Berchtesgadener Land – Sie lebt dort, wo andere Urlaub machen, ist finanziell völlig unabhängig und steht mitten im Leben. Sie ist auf keine fremde Hilfe angewiesen und hat weder Krebs noch irgendeine todbringende Krankheit: Frau Andrea Salzer (Name von der Redaktion geändert). Und dennoch sind die Tage der 92-Jährigen im Berchtesgadener Land gezählt. Grund: Die Seniorin wird freiwillig aus dem Leben scheiden und wählt dazu die assistierte Selbsttötung. Sie wird das zu Hause tun, in ihrem Zweifamilienhaus, das sie auf rund 800 Quadratmetern ihr Eigen nennen darf. Dabei ist sie geistig voll auf der Höhe, besucht regelmäßig die Seniorentage der Caritas und versorgt sich komplett selbst. In ihrem letzten Interview mit unserem Redakteur Karlheinz Kas erklärt sie ihre Beweggründe.
Wer Sie kennt, der stellt sich die Frage, wieso Sie diese Entscheidung getroffen haben. Sie leben doch im Paradies.
Ich lebe im Paradies, das ist absolut richtig. Aber ich werde blind werden, meine Augen lassen immer mehr nach, und ich sehe alles verschwommen. Ich sehe zwar auf die Ferne noch gut, aber in der Nähe wenig. Ich kann keine Zeitung lesen und habe auch große Probleme beim Fernsehen. Ich schau doch so gerne Nachrichten und den Bergdoktor. Hören kann ich nur mit Hörgerät. Hier geht es mal besser, mal schlechter. Hinzu kommt, dass ich täglich Schmerzen habe. Die rechte Schulter ist kaputt. Ich habe mir geschworen, nie zu stöhnen, nie zu klagen, das wäre das Letzte für mich. Ich will niemanden zur Last fallen. Und man darf nicht vergessen, dass ich täglich acht Tabletten in der Früh und sechs am Abend nehmen muss. Für mich ist die absolute rote Linie, dass ich nicht mehr selbstständig in meinem Paradies leben kann und in ein Pflegeheim muss. Das ist die Hölle.
Aber das sind doch keine Gründe, um jetzt freiwillig aus dem Leben zu scheiden.
Ja, aber es kommt noch hinzu, dass ich Epileptikerin bin. Ich hatte zuletzt im Dezember einen schweren Anfall. Das war der akute Auslöser, mich bei einer Sterbeorganisation zu melden, bei der ich seit August vorigen Jahres angemeldet bin. Ich war allein im Haus, wohl auch bewusstlos. Erst nach drei Tagen war ich wieder klar. Ich habe große Angst, dass ich wieder einmal umfalle und dann nichts mehr entscheiden kann. Ich habe zwar die rote Hand, aber man weiß trotzdem ja nie, was dann so passiert. Ich will nie in ein Heim oder in ein Krankenhaus, und deshalb ist meine Entscheidung so ausgefallen. Ich muss bei vollem Geiste sein, nur dann bekomme ich den assistierten Suizid – das ist mir klar. Ein Pflegefall will ich nie werden. Deshalb will ich in Würde gehen dürfen, ich will einen Selbstmord begehen, der gut klappt. Ich will in Frieden einschlafen, das ist dann ein schönes Sterben.
Sind Sie denn darauf vorbereitet?
Ja, natürlich! Ich habe viel und oft mit Frau Dr. Krause-Michel gesprochen, die nicht meine Hausärztin ist. Sie hat eine Privatpraxis für Medizin und Ethik und kennt sich bei Fragen am Ende des Lebens gut aus. Sie begleitet mich seit fünf Jahren und ist eine gute Freundin geworden. Sie hat mich über alle Formalitäten informiert. Die habe ich jetzt erfüllt, ich habe also grünes Licht. Das heißt, wenn ich zu meiner Sterbehilfeorganisation sage, kommt in drei Tagen, dann klappt das auch. Und das Gefühl, dass ich das entscheiden kann, macht mich unheimlich stark.
Was heißt Formalitäten?
