Humanitäre Hilfe in Millionenhöhe

von Redaktion

Interview Gründer Jens Steinigen (59) aus Siegsdorf über die segensreiche Arbeit des Vereins Athletes for Ukraine

Traunstein/Siegsdorf – Der Verein Athletes for Ukraine (A4U) konnte kürzlich seinen vierten Geburtstag feiern. Jens Steinigen aus Siegsdorf hatte ihn gegründet, „weil ich wusste, was für ein Elend auf Land und Leute zukommen wird“. 46 Gründungsmitglieder hatte der Verein, aktuell sind es mehr als 300, darunter Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und Weltcupgewinner. Steinigen selbst war Olympiasieger mit der deutschen Biathlon-Staffel 1992 in Albertville. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht der Rechtsanwalt, Fachanwalt für Arbeitsrecht A4U-Bilanz. „Es ist Wahnsinn, es war und ist brutal anstrengend, aber wir sind stolz auf die humanitäre Hilfe, die wir in den vier Jahren geleistet haben“, sagt der 59-Jährige.

Wie kam es vor vier Jahren eigentlich zur Vereinsgründung?

Als der russische Angriffskrieg mit der Vollinvasion weiter eskalierte, war mir klar, dass er länger dauern wird, womit ich schon damals fast allen Experten und Politikern weit voraus war, wie wir inzwischen sehen. Ich war einige Jahre zuvor mit Freunden in der Ukraine, habe mit den Menschen dort gesprochen und schnell gemerkt, dass alles nichts mehr mit der Sowjetunion oder den Verhältnissen in Russland zu tun hat. Die Menschen waren so enthusiastisch, ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen zu können, sie waren optimistisch und freuten sich auf Europa. Sie sahen dort die Perspektiven für sich und das Land, für ihre Kinder. Mir war klar, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Land nicht aufgeben und ihre gerade erst gewonnene Freiheit mit allen Mitteln verteidigen würden. Ich konnte da nicht abseits stehen bleiben. Ich habe bis Ende 1989 selbst erleben müssen, was es heißt, unter einer Regierung von Russlands Gnaden leben zu müssen, war in der DDR als politisch unzuverlässig aus dem Spitzensport aussortiert, ohne Hoffnung, meine Träume verwirklichen, meine Zukunft selbst gestalten zu können. Für mich war klar, dass ich helfen, diesem großen Unrecht etwas entgegensetzen muss.

Wer sind denn die prominentesten Gründungsmitglieder?

Aus der Biathlon-Szene sind es zum Beispiel Frank Luck, Fritz Fischer, Simon Schempp, Wilfried Palhuber, Wolfgang Pichler, Steffen Hoos, Maren Hammerschmidt, Alfred Eder, von den Langläufern Tobi Angerer und Thomas Wick, Rodel-Olympiasieger Felix Loch, Extrembergsteiger Alexander Huber, Profi-Box-Weltmeister Sven Ottke, Schwimm-Europameisterin Karen König, Paralympics-Sieger Martin Braxenthaler und viele andere wie der ehemalige Skilangläufer Jonah Werner aus Rosenheim, der heute unser Pressesprecher ist. Später sind weitere als Unterstützer dazugekommen, etwa Verena Bentele, Anna Berreiter, Fritz Dopfer, Dajana Eitberger, Björn Ferry, Quentin Fillon Maillet, Anna Gandler, Moritz Geisreiter, Michael Greis, Katharina Hennig, Denise Herrmann-Wick, Vanessa Hinz, Maria Höfl-Riesch, Nicolas Kiefer, Miriam Neureuther, Michael Rösch, Aljona Savchenko, Tobias Schweinsteiger, Marion Wiesensarter und viele andere. Auch Magdalene Neuner ist bei uns Mitglied.

Was habt ihr in den vier Jahren alles für die Ukraine getan?

