Ein zielgerichteter Kuss?

von Redaktion

Sekretärin erhebt schwere Vorwürfe gegen den Ex-Präsidenten des Traunsteiner Landgerichts

Traunstein/München – Am zweiten Tag des Berufungsprozesses gegen Professor Dr. Ludwig Kroiß ging es am Donnerstag, 12. März, vor dem Landgericht München nun zur Sache: Die damalige Sekretärin des Ex-Präsidenten des Traunsteiner Landgerichts sagte aus. 35 Jahre ist die Justizhauptsekretärin alt, aber seit viereinhalb Jahren dienstunfähig. Denn die Vorfälle am 1. September 2021 hätten sie völlig aus der Bahn geworfen.

Mit der Zeit
ein Ritual

Es sei mit der Zeit zu einem Ritual von Kroiß (67) geworden: Wenn die andere Sekretärin Feierabend machte und das Gericht verlassen hatte, „hörte ich schon, wie er zu mir an die Tür kommt“. Kroiß habe sie in sein Büro eingeladen, zum Weintrinken.

„Anfangs habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich habe gerne im Vorzimmer gearbeitet, war stolz auf die Position.“ Doch irgendwann habe „der Herr Professor“, wie sie den Angeklagten in der Zeugenaussage manchmal nannte, fast jeden Tag darauf bestanden: eine Flasche Wein, manchmal auch eine zweite.

Nicht nur der Alkohol sei mit der Zeit immer mehr geworden, auch die Anzüglichkeiten: Komplimente, „Sprüche zur Figur“, wie die 35-Jährige sagt. „Aus dem Urlaub müssen S‘ schon Bikini-Fotos schicken“, sei so ein Beispiel gewesen. Sie habe es „milde weggelächelt“. Dazu Umarmungen zum Abschied. Ihr Dilemma: „Wenn‘s der Chef ist und er seine Arme ausbreitet, schubst man ihn ja nicht weg“, so beschrieb sie es. Auch an jenem 1. September 2021 sei es wieder so gewesen. Eine lange Umarmung und dann habe sie Kroiß lange an den Unterarmen festgehalten – „gefühlt ewig. Ich hatte in dieser Situation schon Angst“. Dann der Moment, weswegen Professor Dr. Ludwig Kroiß jetzt selbst vor Gericht steht: Er habe noch eine Umarmung gewollt, „dabei hat er mich auf den Mund geküsst. Zielgerichtet.“ Schockiert sei die Beamtin gewesen, sei hinausgestürmt. Bei einem Spaziergang an der Traun habe sie danach einer Freundin alles erzählt.

Ansage an den Chef:
„So geht das nicht“

Bei der nächsten Gelegenheit im Büro des Präsidenten habe sie ihrem Chef offen gesagt: „So geht das nicht.“ Er schob es auf den Alkohol, sagte die Frau, die inzwischen nicht mehr in der Region wohnt, und fügt hinzu: „Aber so betrunken war er nicht. Er hat ja ständig getrunken.“ Kroiß habe dann weitergemacht „als wäre nichts“.

Seine Sekretärin schaute dagegen, immer eine Barriere zum Chef zu haben, wenn er sie sprechen wollte: einen Stuhl, einen Tisch… Drei, vier Wochen nach dem Kuss schaffte sie das einmal nicht. Als sich der Gerichtspräsident dann „breitbeinig“ ihr gegenüber setzte, bekam sie eine Panikattacke und lief in die Stadt, direkt zu ihrer Ärztin, so die 35-Jährige.

Es folgten eine stationäre Therapie, eine Beurlaubung und der Wunsch, nach einer Versetzung: „Egal wohin, nur nicht mehr nach Traunstein.“ Weil das Verfahren gegen Ludwig Kroiß aber bereits im Gange war, fand sie zuerst keine neue Stelle. Noch heute leidet die Frau an psychischen Problemen, ist in ärztlicher Behandlung, sagt sie. Susanne Neupert, die Vorsitzende Richterin, nahm darauf Rücksicht. Kroiß‘ Ex-Sekretärin beantwortet die Fragen in einem Nebenraum und wurde audiovisuell vernommen, um ihrem früheren Chef nicht in die Augen schauen zu müssen.

