Gegen die Blindheit der Seele

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Wenn über Menschen hergezogen wird, weil sie unfreundlich, muffig oder schwierig sind, halte ich mich zurück. Zu oft habe ich erlebt, dass sich im persönlichen Gespräch ein ganz anderes Bild zeigt. Hinter dem Verhalten stehen Gründe, die man von außen nicht sehen kann. Nicht umsonst heißt es: „Jeder Mensch kämpft eine Schlacht, von der du nichts weißt.“ Wir sehen eben nicht, was den anderen gerade bewegt. Welche Sorgen ihn drücken, welche Schmerzen oder Enttäuschungen er verarbeiten muss. Wir sind blind für die Welt des anderen. Die biblische Erzählung von der Heilung eines Blindgeborenen wird manchmal als Märchen abgetan. Doch in dieser bildreichen Sprache steckt eine tiefe Wahrheit. Wenn Licht und Finsternis zusammentreffen, siegt physikalisch immer das Licht. Für Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, ist Blindheit freilich eine Katastrophe – und leider ist Heilung nicht immer möglich. Doch es gibt auch die Blindheit der Seele. Sie entsteht, wenn uns zur Begrenztheit unserer Wahrnehmung auch noch der behutsame und liebevolle Blick auf andere fehlt. Ein bewegendes Beispiel für ein Sehen mit dem Herzen ist für mich Franz von Assisi. Zuletzt war er fast blind. Aber gerade in dieser Zeit dichtete er den Sonnengesang als Lobpreis auf die Schönheit der Schöpfung. Die biblische Geschichte lädt uns ein, unseren eigenen Blick zu weiten: für den Menschen neben uns, der ein gutes Wort braucht. Für die Hoffnung, die irgendwo schon blüht – und für den Himmel, der uns einen neuen Weg zeigen möchte, der sich vielleicht schon längst aufgetan hat.

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