienste, die schaffen ihre Patienten gar nicht, weil sie zu viel Zeit auf der Straße verbringen“, fürchtet sie.
Das Verbot allein helfe eben nicht gegen die Misere. Manchen Autofahrern ist das Verbot einfach egal, manche würden aber auch von ihren Navigationsgeräten auf Abwege geführt. „Viele können mit dem deutschen Text auf den Hinweistafeln nichts anfangen“, sagt Susanne Grandauer. „Die Ansage müsste auch in die Navi-Systeme eingespeist werden.“
Abfahrverbote
helfen nicht
Sind die Schilder in den Ortschaften einfach nur Polit-Show? So etwas wie Placebo für geplagte Autobahn-Anrainer?
Bürgermeister Christoph Schneider sieht jedenfalls Jahre unerfüllter Versprechen hinter sich. Auch ein Grund für den Insta-Beitrag: Der Bürgermeister ist erschöpft. Wenn wieder mal Busse Verteilerkästen umfahren oder das Markttor beim Rangieren beschädigen oder gar Autos Menschen verletzen – kürzlich sei eine Frau in Neubeuern angefahren worden – wachse der Ärger bei den Menschen. Und die beschwerten sich dann oft beim Bürgermeister. Immer und immer wieder.
„Das macht einen mürbe”, sagt Schneider. „Ich habe keine Kraft und keine Energie mehr, die Einzelanfragen zu beantworten.“ Daher sein Instagram-Aufruf inklusive Traurig-Smiley und dem Wunsch „Endlich ehrliche Absprachen mit den Gemeinden!“, der sich wie ein Hilfeschrei anhört. So, wie es bislang laufe, verspiele die Politik Vertrauen: „Es braucht sich niemand wundern, wenn da irgendwann die Stimmung kippt.“
Sind die Verbotsschilder für die Katz, kontrolliert die Polizei zu wenig? Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, sieht die Kollegen in Uniform mit einem Auftrag konfrontiert, den sie so nicht erfüllen können. Nicht in dem Umfang jedenfalls, wie es sich viele Bürger vorstellen. So gelten die Abfahrverbote eben nur am Wochenende oder an Feiertagen. Und auch nur dann, wenn wirklich Stau herrsche. „Zähflüssig reicht nicht“, sagt Sonntag. Die Polizei könne daher nur reagieren und Kräfte entsenden, wenn ein Stau da sei. Und wenn kein dringender Einsatz zu leisten sei. Damit nennt Sonntag nur ein Beispiel, wie der Spielraum der Beamten durch Gesetze, Regeln und Ressourcen-Knappheit eingeengt ist.
Derweil erntet Christoph Schneider Zuspruch, auf den er sicher gut verzichten könnte. Weil er ihn nur wegen seines Beitrags über die Wirkungslosigkeit der Durchfahrtsverbote erhält. 325-mal gefiel sein Post, viele Menschen liefern noch Kommentare dazu. „Bitte bleiben Sie unbedingt dran“, ermutigt ihn jemand. „Die sogenannten Verantwortlichen wohnen nicht im Bereich, und darum interessiert dies nicht“, schimpft ein anderer. „Laut bayerischem Ministerpräsidenten ist alles in Ordnung. Dank der funktionierenden Abfahrverbote von der Autobahn“, spottet ein Dritter.
„Ein Anfang wäre, wenn sich die vielen gescheiten Leute mit allen Betroffenen an den Tisch setzen“, sagt Schneider mit einem Seufzer. „Die Leute von der Autobahn, vom Bauamt, der Landrat…“ Die sollten sich mal den ganzen Tag einsperren. Sich gemeinsam die Verkehrsdaten anschauen, alles fundiert besprechen. „Gerne bei mir im Rathaus“, lädt Schneider ein.