Tanken in Tirol – Krieg am Golf hat regionale Folgen

von Redaktion

Die Preise an den Tankstellen klettern weiter. Inzwischen kostet der Liter auch in und um Rosenheim fast durchgehend über zwei Euro. Jetzt schaltet sich die Bundesregierung mit zwei Maßnahmen ein. Viel Hoffnung auf Besserung gibt es aber nicht, und es bleibt die Frage, wer profitiert.

Rosenheim – Von dem Platz aus, an dem Sven Schubert an mehreren Tagen in der Woche steht, beobachtet er ein besonderes Phänomen. Er betreibt den Foodtruck „BossBurger“ und versorgt seine Kunden in der Region Rosenheim/Kufstein fast täglich mit frischen Burgern. Meist parkt er seinen Wagen dafür auf dem Parkplatz am Grenzübergang bei Oberaudorf – und damit nur wenige Meter von einer der ersten Tankstellen in Österreich entfernt. „Seit einigen Wochen ist hier schon ziemlich was los, es geht ganz schön zu“, sagt Schubert am Telefon.

Viele Autofahrer aus der
Region tanken im Ausland

Vor allem am Wochenende rolle der Verkehr nur so über die Innbrücke nach Österreich. Unter den Autos, die an seinem Stand vorbeifahren, seien auch viele Einheimische. Nach nur wenigen Minuten kommen sie zurück – vermutlich mit einem vollen Tank von der österreichischen Tankstelle. „Hin und wieder kommen einige Gäste auch von weiter weg zu mir, und verbinden das mit dem Tanken“, sagt Schubert.

Es dürften nicht die Einzigen sein, die einen Ausflug zum Tanken machen. Seit dem Nahost-Konflikt „flüchten“ viele Autofahrer aus der Region Rosenheim nach Österreich, um sich ein bisschen Geld zu sparen. „Wir sehen schon, dass es einige gibt, die den Unterschied von 20 Cent pro Liter mitnehmen wollen“, sagt Simon Dettendorfer. Er ist der Bereichsleiter Kraftstoff bei der Spedition Dettendorfer. Das Unternehmen betreibt sowohl in Raubling als auch in Kufstein eine Tankstelle. Und bei der in Österreich gebe es „leichte Zuwächse“, was die Zahl der Tankenden angeht. In Raubling sei es fast wie immer – mit einer „minimalen Tendenz“ nach unten.

Weil noch kein Ende bei den Spritpreisen abzusehen ist, hat sich jetzt die Bundesregierung eingeschaltet – und ein „Spritpreispaket“ auf den Weg gebracht. Der Inhalt: Eine Gesetzesänderung, mit der das Kartellamt „einfacher gegen marktbeherrschende oder marktmächtige Unternehmen aus dem Kraftstoffbereich vorgehen kann, wenn Hinweise auf unangemessen hohe Preise vorliegen“. Zudem sollen Tankstellen ähnlich wie in Österreich nur noch einmal am Tag – um 12 Uhr – die Spritpreise erhöhen dürfen. Bislang ändere sich der Preis für Benzin und Diesel bis zu 22-mal am Tag. Die neuen Regelungen sollen „möglichst noch vor Ostern“ kommen.

