Massive Anfeindungen im Netz

von Redaktion

Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl über Schattenseiten des Erfolgs

Rosenheim – Beleidigungen, Bedrohungen oder sexistische Inhalte: Sportlerinnen und Sportler sind bei den Olympischen Winterspielen in Italien massiven Anfeindungen im Netz ausgesetzt. „In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der Hasskommentare im Sport gestiegen“, sagt Steffen Jackobs vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf OVB-Anfrage. Im Vergleich zu den Sommerspielen in Paris soll sich die Problematik noch einmal verschärft haben.

Schon lange mit
Thema konfrontiert

„Ich stehe mittlerweile seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit und dementsprechend bin ich auch schon lange mit dem Thema Hasskommentare konfrontiert“, sagt die deutsche Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl auf OVB-Anfrage. Einige dieser Kommentare würden die mehrfache Olympiasiegerin auch heute noch berühren. „Ich bin nicht gefühlskalt, das gehört für mich zum Menschsein dazu“, sagt sie.

Über die Jahre habe sie gelernt, nicht nur zu verstehen, sondern auch wirklich zu fühlen, dass dieser Hass nichts mit ihr persönlich zu tun hat. „Menschen, die im Netz Hass verbreiten, sind oft selbst sehr verbittert oder unzufrieden. Dieses Bewusstsein hilft mir, Abstand zu gewinnen“, sagt sie. Hinzu kommt, dass sie in den sozialen Medien eine „sehr unterstützende Community“ hat.

„Die meisten Menschen, die mir folgen, sind respektvoll, interessiert und wohlwollend“, sagt sie. Wenn dennoch jemand unangemessen oder bösartig kommentiert, stelle sich ihre Community oft schützend vor sie. Bei Hasskommentaren, die klare Grenzen überschreiten, beleidigend sind oder Drohungen enthalten, hält sie es für absolut wichtig, Anzeige zu erstatten. „Dazu kam es bei mir aber noch nicht“, sagt Jessica von Bredow-Werndl.

Welche Auswirkungen Hasskommentare auf Sportler und Sportlerinnen haben, weiß Steffen Jackobs vom DOSB. „Für viele Athleten stellen diese Anfeindungen eine erhebliche mentale Belastung dar“, sagt er. Die ständige Erreichbarkeit über digitale Kanäle führe dazu, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit mit negativen Kommentaren konfrontiert werden können. „Dies erschwert es, sich abzugrenzen und Momente der Erholung zu finden, was die Belastung zusätzlich verstärkt“, sagt Jackobs.

Auch Jessica von Bredow-Werndl hat sich früher sehr viele Kommentare ganz genau durchgelesen und an sich herangelassen. „Worte haben Macht“, sagt sie. Ihr habe es geholfen, einen bekannten Satz zu verinnerlichen: „Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter“. „Dieser Schritt vom reinen Verstehen zum inneren Fühlen war für mich entscheidend“, sagt sie.

Die Sportlerin setzt auch immer wieder auf Social- Media-Pausen. „Social Media ist ein wichtiger Teil meines Berufs, aber nicht mein Leben“, sagt sie. Pausen seien für sie essenziell, auch um mental gesund zu bleiben. „Gerade im Leistungssport ist mentale Balance enorm wichtig“, sagt sie.

Dass Social-Media-Pausen jedoch nicht die Lösung sind, weiß Steffen Jackobs. „Durch den Rückzug wird der Austausch mit Fans und Sponsoren erschwert“, sagt er. In einigen Fällen kann das ihm zufolge sogar finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen, da die digitale Sichtbarkeit für viele Athleten Teil ihres Berufes ist und Sponsoren dies als notwendige Voraussetzung ansehen. Was seiner Meinung nach helfen könnte, sind KI-basierte Filter, die Hasskommentare frühzeitig erkennen und ausblenden, sodass Athleten sich besser auf ihre sportliche Leistung konzentrieren können. Die Entscheidung, KI-Technologie zur Unterstützung beim Herausfiltern von Hasskommentaren einzusetzen, resultierte laut Jackobs aus der Beobachtung einer zunehmenden digitalen Bedrohung für Athleten.

Der Einsatz der KI habe sich bereits als Erfolg erwiesen: Schon während der ersten Hälfte der Olympischen Winterspiele seien über 1.300 Kommentare ausgeblendet worden. „Zudem berichten viele Athleten, dass sie sich durch die Filtermaßnahmen deutlich besser geschützt fühlen und sich wieder stärker auf ihre sportliche Leistung konzentrieren können, ohne sich permanent mit negativen Nachrichten auseinandersetzen zu müssen“, sagt Jackobs.

Wie gut das System bereits funktioniert, bestätigte Skispringer und Olympiasieger Philipp Raimund, der den DOSB-Hate-Speech-Filter für die Olympischen Spiele genutzt hat, gegenüber anderen Medien. Auch er habe in der Vergangenheit zahlreiche Hasskommentare in den sozialen Medien abbekommen – unabhängig von seinen sportlichen Erfolgen.

Klare Grenzen
sind zu setzen

„Viele Athleten sprechen mittlerweile bewusst über ihre Erfahrungen mit Hass im Netz, wodurch das Thema an Sichtbarkeit gewinnt und kein Tabu mehr ist“, sagt Jackobs. Er hofft, dass durch verstärkte Aufklärungsarbeit, technische Schutzmaßnahmen wie KI-basierte Filter und eine konsequentere Strafverfolgung die Hemmschwelle für Hasskommentare weiter steigt und Betroffene besser geschützt werden.

Jessica von Bredow-Werndl rät anderen Sportlern dazu, sich klare Grenzen zu setzen und sich nicht über Kommentare zu definieren – weder über negative noch über positive. „Baut euch ein stabiles Umfeld auf, vor allem offline. Neid hat nichts mit uns persönlich zu tun. Das ist leichter gesagt als getan, aber es ist lernbar. Social Media kann eine große Chance sein, solange man lernt, sich selbst nicht darin zu verlieren.“

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