Kroiß wolle sie im Prozess erniedrigen, befürchtete die Frau laut einem Arzt. Doch sie lieferte eine stabile, sichere Aussage ab. Auch am heutigen, zweiten Prozesstag kam es anfangs zu stundenlangen Verzögerungen: Die Verteidiger stellten Anträge, dass die Frau direkt im Gerichtssaal aussagen muss – ohne Erfolg. Dabei stellte auch Kroiß‘ Anwalt Philip Müller fest: „Dass die Zeugin unter dem Verfahren leidet, das sieht jeder.“

Der Berufungsprozess gegen Kroiß ist damit in der Beweisaufnahme. Am ersten Prozesstag am 2. März kam es noch zu stundenlangen Konflikten. Kroiß‘ Verteidiger, Philip Müller, Holm Putzke und Anita Süßenguth, versuchten mit verschiedensten Anträgen, die Verhandlung ganz zum Platzen zu bringen. Auch Befangenheit wurde Richterin Neupert vorgeworfen. Ein weiterer Prozesstag ist am 23. März vor dem Münchner Landgericht. In erster Instanz im Juni 2024 wurde der frühere Gerichtspräsident zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ludwig Kroiß selbst sprach damals von „Skandalen“ bei den Ermittlungen und witterte ein „Komplott“ gegen ihn. Bereits im Juli 2023 ging er vorzeitig in den Ruhestand.

Am dritten Verhandlungstag am gestrigen Freitag waren nun die ersten Zeugen aus dem Umfeld geladen. Bei einem Umtrunk zu zweit nach Dienstschluss soll der frühere Traunsteiner Gerichtspräsident seine Sekretärin auf den Mund geküsst haben. Danach stürmte sie aus dem Gebäude – um einer Freundin, die ebenfalls bei der Justiz arbeitete, alles zu erzählen. Jetzt sagte sie vor dem Landgericht aus.

„Sie war total
fertig mit der Welt“

„Sie war total fertig mit der Welt. Hektisch, hudelig“, beschrieb es ihre 34-jährige Ex-Kollegin, die sich auch heute noch als Freundin bezeichnen würde. Auf dem kurzen Weg hinunter an die Traun habe sich die Geschädigte immer wieder umgedreht, als würde sie verfolgt. Dann öffnete sie sich der Zeugin: Sie erzählte vom Trinken mit dem Chef, von den Umarmungen – und vom Kuss-Versuch. Die 34-Jährige erinnerte sich: „Sie hat gesagt, sie konnte es noch vermeiden, weil sie den Kopf zur Seite gedreht hat.“ Nicht direkt und gezielt auf dem Mund seien Kroiß‘ Lippen gelandet, wie es in der Anklage heißt, sondern eher daneben. Schon da wurden die drei Verteidiger – Philip Müller, Holm Putzke und Anita Süßenguth – hellhörig. Auch wenn der Kuss in Kroiß‘ Büro schon lange her sein soll, am 1. September 2021: Genau so sagte es die Zeugin auch bei ihrer ersten Vernehmung, als die Ermittlungen anliefen und das Gedächtnis noch frischer war – nur ein „Kuss-Versuch“. Mehr noch: In der Verhandlung am Donnerstag sagte die 35-jährige Sekretärin des Ex-Gerichtspräsidenten, er habe nach „Fotos im Bikini“ aus dem Urlaub gefragt. Bei der Zeugin klingt das anders. Sie kann sich nur daran erinnern, Kroiß hätte gerne „Fotos vom Pool“ gesehen.

Ludwig Kroiß hat
sich nicht geäußert

Eine weitere Zeugin ist langjährige Sekretärin am Landgericht. Sie kennt natürlich beide Protagonisten. Vom mutmaßlichen Kuss selbst hat auch sie nichts mitbekommen. Erst gut vier Monate später wurde sie von ihrer Kollegin aus dem Krankenstand heraus angerufen: „Wir wussten gar nicht, warum sie krank war.“ Als sie gehört hatte, was passiert sein soll, kam das für sie wie aus heiterem Himmel.

„Sie hat gesagt, Kroiß habe versucht, sie zu küssen.“ Auch hier ist wieder vom Versuch die Rede. Die Zeugin beschreibt die Frau als „recht labil“, es habe „viel Theater“ wegen privater Probleme gegeben: „Da haben sich Dramen bei uns abgespielt.“

Verteidiger Philip Müller will auch die heutige und damalige Vizepräsidentin des Traunsteiner Landgerichts, Andrea Titz, laden. Was hat sie von Kroiß‘ Umtrünken mitbekommen? Das Gericht wird darüber entscheiden, ob man sie braucht. Ludwig Kroiß selbst hat sich bisher nicht im Prozess geäußert.

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