Auf Gegenliebe stößt das nicht überall. „Wir sehen die Pläne kritisch“, sagt Alexander von Gersdorff, Pressesprecher vom Wirtschaftsverband Fuels und Energie (En2x), auf OVB-Anfrage. Zu deren Mitgliedern zählen Unternehmen wie Jet, Esso, Shell und andere Firmen aus dem Kraftstoffbereich. Ähnlich ist die Reaktion beim Bundesverband der Freien Tankstellen und Unabhängiger Deutscher Mineralölhändler (bft). „Das Paket möchte grundsätzlich die richtige Ebene adressieren – nämlich Wettbewerb im Kraftstoffmarkt“, sagt bft-Geschäftsführer Daniel Kaddik auf OVB-Anfrage. Mehr Transparenz und eine wirksame Missbrauchsaufsicht seien „grundsätzlich richtig“. Der Weg sei aber der falsche. Besonders die einmalige Preiserhöhung am Tag sieht Kaddik kritisch. „Die Tankstellen geben die gestiegenen Einkaufspreise weiter, sie machen nicht die Handelspreise“, sagt Kaddik. Zumal er nicht glaubt, dass die Autofahrer wirklich davon profitieren. Auf den ersten Blick klinge es verbraucherfreundlich. Aber: „Wer seinen Preis nur einmal anheben darf, wird diese eine Erhöhung eher höher ansetzen, um mögliche Kostensteigerungen im Tagesverlauf abzufangen“, sagt der bft-Geschäftsführer. Es könne gut sein, dass dadurch nicht der Preis sinkt, sondern sich nur das Muster der Preisänderungen verändert. Dass Autofahrer mit der neuen Regelung Geld sparen können, glaubt auch Simon Dettendorfer nicht. „Das Produkt bleibt ja teuer“, sagt er. Einen Vorteil sieht er aber schon: „Die Konzerne können jetzt dann nicht mehr zum Beispiel in der Früh die Preise erhöhen, wenn viele Leute auf dem Weg in die Arbeit tanken“, sagt der Kraftstoff-Experte. Spontane Reaktionen auf das Tankverhalten der Kunden sei nicht mehr möglich. „Das macht es transparenter und die Leute haben weniger Stress, ständig die Preise zu vergleichen“, betont Dettendorfer.

Hohe Steuerabgaben
wohl Teil des Problems

Für Dettendorfer gebe es effektivere Möglichkeiten, um auf den Preis einzuwirken – zum Beispiel bei der Steuer. „Was viele vergessen: 60 Prozent vom Tankstellenpreis sind im Prinzip staatliche Abgaben“, sagt er. Noch mehr ins Detail geht Alexander von Gersdorff von En2x. Der Preis für einen Liter Benzin E10 setze sich folgendermaßen zusammen: 92 Cent pro Liter für den reinen Einkaufspreis – davon 35 Cent für staatlichen CO2-Preis und die staatliche Bio-Quote – 65 Cent für die Energiesteuer, zehn Cent für Transport, Logistik und Ähnliches sowie 32 Cent Mehrwertsteuer auf alles. „Das macht zusammen 1,99 Euro – für die Endkunden“, sagt der En2x-Pressesprecher.

Bei einem Preis von 2,10 Euro für einen Liter Diesel gehe ebenfalls „über die Hälfte des Preises ins Steuersäckel“, ergänzt Daniel Kaddik vom bft. Und der verbleibende Betrag sei auch nicht mit dem Gewinn für die Tankstellen und Konzerne gleichzusetzen. Dass den Tankstellenbetreibern jetzt das Kartellamt genau auf die Finger schaut, habe hingegen keine größeren Auswirkungen. Die geplante Verschärfung der Missbrauchsaufsicht richtet sich vor allem gegen Raffinerien und Großhandel. „Da ist mehr Kontrolle sinnvoll, weil dort auch die eigentliche Marktmacht liegt“, sagt der bft-Geschäftsführer.

Spritpreise könnten
weiter nach oben gehen

Sowohl er als auch Simon Dettendorfer könnten sich vorstellen, dass eine Änderung der Steuerabgaben helfen könnte, damit der Spritpreis runtergeht – zum Beispiel bei der Energiesteuer. Denn solange der Konflikt in Nahost anhalte, „bleibt auch der Preisauftrieb bestehen“, sagt Daniel Kaddik. Eine genaue Prognose, wie teuer es noch werden könne, gebe es aber nicht. Fest steht aber: „Je länger es dauert, umso weniger Produkt kommt auf den Markt, desto höher wird der Preis gehen“, macht Simon Dettendorfer deutlich.

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