Traunstein – Polizisten, Notärzte, Sanitäter – sie sind, nach jenen, die den Notruf absetzen, die ersten an Tatorten. Und auch wenn der Leitstelle ein getötetes Kleinkind gemeldet wird, den Einsatzkräften bleibt keine Wahl. „In der Akutphase eines Einsatzes ist es selten möglich, abzufragen, wer sich aktuell in der Lage fühlt, tätig zu werden“, sagt Jakob Goëss im Gespräch mit dem OVB. Er ist Leiter des Rettungsdienstes beim Bayerischen Roten Kreuz in Traunstein und war als Einsatzleiter auch am Dienstag vor Ort: Eine Mutter tötete ihre vierjährige Tochter, vermutlich mit einem Messer. Mit zwei Notärzten und neun Notfall- bzw. Rettungssanitätern von BRK und Malteser rückte man zur Wohnung der 41-Jährigen aus. Noch immer sei eine Betroffenheit unter den beteiligten Kollegen zu spüren, so Goëss: „Alle, die im Rettungsdienst arbeiten, sind Menschen wie Du und ich.“ Erst im Verlauf eines Einsatzes sei es dann möglich, einzelne Einsatzkräfte wieder abzuziehen. Aber: Alle von Goëss‘ Kollegen, die bei dem Einsatz am Dienstag in Traunstein dabei waren, sind dienstfähig.
„Jeder im Rettungsdienst hat seine eigene Strategie, solche Einsatzsituationen zu verarbeiten“, sagt der BRK-Mann. Für die meisten sind es Gespräche mit den Kollegen, vielen hilft auch ein Gebet. Freilich stützt auch ein Gespräch mit Freunden oder der Familie, aber in Fällen wie beim getöteten Kind in Traunstein sei das nicht so einfach: Die Schweigepflicht steht hier im Weg. Rund um die Uhr steht auch eine eigene Hotline zur Verfügung, die sogenannte Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte, die auch anonym berät. Goëss sagt aber auch ehrlich: „Jeder unserer Einsatzkräfte erlebt im Laufe seines Einsatzlebens belastende, beeindruckende und unvergessliche Momente. Das bringt der Beruf leider mit sich.“ Oft sind das auch nur vermeintliche Nebenaspekte eines Einsatzes: Eindrücke aus dem Umfeld von Hilfsbedürftigen, deren soziale Situation, die Krankengeschichte oder die Betroffenheit der Angehörigen.
„Für mich persönlich und auch für viele Kollegen sind spezielle Gerüche an Einsatzstellen besonders prägend“, so der BRK-Einsatzleiter. Trotz allem: Goëss betont, „sehr stolz ein Teil dieser Truppe zu sein“, denn unterm Strich spiegeln Einsätze wie jener am Dienstag in Traunstein nicht den Arbeitsalltag der Sanitäter wider.
Einen vermutlich ähnlichen Fall erlebte die Region auch an Weihnachten 2024: Eine 39-jährige Rosenheimerin ermordete ihre beiden Kinder mit einem Holzspalthammer. Als die Frau dann vor Gericht stand, sprachen die Polizisten offen über das Erlebte: „Das war der entsetzlichste Einsatz, den ich jemals erlebt habe“, meinte einer der Beamten.
Auch alle seine Kollegen seien damals „durch den Wind“ gewesen, bleich, wie versteinert. Blutüberströmt, mit schwersten Kopfverletzungen habe man die beiden Kinder damals im Bett aufgefunden.
Ein anderer Polizist, der zum Doppelmord in Rosenheim ausrücken musste, berichtete: Er könne das Weihnachtslied, das in der Wohnung der Frau durchgehend lief, nicht mehr hören. Ganze vier Polizisten hätten damals abgezogen werden müssen, weil sie nach dem Anblick nicht mehr arbeitsfähig waren.
Eine Beamtin war es sogar noch acht Monate später, als der Prozess gegen die Rosenheimerin lief. In etwa so lange könnte es auch dauern, bis gegen die 41-jährige Traunsteinerin verhandelt wird, falls sich der Verdacht gegen sie erhärtet. Die Frau befindet sich momentan in der Psychiatrie, die Kripo ermittelt wegen eines Tötungsdelikts.