Siegsdorf/Schönau am Königssee – Inwieweit können Erfahrungen im Umgang mit Wolf und Bär aus der Slowakei helfen, den Herdenschutz und das Wildtiermanagement der großen Beutegreifer auch in Südostbayern zu verbessern? Um diese Frage ging es bei einer Veranstaltung der beiden Kreisverbände Traunstein und Berchtesgadener Land des Bayerischen Bauernverbands in Siegsdorf. Im Rahmen eines Vortrags mit Diskussion berichtete die Wildbiologin Dr. Michaela Skuban vor über 200 Besuchern im Festsaal von ihren Erfahrungen im europäischen Ausland. Deutschlandweit wurden 2024 rund 4.300 Nutztiere durch Wolfsübergriffe verletzt.
Dr. Skuban hat als Wissenschaftlerin und Buchautorin über viele Jahre in der Slowakei das Verhalten von Wölfen und Bären sowie die Konfliktsituationen erforscht, die bei Interaktionen der Tiere mit Menschen in Kulturlandschaften oder an Siedlungsgrenzen auftreten. Die Wildbiologin arbeitet ebenfalls an der Entwicklung effektiver Monitoring- und Managementstrategien für Großraubtiere und berät Schäfer in der Slowakei bei Herdenschutzmaßnahmen. Dazu bietet sie Exkursionen zu Bär und Wolf an.
Wie sie in Siegsdorf erläuterte, kenne sie dank längerer Forschungsaufenthalte in Frankreich, Deutschland und Tirol sowie von ihrer Tätigkeit als Schäferin in der Schweiz unterschiedliche Sichtweisen auf Wolf und Bär. Ein zentrales Anliegen von ihr sei, durch Aufklärung und den Wissenstransfer zwischen Ost und West sowie die Beratung der Menschen vor Ort zu einem nachhaltig gelingenden Raubtiermanagement beizutragen.
Grundlage dafür sei ein solides Datengerüst. Aktuell rangieren die Schätzungen über den Wolfbestand in der Slowakei bei 600 bis 3.000 Tieren – darunter viele Grenzgänger etwa aus Polen – mit jährlich bis zu 900 gerissenen Weidetieren. Es gebe kaum ein Wildtier, sagte Skuban, dessen Bedeutung so kontrovers diskutiert werde wie der Wolf. Die Positionen reichen von abgrundtiefem Hass bis zu kultisch überhöhter Verehrung und Verbundenheit. Das erschwere die Diskussion.
Bewährt habe sich die Ausstattung der Tiere mit Sendern, die genaue Kenntnis typischer Verhaltensmerkmale, die Auswertung von Wildspuren in der Natur sowie das Monitoring durch Fotofallen. Wichtig sei auch die Beobachtung der Beutetiere wie Rothirsche.
Wie die Erfahrung aus der intensiven Feldforschung gezeigte habe, seien viele in Westeuropa verbreitete Einschätzungen über das „typische“ Verhalten von Wolf und Bär überholt. Erstaunlich seien die individuellen Anpassungsstrategien und Lernfähigkeiten der Tiere, speziell im Umkreis von Siedlungen mit hohem „Nahrungsangebot“. Skuban ging auch auf Rudelstrategien und die Bedeutung von Herdenschutzhunden ein. Statt im Westen nur auf zeitintensive DNA-Beprobung bei Rissen zu setzen, machte sie sich für eine zeitnahe Schadensbildanalyse durch lokale Experten stark. Eine sehr angeregte Diskussion entwickelte sich mit BBV-Kreisobmann Hans Gruber aus dem Berchtesgadener Land als Moderator. Landwirt Hannes Hörterer aus Schleching verwies auf das persönliche Leid bei Herdenverlusten sowie die Unmöglichkeit von Nachweispflichten für Erstattungszahlungen bei Panikreaktionen der Herde. Auf die Frage nach den Erfahrungen mit Schutzzäunen meinte die Wildbiologin, diese würden unter Umständen andere Wildtiere vom Zugang zu wichtigen Wasserquellen absperren.
Josef Glatz, Vorsitzender des AVO, plädierte dafür, schnelle Eingriffsmöglichkeiten zu schaffen und die Zahl der Wölfe stärker zu regulieren, „sonst verlieren die ihre Scheu“. Die schwierige Handhabung und lange Auswertungsdauer von DNA-Proben bei Tierrissen samt deren Umsetzung kritisierte Kathi Lichtmannegger. Alexander Pfisterer vom Bayerischen Landesamt für Umwelt verwies auf die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamts als Monitoringstelle und warb für Verständnis der lokalen Probennehmer, die alle ehrenamtlich im Einsatz seien.
Abschließend machte Dr. Michaela Skuban deutlich, dass ein Nebeneinander von Menschen und Großraubtieren wie Wolf und Bären in dichtbesiedelten Tourismusregionen wie den bayerischen Alpen „höchst problematisch“ sei.