Rosenheim – Die Lage ist ernst. Das macht Dr. Thomas Feistl am Telefon deutlich. Seit Tagen verfolgt der Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern ganz genau, was in den bayerischen Bergen passiert. „Wir haben derzeit eine erhebliche Lawinengefahr“, sagt Feistl. Das betrifft auch die Berge im Landkreis Rosenheim – vom Mangfallgebirge über die östlichen bayerischen Voralpen mit den Gipfeln bei Brannenburg und Oberaudorf bis zu den Chiemgauer Alpen mit Hochries und Kampenwand. An anderer Stelle ist es noch dramatischer.
Rund 200 Lawinenabgänge
in Österreich in kurzer Zeit
Zum Beispiel auf der anderen Seite der Grenze – in Tirol. Wie die Landespolizeidirektion Tirol mitteilt, kam es im Nachbarland zwischen dem 13. und 22. Februar zu einer „außergewöhnlich hohen Anzahl an Lawinenabgängen“. „Insgesamt wurden rund 200 Lawinenereignisse gemeldet“, sagt Manfred Dummer, Leiter der Tiroler Pressestelle. Fünf Lawinenunfälle endeten tödlich, bei einigen Abgängen waren bis zu 15 Personen betroffen und die Rettungskräfte mussten zu rund 60 Lawineneinsätzen ausrücken. Während in weiten Teilen Tirols die Gefahrenstufe vier – große Lawinengefahr – von fünf herrscht, gilt entlang der bayerischen Alpen durchgängig mindestens die Gefahrenstufe drei. Daran änderten auch die starken Regenfälle am Dienstag (24. Februar) erstmal nichts. „Aufgrund der Niederschlagsfront, die in der Nacht auf Dienstag reingekommen ist, ist es nochmal sehr heikel“, sagt Thomas Feistl. Auch, weil in höheren Lagen erneut einiges an Neuschnee möglich war.
Mit dem Regen in den tieferen Lagen sei in die Schneedecke Feuchtigkeit gelangt. „Das schwächt die Schneedecke und sie wird instabil“, erklärt der Lawinen-Experte. Die Folge: Nassschneelawinen. „Man kann sich das so vorstellen, wie wenn man bei nassem Schnee einen Schneeball losrollen lässt, der immer größer wird“, sagt Feistl. Je mehr Schnee sich in der Bahn der Lawine befinde, umso größer werde die Nassschneelawine und könne alles mitreißen, was sich unter ihr befinde. Dafür braucht es nicht mal einen Sportler wie einen Skifahrer oder Tourengeher, der unvorsichtig einen Hang betritt. „Nassschneelawinen können auch von selbst abgehen“, betont der Leiter des Lawinenwarndienstes. Genauso wie Gleitschneelawinen, von denen in diesen Tagen ebenfalls eine Gefahr ausgeht. „Das sind Lawinen, die auf dem Boden einfach abgleiten – typischerweise auf glatten Wiesenhängen oder auf mit Laub bedeckten Waldböden“, sagt Feistl. Das Wasser dringe durch den Schnee bis zum Boden vor und bilde dort eine Schmierschicht, auf welcher die gesamte Schneedecke irgendwann wegrutscht.
Aus diesem Grund sollten nicht nur Wintersportler auf Ski oder Snowboard vorsichtig sein, sondern auch Wanderer. „Nass- und Gleitschneelawinen treffen oft auch Wanderwege, weil sie im steilen Wald abgehen oder auf steilen Wiesen. Die werden nicht von den Sportlern selbst ausgelöst“, sagt Feistl. Wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, könne die Lawine jeden in den Bergen erwischen.
Einsätze mit Verschütteten rund um Rosenheim sind dem Leiter der Lawinenwarnzentrale aber nicht bekannt. Dass deswegen aber nirgends Schneemassen heruntergekommen sind, heißt das jedoch nicht. In den vergangenen Tagen hätte Thomas Feistl sehr viele Rückmeldungen von der Lawinenkommission – einem Gremium aus ehrenamtlichen Mitgliedern, das die Lawinengefahr vor Ort einschätzt – bekommen. „Da wurde aus allen Bereichen in den bayerischen Alpen einiges an Aktivität gemeldet“, sagt Feistl. Am Sonntag (22. Februar) und Montag (23. Februar) seien viele Nassschneelawinen abgegangen, die „teilweise auch eine gewisse Größe erreicht haben“. Dass dies auch um Rosenheim herum passiert ist, sei nicht auszuschließen. Bei den Bergwachten im Landkreis Rosenheim war die Lage allerdings ruhig. „In unserem Dienstgebiet gab es keine Meldung über einen Lawinenabgang“, sagt Leonhard Pichler, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Brannenburg. Er und seine Kameraden seien am Wochenende (21./22. Februar) zufällig zu einer Lawinenübung zu Ausbildungszwecken am Sudelfeld unterwegs gewesen. „Wir waren nicht im kritischen Gelände unterwegs, aber es war schon feststellbar, dass aufgrund der Schneeverhältnisse an entsprechenden Hängen eine erhebliche Gefahr herrscht“, sagt Pichler. Im Gebiet der Brannenburger Bergretter sei das erfahrungsgemäß oftmals im Wendelsteingebiet. „Es hängt aber immer von der Einzelsituation ab, generell kann man das nicht beantworten“, sagt der Bereitschaftsleiter. Zumal es in deren Dienstgebiet in den vergangenen Jahren „sehr wenige Einsätze mit Lawinen“ gegeben habe. Ähnliches weiß auch Matthias Weede zu berichten. Der Luftretter ist bei der Bergwacht Oberaudorf-Kiefersfelden für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Der letzte Lawineneinsatz bei uns liegt ungefähr sieben Jahre zurück“, sagt Weede.
Bergwachten sind
vorbereitet
Entsprechend habe es auch in den vergangenen Tagen keine Einsätze gegeben. Auch von Lawinenabgängen ist dem Oberaudorfer Bergretter nichts bekannt. Dennoch seien beide Bergwachtdienststellen auf Habachtstellung gewesen, falls es doch zu einer Alarmierung komme. Man sei wegen der Situation in Österreich sensibilisiert und verfolge die aktuellen Lawinenberichte, sagt Leonhard Pichler. „Natürlich kommen solche Meldungen immer überraschend, aber im besten Fall hat man vorher alles Mögliche gemacht, um vorbereitet zu sein“, sagt der Brannenburger Bergretter.
Dennoch ist auch in den Bergen um Rosenheim in den kommenden Tagen noch Vorsicht geboten. Die Lawinengefahr bleibe erstmal bestehen, sagt Thomas Feistl von der Lawinenwarnzentrale. Erst wenn das Wetter umschlägt – wie für heute vorhergesagt – gehe die Gefahr langsam zurück.