Rosenheim – Die Situation ist ernst. Das sagt Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim, gleich zu Beginn des Interviews. Dem Verein geht es finanziell so schlecht, wie noch nie. Nur zahlreiche Spenden können eine Schließung des Tierheims jetzt noch abwenden. Wie es so weit kommen konnte, erklärt sie im OVB-Interview.
Ein Post in den sozialen Medien sorgt derzeit für Aufregung. In diesem heißt es, dass der Tierschutzverein Rosenheim vor dem Aus steht. Zumindest dann, wenn es keine Unterstützung gibt.
Ja, das stimmt. Unserem Verein geht es finanziell so schlecht wie nie zuvor. Wenn kein kleines Geldwunder geschieht, müssen wir noch in diesem Jahr das Tierheim schließen.
Das hätte gravierende Folgen.
Über 100 Katzen, 20 Hunde, viele Kleintiere und fast 100 Reptilien würden ihr aktuelles Zuhause verlieren. Aber auch unsere Mitarbeiter würden von heute auf morgen ihre Arbeit verlieren.
Wie konnte es soweit kommen?
Wir finanzieren uns fast ausschließlich über Spenden. Bereits seit mehreren Jahren weisen wir darauf hin, dass es ohne die Rücklagen durch Erbschaften oder Vermächtnisse nicht möglich ist, die negativen Jahresergebnisse des Tierheimbetriebs auszugleichen.
Die Fundtierpauschalen sind da wahrscheinlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, oder?
Die Fundtierpauschalen der Gemeinden zur Finanzierung der kommunalen Pflichtaufgaben haben schon lange nicht mehr die eigentlichen Kosten gedeckt. Im Kampf darum, die Einrichtung zu erhalten, wurden jetzt alle Fundtierpauschalen gekündigt, die nicht kostendeckend waren. Einige Gemeinden haben sich bereit erklärt, dass Fundtiere nach dem tatsächlichen Aufwand berechnet werden, andere möchten sich zukünftig selbst um die Versorgung der Fundtiere kümmern.
Sind die niedrigen Fundtierpauschalen also der Grund, warum es dem Tierheim finanziell so schlecht geht?
Es ist ein Grund. Hinzu kommt, dass Spenden durch die schwierige wirtschaftliche Situation geringer geworden sind. Gleichzeitig sind die Energiekosten, die Futterkosten, die Lohnkosten und vor allem die Tierarztkosten enorm gestiegen. Insbesondere Letztere haben sich fast verdreifacht.
Wurden in den vergangenen Jahren mehr Tiere abgegeben als sonst?
Ja, auf jeden Fall. Wir haben beispielsweise auch zahlreiche, schwierige Corona-Hunde bei uns, die schwer vermittelbar sind.
Corona-Hunde?
Es sind Hunde, die sich Menschen während der Pandemie angeschafft haben, weil sie im Homeoffice Zeit für ein Tier hatten. Sie haben sie häufig im Ausland organisiert, sich dann aber nicht ausreichend um die Tiere gekümmert. Unter anderem auch deshalb, weil natürlich keine Hundeschulen geöffnet hatten. Diese Hunde sind bei uns im Tierheim gelandet. Dort werden sie von einer Hundeverhaltenstherapeutin und Trainingspaten betreut, damit sie die Chance auf eine Vermittlung bekommen.
Werden derzeit überhaupt noch Tiere aufgenommen?
Private Abgaben sind derzeit nur noch in absoluten Notfällen möglich und müssen vom Vorstand genehmigt werden.
Was ist ein Notfall?
Wenn der Besitzer verstorben ist, ins Krankenhaus oder Pflegeheim muss.
Bleiben die Fundtiere.
Korrekt. Um für die Tiere schnellstmöglich ein neues Zuhause zu finden, haben wir jetzt noch einmal unsere Vermittlungsaktivitäten verstärkt. Wir müssen die Anzahl der Tiere im Tierheim verringern. Das könnte schlimmstenfalls bedeuten, dass wir einzelne Abteilungen schließen müssen.
Weniger Abteilungen heißt weniger Mitarbeiter, oder?
Es gibt genaue Vorschriften vom Veterinäramt, wie viele Pfleger es für eine bestimmte Anzahl an Tieren benötigt. Zumal wir sieben Tage die Woche, rund um die Uhr im Einsatz sind. Den Betrieb würde man nur mit Ehrenamtlichen gar nicht stemmen können. Unsere Mitarbeiter müssen zum Teil um 7 Uhr ihren Dienst beginnen, Medikamente verteilen, die Zwinger sauber machen und die Tiere füttern sowie ihren Gesundheitszustand kontrollieren.
Wird es Kündigungengeben?
Eine stufenweise Reduzierung des Personals wird unumgänglich sein und hat bereits begonnen. Das ist keine leichte Aufgabe. Was man nicht vergessen darf: Wir sind eine öffentliche gemeinnützige Einrichtung, die von einem Verein getragen wird. Außerdem steht der Vorstand bei einer drohenden Insolvenz in der Haftung. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden.
Was würde im Falle einer Insolvenz passieren?
Das wäre das absolut schlimmste Szenario. Es würde ein Insolvenzverwalter eingesetzt, der im schlimmsten Fall die Tiere an den Meistbietenden verkauft. Das hat mit Tierschutz wenig zu tun und muss verhindert werden.
Wie geht es jetzt weiter?
Als Mitglied des Deutschen Tierschutzbunds haben wir uns ein kompetentes Team aus Juristen, Controllern und Veterinärmedizinern an die Seite geholt. Sie helfen uns dabei, einen Weg aus der Krise zu erarbeiten. Zudem haben wir eine große Spendenaktion gestartet. Die vielen Spenden, die innerhalb kürzester Zeit zusammengekommen sind, zeigen uns, dass die Einrichtung gebraucht wird und es weitergehen muss. Anna Heise