Wir haben inzwischen einige Hundert Hilfstransporte in die Ukraine und ins Kriegsgebiet organisiert. Viele Mitglieder bringen auch heute noch fast jede Woche Hilfsgüter in die Ukraine, in den letzten Wochen gerade auch in Städte wie Kyiv, in denen Russland die zivile Infrastruktur zerstört hat, von Stromgeneratoren angefangen über mobile Heizgeräte bis hin zu Fertiggerichten, die schnell und ohne großen Aufwand aufgewärmt werden können. Wir haben kurzfristig ein Krankenhaus in Charkiw mit Notstromaggregaten ausgestattet, damit dort weiter operiert und behandelt werden kann. Oftmals liegen nur wenige Tage zwischen einer Bitte um Hilfe aus der Ukraine und der Lieferung des Benötigten durch uns. Wir haben uns um die Integration von Kindern und Jugendlichen, die flüchten mussten, gekümmert, werben permanent um Unterstützung für die Ukraine, sorgen dafür, dass die Menschen in der Ukraine nicht vergessen werden. Seit einiger Zeit arbeiten wir auch mit einer Spedition zusammen, die unsere Hilfsgüter in die Ukraine bringt. In den vergangenen vier Jahren haben wir humanitäre Hilfe im Wert von mehr als fünf Millionen Euro organisiert, allein in 2025 waren es über 500 Tonnen Hilfsgüter. In der Ukraine sorgen dann unsere Mitglieder und Kooperationspartner mit Freiwilligen dafür, dass die Hilfe genau dort ankommt, wo sie dringend gebraucht wird.

Auch für den Sport in der Ukraine habt ihr viel getan.

Ja, etwa für die Kinder- und Jugendsportschule für Biathlon und Langlauf in Tschernihiw, die bereits am zweiten Tag der Invasion von russischen Raketen und Bomben komplett zerstört wurde. Wir möchten erreichen, dass die Kinder wieder trainieren und wenigstens etwas Normalität inmitten dieses Albtraums erleben können. Wir haben immer Solidarität gezeigt und den Ukrainern deutlich gemacht, dass wir für sie da sind, sie in dieser für sie so dunklen Zeit unterstützen. Das macht vor allem auch Mut, da die Menschen in der Ukraine sehen, dass wir sie nicht im Stich lassen. Das wird auch gesehen und anerkannt. Stellvertretend für all unsere Mitglieder und Unterstützer wurde ich erst kürzlich mit der Medaille „Weißes Kreuz – Honor et Gloria“, einer Ehrenauszeichnung der ukrainischen Freiwilligenbewegung, und mit dem „Orden des Heiligen Erzengels Michael“, verliehen vom Metropolit Epiphanius, dem höchsten geistlichen Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, geehrt.

Und ihr sammelt immer noch Spendengelder?

Ja, aber es wird natürlich schwieriger. Im ersten Jahr war die Unterstützung sehr groß, fast ein Selbstläufer, inzwischen hat alles nachgelassen. Trotzdem ist die große Mehrzahl der Leute nach wie vor moralisch stabil, fällt nicht auf russische Propaganda herein, die auch hier in Deutschland von einigen Parteien verbreitet wird. Sie unterstützen uns und damit die Ukraine weiter. Wir gehen sehr sorgsam mit den uns anvertrauten Spendengeldern um, ermitteln ständig den Bedarf vor Ort und versuchen, immer genau dort zu helfen, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird.

Und ihr macht weiter.

Wir lassen nicht nach. Dieses Jahr waren es schon drei große Lkw, unter anderem mit Generatoren, Ausstattungen für Krankenhäuser, Decken, Lebensmitteln, Tiernahrung, Feuerlöschern und weitere kleinere Hilfstransporte. Aktuell bereiten wir wieder Transporte vor. Schulmöbel und ein ausgemustertes Löschfahrzeug, gespendet von der Marktgemeinde Waging, werden wir in die Ukraine bringen. Einen Krankentransportwagen bringen unsere Mitglieder Ende des Monats selbst in die Ukraine und übergeben das Fahrzeug dort an den Rettungsdienst der Region Charkiw. Das sind alles Sachen, die dort dringend benötigt werden. Wir arbeiten auch mit vielen anderen Initiativen zusammen, unterstützen diese etwa bei der Logistik von Hilfsgütern. Mit dem Projekt „Laufen für Solidarität“ wollen wir weiter Schulspendenläufe initiieren und damit nicht nur Bewegung und Gesundheit im Schulalltag fördern, sondern auch Werte wie Leistung, Fairness, Respekt, Teamgeist vermitteln und Empathie und gesellschaftliches Engagement durch konkrete Hilfe für die Ukraine stärken. Die Schulen organisieren die Spendenläufe, wir kommen zum Lauf mit Spitzensportlern, Moderation und großem Torbogen. Die Erlöse teilen wir dann mit den Schulen oder ihren Fördervereinen, damit auch Kinder und Jugendliche hier bei uns unterstützt werden können. Der nächste Spendenlauf ist mit dem Chiemgau-Gymnasium Traunstein bereits für den 15. Mai in Planung.

