Halfing – Am 8. März tritt die AfD mit bayernweit 5.500 Kandidaten zur Kommunalwahl an. Im Landkreis Rosenheim schickt die AfD in fünf Kommunen einen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters ins Rennen: In Bad Aibling Silvia Groß, in Kolbermoor Christian Demmel, in Rott Michael Maurer, in Schechen Günther Kapser und in Stephanskirchen Friedrich Kreutz.
Neben dem Landratsposten, für den Andreas Winhart kandidiert, hat sich auch in der Stadt Rosenheim Maximilian Leucht als AfD-Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters aufstellen lassen. Wie gut die Chancen für die AfD-Kandidaten stehen, stärker auf kommunaler Ebene vertreten zu sein, schätzt Politik-Experte Florian Wenzel aus Halfing im OVB-Interview ein.
Warum wählen so viele Menschen die AfD?
Es ist ein globales Phänomen, dass viele von den Aufstiegs- und Zukunftsversprechen der liberalen Demokratie enttäuscht sind. Demografischer Wandel, autoritäre Multimilliardäre, Autokraten und auch der Klimawandel sorgen für umfassende Verunsicherung – und in der Tat haben diese Phänomene eine Wucht und Schnelligkeit, die das oft mühsame Aushandeln von demokratischen Kompromissen als sehr behäbig und unangemessen erscheinen lassen.
Die Sehnsucht nach starken – übrigens meist männlichen – Anführern, die diesen Knoten durchschlagen, ist groß. Einige Soziologen gehen sogar so weit, dies als „Zerstörungslust“ zu bezeichnen: die Sehnsucht danach, dass jemand mit allem reinen Tisch macht, um dann etwas Neues zu schaffen.
Wer sind diese Wähler?
Paradoxerweise oft nicht diejenigen, die ökonomisch abgehängt sind. Diese wählen gegenwärtig zunehmend die Partei Die Linke. Es sind die eigentlich Privilegierten, unter denen eine Art Opferdiskurs entstanden ist, aus der Angst, dass das bisher Selbstverständliche angetastet werden könnte. Es sind also die, die am meisten zu verlieren haben: die Mitte der Gesellschaft. Dies war unter anderem bei den Bauernprotesten erkennbar, die sich an einer Symbolik wie dem Agrardiesel entzündeten, der, wie sich jetzt herausstellte, größtenteils gar nicht in Anspruch genommen wird. Es geht also eher um das Gefühl des möglichen Verlierens, des Nichtwahrgenommenwerdens. Darauf zielt die AfD ab.
Der Verfassungsschutz stuft die AfD auf Bundesebene als gesichert rechtsextremistisch ein, in Sachen Parteiverbot passiert jedoch nichts. Woran liegt das?
Die Einstufung ist noch unter Vorbehalt, weil die AfD klagt, aber die Tendenz ist klar. An diesem Beispiel zeigt sich ein grundlegendes Dilemma der Demokratie: einerseits die weitestmögliche Gewährung gleicher Grundrechte für alle, andererseits der Schutz und die Wehrhaftigkeit der Demokratie. Wenn die Demokratie zu offen ist, kann sie unterwandert und von innen heraus zerstört werden. Wenn sie zu wehrhaft ist, kann sie in das autoritäre Unterbinden jeder unliebsamen Opposition abgleiten. Die AfD spricht gerne davon, dass wir nicht mehr in einer Demokratie leben, sondern in einem autokratischen Herrschaftssystem der Altparteien. Wenn wir die Partei verbieten, wird dieser Diskurs befördert. Wenn wir nichts tun, laufen wir Gefahr, unterwandert zu werden. Es gibt klare Forderungen aus dem Bundestag heraus, die ein Parteiverbot fordern. Ich denke, es wird auch deshalb gezögert, weil befürchtet wird, dass die AfD dadurch noch mehr Zulauf gewinnen könnte.
Und was macht die AfD so „gefährlich“?
Die AfD ist von ihrem Charakter her allerdings tatsächlich aktiv auf die Zerstörung des bestehenden Systems aus. Trotz ihrer Selbstbeschreibung geht es eben nicht um eine kritische Opposition oder die Erweiterung der Meinungsfreiheit, sondern um eine autoritäre Agenda, die vermeintlich „Normales“ und „Nationales“ gegen jede Art von Diversität stellt und dies auch mit Gewalt durchsetzt. Die Konsequenzen dieser Agenda kann man gegenwärtig live in den USA sehen – von der Unterbindung von Vielfaltsprogrammen bis zu offener Gewalt bei Abschiebungen.