Zunächst einmal muss man sich an eine Sterbehilfe-Organisation wenden und Mitglied werden. Das kostet nicht viel. Ich glaube 50 Euro im Jahr. Da gibt es mehrere in Deutschland, meine ist in Hamburg. Es war schon ein langer Prozess. Es kostet 7.000 Euro. Das Geld habe ich bereits überwiesen. Ich musste mit verschiedenen Personen sprechen, die mir die Sterbehilfe-Organisation vermittelt hat. Alle haben einen Bericht über mich geschrieben. Zuerst kam ein Mann, der mir viele Fragen zu meinem Leben gestellt hat und auch meine Krankenakte angesehen hat. Er hat entschieden, dass ich frei verantwortlich bin, dass ich frei in meiner Entscheidung bin. Dann eine Psychiaterin, die meine Entscheidung gut verstehen konnte. Und mit Dr. Krause-Michel habe ich ständig Kontakt.
Wie haben Sie Frau Dr. Krause-Michel kennengelernt?
In der Tageszeitung hatte ich 2018 von einem Vortrag, bei dem es um Patientenverfügungen ging, gelesen. Zusammen mit meinem Mann bin ich dann hingegangen. Den Vortrag hatte Frau Dr. Krause-Michel gehalten. Wir waren dann so begeistert, dass wir sie zu uns nach Hause eingeladen haben. Wir teilten ihr damals schon mit, dass wir beide keine lebensverlängernden Maßnahmen erhalten wollen. Meinem Mann ging es damals schon sehr schlecht. Er sagte zu mir fast jeden Tag, er wolle sterben, wir sollten dazu in die Schweiz fahren. Er wollte unbedingt, dass ich mit ihm dorthin fahre und zusammen mit ihm sterbe. Das habe ich aber strikt abgelehnt.
Dann kam am 26. Februar 2000 das Urteil vom Bundesgerichtshof, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat, aber auch ein Recht, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Richtig! Und einen Tag später hat sich mein Mann bei Frau Dr. Krause-Michel gemeldet, er möchte sterben und hat ein Recht, das Getränk zu bekommen. Er war schwerstkrank, ist an der Bandscheibe von oben bis unten operiert worden. Er konnte kaum noch laufen und später gar nicht mehr. Wir waren bei vielen Ärzten und Heilpraktikern, haben alles versucht. Es wurde aber nicht besser, im Gegenteil, es wurde immer schlechter. Er war ein Pflegefall und hat von morgens bis abends gesagt, dass er sterben wolle. Er wollte den assistierten Suizid. Er hatte keinen Lebensmut mehr, er war richtig verzweifelt.
Das war auch für Sie eine schlimme Zeit.
Natürlich, ich musste das ja alles mit ertragen. Die Sterbeorganisationen waren noch nicht nach Deutschland zurückgekommen. Als er immer wieder stürzte, kam er natürlich ins Krankenhaus und dann absolut gegen seinen Willen in ein Heim hier am Ort. Er wurde sogar in die Psychiatrie in Freilassing gebracht. Durch die vielen Medikamente wurde er auch mir gegenüber sehr böse, hat hässlich gesprochen. Er hat mich runtergeputzt – es war wirklich schlimm. Dabei hatten wir viele Jahre eine gute Ehe. Wir hatten alles miteinander gemacht. Er war Techniker und ich war Kauffrau. Gestorben ist er dann ohne assistierten Suizid im Mai 2021 im Pflegeheim. Es war aber eine schlimme Zeit bis zu seinem Tod. Er wurde 92 Jahre.
Sie sind gebürtig im Kreis Moers und aufgewachsen am Niederrhein. Wie kommt man da ins Berchtesgadener Land?
Meine Mutter war Kriegerwitwe und hat meinen Stiefvater auf einem Winzerfest am Niederrhein kennengelernt. Bei einem Urlaub in Bad Reichenhall haben sie 1958 eine gut eingeführte Pension gekauft und auch geheiratet. So kamen meine Mutter, meine Schwester und ich hierher und führten diese Pension. Es war meine Welt, wir hatten gute Gäste und eigentlich wollte ich hier nie wieder weg. Meinen Mann kannte ich schon seit 1952. 1960 holte er mich zum Niederrhein zurück, weil er total verschuldet war. Dort bauten wir uns ein neues Leben auf. Wir gründeten ein Tiefbau-Unternehmen. Er war Maschinenbautechniker und wir fingen mit einem kleinen Lkw bei null an. 1993 kamen wir zurück nach Bad Reichenhall, nachdem ich in der Zeitung gelesen hatte, dass man das Grundstück um die Pension ohne Erbschaftssteuer erwerben kann, wenn man darauf baut. Seitdem lebten wir hier in unserem schönen Haus und hatten eine gute Zeit.
