Rosenheim/Kolbermoor – Langsam aber sicher setzt sich der gesamte Landkreis in Bewegung. In zahlreichen Gemeinden finden Typisierungsaktionen statt. Das große Ziel: Leben retten. All das wurde angestoßen durch das Schicksal der 38-jährigen Anne Willkommen aus Kolbermoor. Vor vier Jahren hat sie bereits eine Stammzellenspende erhalten und den Krebs besiegt.
Doch jetzt ist er zurück – und eine zweite Spende nötig. Wie diese abläuft, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, selbst als Spender in Frage zu kommen und warum man inzwischen mehr Spender benötigt, als noch vor einigen Jahren, erklären Dr. Gerhard Puchtler, Oberarzt und Departmentleiter des Onkologischen Zentrums am Romed-Klinikum Rosenheim, und Dr. Ulrike Kolar-Michaelis, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, im OVB-Interview.
Einige Menschen haben Sorgen, ob eine Spende nicht gefährlich sein könnte. Wie läuft eine Stammzellenspende ab?
Dr. Gerhard Puchtler: Es gibt zwei Verfahren, um Stammzellen zu gewinnen. Bei einem der beiden handelt es sich um ein Verfahren, ähnlich wie bei der Dialyse, die für den Patienten in der Regel wenig belastend ist. In dem anderen Verfahren wird das Knochenmark unter Vollnarkose punktiert. Das ist aber heutzutage relativ selten und wird in maximal zehn Prozent der Fälle angewandt.
Wie funktioniert das Dialyse-ähnliche Verfahren?
Dr. Puchtler: Dafür muss sich der Spender ein Medikament fünf Tage lang einmal unter die Bauchdecke spritzen, so wie Diabetiker das beispielsweise auch mehrmals täglich machen. Damit stimuliert man die Stammzellen im Knochenmark – die normalerweise ja nur im Knochenmark sind und dort auch bleiben. Durch das Medikament werden die Stammzellen für kurze Zeit in die Blutbahn ausgespült. Sie werden dann, wie schon erwähnt, ähnlich wie bei einer Dialyse gefiltert. Das dauert etwa drei bis fünf Stunden, nennt sich Apherese und ist für den Patienten wenig belastend.
Hat das Medikament, welches sich der Spender spritzen muss, irgendwelche Nebenwirkungen?
Dr. Puchtler: Das Medikament kann manchmal leichte Knochenschmerzen verursachen oder auch ein Grippegefühl auslösen. Dagegen kann man ganz normale Schmerzmittel einnehmen. Und Langzeitbeobachtungen zeigen, dass es für den Patienten keinen gesundheitlichen Nachteil hat, wenn er seine Stammzellen mobilisiert und dann spendet.
Wie wird entschieden, wie gespendet wird?
Dr. Puchtler: Das liegt an der Erkrankung des Empfängers. Es gibt ein, zwei Diagnosen, bei denen man mehr Stammzellen benötigt. Bei diesen Patienten würde man dann den Spender bitten, dass er sich dem etwas unangenehmeren Verfahren unterzieht. Denn die Menge der Stammzellen, die man gewinnt, ist mit der Knochenmarkpunktion größer.
Kann man, wenn man nur dem Dialyse-Verfahren zustimmen würde, auch ablehnen, wenn man zur Knochenmarkpunktion gebeten werden würde?
Dr. Puchtler: Alles ist freiwillig. Der Spender kann in jeder Stufe des Verfahrens sagen, dass er das nicht möchte. Man verpflichtet sich zu nichts.
Warum ist es denn so schwierig, den passenden Spender zu finden?
Dr. Ulrike Kolar-Michaelis:
Es sind vererbbare Merkmale, die wir auf jeder Körperzelle finden. Und für die Stammzelltransplantation sind es zehn Merkmale, die getestet werden – und die gibt es in unterschiedlichen Varianten. Das heißt: Wir haben zehn Merkmale mit jeweils zahlreichen Varianten.
Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass es eben noch jemanden gibt, der die gleichen Merkmale mit den gleichen Varianten trägt. Der eineiige Zwilling ist natürlich ein perfektes Match. Eltern zum Beispiel passen zu 50 Prozent. Aber am besten für den Behandlungserfolg ist es natürlich, wenn die Immunzellen, die der Patient bekommt, sehr den vorhandenen Körperzellen ähneln.
Deshalb ist es besonders wichtig, möglichst viele Menschen in der Spenderkartei zu haben. Je mehr es sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für den Empfänger, auch den passenden Spender zu finden.
Anne aus Kolbermoor hat ja vor ein paar Jahren bereits einen Spender erhalten. Kann man nicht zweimal spenden?
Dr. Puchtler: Natürlich. Man kann zweimal spenden. Ist der Spender aber beispielsweise verstorben, selbst erkrankt oder über 61 Jahre alt, scheidet er aus der Datei aus.
Welche Bedenken äußern Menschen, wenn es um die Typisierung und die Spende geht?
Dr. Puchtler: Manche haben Bedenken, was den Datenschutz betrifft. Man teilt ja quasi seinen genetischen Fingerabdruck und das ist etwas sehr Persönliches.
Dr. Kolar-Michaelis: Andere haben auch Sorgen, dass es schmerzhaft ist. Ganz wichtig: Alles ist freiwillig. Mit der Typisierung hat man nicht automatisch auch in die Spende eingewilligt, und da wird sehr viel auch auf den Schutz und die Gesundheit des Spenders geachtet. Also man darf zum Beispiel nicht spenden, wenn man schwanger ist oder wenn gesundheitliche Einschränkungen oder Infekte vorliegen.
Warum ist man da so streng?
Dr. Puchtler: Es darf nicht passieren, dass dem Empfänger über die Spende eine Krankheit übertragen wird. Da geht es auch um den Schutz des Empfängers. Man möchte den bestmöglichen Erfolg, deswegen ist man da relativ streng.
Dr. Kolar-Michaelis: Es gibt bei der Typisierung auch eine gewisse Altersgrenze. Es ist einfach im Leben normal, dass man im Laufe der Zeit auch genetische Veränderungen in den Blutstammzellen erwirbt. Und bei diesen jungen Patienten, die ja meistens transplantiert werden, möchte man ja nicht eine andere Bluterkrankung oder eine gewisse Veranlagung zu einer weiteren transplantieren.
Was hat sich denn in den vergangenen Jahren in Bezug auf Leukämie getan? Sind die Überlebenschancen durch mehr Registrierungen gestiegen?
Dr. Puchtler: Es gibt inzwischen die Möglichkeit, dass man die Leukämien ziemlich genau subtypisieren kann. Es gibt verschiedene genetische Subtypen. Und im Laufe der Zeit hat die Häufigkeit einer Stammzellentransplantation wesentlich zugenommen. Vor 25 Jahren war das deutlich weniger.
Da haben wir die Patienten meistens nur mit Chemotherapie behandelt. Es sind also viele Patienten hinzugekommen, die jetzt transplantiert werden, von denen man früher nicht wusste, dass sie eigentlich von Transplantation profitieren. Wenn der Patient ein einigermaßen günstiges Profil auf seinen Leukämiezellen hat und einen Stammzellspender findet, der gut passt, können bis zu 70 Prozent der Betroffenen geheilt werden. Früher lag diese Zahl zwischen 40 und 50 Prozent. Das heißt aber auch: Wir benötigen mehr Spender …Patricia Huber