Die Olympischen Spiele 2026 sind Geschichte. Sie hatten mit dem Fall Vladyslav Heraskevych einen handfesten Skandal?

Der Fall hat uns, denke ich, alle sehr bewegt, vor allem auch uns bei A4U, da sich Vladi sehr bei uns engagiert. Ich bewundere ihn sehr, auch weil er mich etwas an meine sportliche Karriere erinnert. Auch ich musste 1987 meinen Olympiatraum begraben, weil ich zu meinen Werten gestanden bin. Die Rolle der Verantwortlichen von DOSB und BSD hat mir nicht gefallen, vom IOC und Internationalen Bob- und Skeletonverband ganz zu schweigen. Die beiden Letzteren konnten ja schon gar nicht genau sagen, aufgrund welcher Regel Vladi disqualifiziert wird. Ganz offensichtlich spielten dabei aber russische Interessen eine Rolle. Das IOC wollte mit dem Angebot, anstelle des Helms mit Bildern der von Russland Getöteten nur eine schwarze Armbinde zu tragen, den Opfern des russischen Angriffskriegs die Gesichter nehmen, sie anonymisieren, ihnen die Würde nehmen und damit die russischen Verbrechen in der Ukraine legitimieren. Das hat Vladi zu Recht nicht akzeptiert. Das IOC hat sich den Friedensauftrag in seine Statuten geschrieben und wiederholt die Bedeutung seiner friedensfördernden Funktion betont, sogar Resolutionen innerhalb der UNO zum Schutz des Friedens bei Olympischen und Paralympischen Spielen initiiert. Diese Grundsätze werden permanent von Russland verletzt, nicht zuletzt auch dadurch, dass Russland den internationalen Sport für seine Kriegspropaganda missbraucht, wann immer sich die Möglichkeit bietet. Da der organisierte internationale Sport offensichtlich nicht in der Lage ist, sich hier rechtskonform zu verhalten, sind Politik- und Wettbewerbsbehörden gefragt, diesem Treiben von IOC und Internationalen Sportverbänden durch den Missbrauch ihrer Monopole ein Ende zu setzen. Der Sport muss sich endlich den Sport wieder von den Funktionären zurückholen, die nicht für die Werte des Sports stehen.

Weil Sportler aus Russland und Belarus unter ihrer eigenen Flagge einlaufen dürfen, blieb das deutsche Team der Paralympics-Eröffnung jetzt fern. Ist der Deutsche Behindertensportverband ein Vorbild?

Auf jeden Fall. Er solidarisiert sich mit der Ukraine und stellt damit auch klar, dass man um sportliche Erfolge kämpfen und trotzdem für Empathie, Mitgefühl, Solidarität, Demokratie und Europa stehen kann. Solche klaren Signale hätte ich mir vom DOSB auch gewünscht.

Wie lange wird der Krieg noch dauern?

Ich denke, zumindest bis in das nächste Jahr hinein, wahrscheinlich länger, da Russland die Ukraine als Nation nach wie vor zerstören will und die Signale aus den USA derzeit wenig Grund zu Hoffnung geben. Auch Europa tut zu wenig. Ein großer Fehler war, dass Europa und vor allem auch Deutschland die Ukraine zu wenig unterstützt haben. Mit entschiedener Unterstützung wäre der Krieg wahrscheinlich schon vorbei.

Karlheinz Kas

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