Aber Sie haben auch heute noch eine glückliche Zeit. Sie sind zum Beispiel zwei- mal in der Woche bei der Caritas und dort bestens drauf, wie man hört.
Caritas ist dienstags und donnerstags. Das sind feste Termine, wir haben dort eine Menge Spaß. Montags fahre ich mit meinem Elektromobil zur Bank und Apotheke, am Mittwoch oder Samstag immer zum Einkaufen. Ich stelle es neben den Einkaufswagen ab, wechsele dann, besorge meine Lebensmittel und was ich sonst noch so brauche, und transportiere alles mit Leo nach Hause. Ich koche mir ja selbst. Ich wasche auch selbst, mangle die Wäsche – einmal im Monat kommt meine Zugehfrau.
Angst vor dem Tod kennen Sie nicht.
Nein! Ich hinterlasse doch hier ein Paradies und ich weiß, dass ich hier ganz bewusst herausgehe, nicht wie es bei meinem Mann der Fall war. Und ich kann das Paradies nur verlassen, wenn ich klar bei Verstand bin und frei verantwortlich bleibe. Hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank, ging das nicht.
Sie hinterlassen ein Paradies. Wer bekommt es?
Ich habe einen Sohn, Bernd. Der war bei der Berufsfeuerwehr im gehobenen Dienst und ist jetzt in Rente. Ihn habe ich informiert von meiner Entscheidung und ihm auch gesagt, dass ich ihn gerne bei meinem Tod dabei hätte. Er hat die Entscheidung akzeptiert, er wird sofort kommen, wenn ich einen festen Termin habe. Natürlich ist er mein Erbe.
Was werden Sie zuletzt trinken?
Kann schon sein, dass ich meinen geliebten Eierlikör trinke oder einen Birnenschnaps. Von Sekt oder Wein war ich nie so der große Fan. Wenn ich mir mal was ganz Besonderes gönnen wollte, also wenn etwas ganz Schönes passiert ist, dann habe ich schon mal einen Piccolo getrunken. Bei Alkohol war ich aber immer diszipliniert.
Und was wird Ihre letzte Mahlzeit sein?
Das weiß ich noch nicht. Ich habe immer alles gegessen. Ich koche ja noch selbst und mag auch gerne Fleisch. So ein Schweine- oder Rinderfilet auf dem Teller ist schon was Feines. Wenn wir auswärts beim Essen sind, bestelle ich gerne Zwiebelrostbraten, Tafelspitz oder Steak. Aber ich will keine Sentimentalitäten. Ich will auch kein Abschiedsessen. Es ist alles gesagt. Ich mache das jetzt.
Wieso sind Sie eigentlich so gut drauf?
(lacht): Ich bin fast immer positiv gelaunt, wenn ich aufstehe. Wenn das mal nicht der Fall ist, dann schimpfe ich so lange mit mir, bis ich wieder gut drauf bin.
Sind Sie eigentlich ein gläubiger Mensch?
Ich bin katholisch, zahle auch immer brav meine Kirchensteuer, aber ich gehe selten in die Kirche. Ich glaube an den lieben Gott und es kommt auch vor, dass ich abends mal ein Vaterunser bete. Wenn ich mal eine schwierige Situation überstanden habe, dann sage ich auch Danke nach oben. Ich will aber kein großes Begräbnis. Ich möchte einen Pfarrer, der ein gemeinsames Vaterunser betet und den Segen am Grab gibt. Ich will anonym bestattet werden, so wie mein Mann.
Und was glauben Sie, passiert mit Ihnen nach dem Tod?
Ich hoffe, dass ich in den Himmel und dann zu den Englein komme und dort alle meine Lieben wieder treffe.
Karlheinz Kas