Bei der Kommunalwahl treten mehr AfD-Kandidaten an als noch vor sechs Jahren: Neben dem OB-Kandidaten in Rosenheim und einem Landratskandidaten gibt es fünf Kommunen, in denen ein AfD-Bürgermeisterkandidat ins Rennen geschickt wird. Wie ordnen Sie diese Zahl ein?
Die AfD möchte das Große und Ganze. Einen Kulturkampf, der davon ausgeht, dass Deutschland am Abgrund steht, und die einzig wahre demokratische Opposition sie selbst sei. In Länderparlamenten und dem Bundestag ist sie die einzige Partei, die in praktisch keine informelle Kommunikation mit den anderen Parteien tritt und sich damit massiv vom „Elitensystem“ abgrenzt. Im kommunalen Bereich geht es aber eher um die Mühen der Ebene – Wasserversorgung, Gewerbegebiete, Schulen und Kliniken. Hier kann die AfD nicht mit den großen Themen punkten, sondern muss sich eingestehen, dass die Themen vor Ort nur gemeinsam gelöst werden können. Wie die Listen zeigen, ist überparteiliches Miteinander gefordert – etwas, das nicht in die DNA der AfD passt. Zudem müssen sich AfD-Kandidaten auf kommunaler Ebene weit mehr bekennen, in einem sozialen Umfeld, in dem man sich kennt. Den großen Rückhalt wie auf Landesebene gibt es auf kommunaler Ebene nicht. Sich zur Radikalität einer AfD und damit beispielsweise gegen Inklusion, Klimaschutz und eine offene Gesellschaft zu positionieren, ist schon eine Hausnummer, zu der viele vermutlich dann doch nicht bereit sind. Auf dem Land gibt es eine Anpackkultur, da geht es ums Tun und nicht nur um eine bestimmte ideologische Ausrichtung.
Gibt es einen Unterschied zwischen den Wählern auf dem Land und in der Stadt?
Auf Wählerseite würde ich sagen, dass das Gefühl, zu verlieren und in den globalen Krisen unterzugehen, auf dem Land größer ist. Insofern ist das Wählerpotenzial hier paradoxerweise wesentlich größer als das Kandidatenpotenzial. Gerade in Bayern geht es um „gefühltes“ Verlieren. Schon bei der Bundestagswahl hat die AfD in infrastrukturell wohlhabenden Gegenden hohe Ergebnisse erzielt. Protestwählen ist auf dem Land einfacher, als einfach Protest und Destruktion als Kandidat zu vertreten.
Wie würde sich die kommunalpolitische Landschaft durch stärkere AfD-Fraktionen in Gemeinderäten verändern?
Der Ton würde sicher rauer und ein „Wir gegen die“ wäre vermutlich die Konsequenz. Gewollte Destruktivität würde dann auch vor Ort Einzug halten, was sehr problematisch wäre.
Haben es Kandidaten der AfD im Wahlkampf schwerer als die anderer Parteien? Und werden sie aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit beziehungsweise Kandidatur angefeindet?
Die AfD ist mit Ortsverbänden noch nicht so gut vertreten. Es dauert viele Jahre, einen stabilen Ortsverband aufzubauen und gemeinsam eine Linie und ein lokal angepasstes Programm zu entwerfen und zu vertreten. Auch andere kleinere Parteien sind nicht flächendeckend in allen Kommunen des Landkreises vertreten. Und ja, natürlich werden sie auch angefeindet. Allerdings besteht das gesamte Konzept der AfD aus einer Freund-Feind-Gegensätzlichkeit. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in einer offenen Gesellschaft klar Stellung bezogen wird.
Ministerpräsident Markus Söder prognostizierte in einem Interview im Januar 2026, es würde kein AfD-Kandidat als Bürgermeister in Bayern gewinnen. Teilen Sie diese Meinung?
Die lokalen Kandidaten wirken aus meiner Sicht teils wie hingeschoben, damit die AfD genügend vertreten ist. Die Kandidaturen für die Bürgermeisterämter werden sicher nicht funktionieren. Da würde ich zumindest im Landkreis Rosenheim mit vielen kleinen Gemeinden auf den Zusammenhalt vertrauen, der essenziell für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinden ist. Insofern kann man auf dem Land noch gelassen sein.
Tina Blum