Rosenheim – „Otto steigt, nun bei 53,3.“ Klaus Stöttners Stimme hallt durch das CSU-Büro im ehemaligen Wasserkraftwerk, die Ansagen des CSU-Kreisvorsitzenden haben Ähnlichkeit mit den Tiefenmeldungen eines U-Boot-Offiziers. Landrat Otto Lederer sagt nur „Mmhhh“ und blickt weiter konzentriert auf den Bildschirm. Ergebnisse aus dem Landkreis Rosenheim sind dort zu lesen, aus der Stadt Bad Aibling, aus der kreisfreien Stadt Rosenheim.
Und man muss schon genau hinschauen, will man da aus CSU-Sicht etwas halbwegs Erfreuliches lesen. Wie zum Beispiel den passablen, wenn auch nicht allzu deutlichen Vorsprung für Landrat Lederer gegenüber seinem Herausforderer Sepp Hofer (Freie Wähler). Bei dem Vorsprung bleibt es dann auch.
Gegen 19.45 Uhr sind alle 400 Wahllokale ausgezählt, mit 53,4 zu 46,6 Prozent holt Otto Lederer den Sieg. Lederer hat immerhin ziemlich genau 6300 Stimmen mehr als Hofer. „Froh und glücklich“ äußert sich Lederer darüber.
Aber da ist ja noch die andere Wahl. Andreas März steht in der kreisfreien Stadt Rosenheim im Duell mit Abuzar Erdogan von der SPD. Und schon wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale zeichnet sich ein historisches Ergebnis ab. Die SPD stürmt das Rathaus, mit 53,4 zu 46,6 Prozent genau umgekehrt zum Ergebnis der Landratswahl. Bei der CSU greift Fassungslosigkeit um sich. „Die Stadt ist brutal“, sagt Stöttner. „Aus unserer Sicht unverständlich“ sei das Ergebnis, sagt Katharina Kern von der CSU Oberaudorf.
So sei das halt, wenn ein Kandidat in Führung liege und seine Wähler dann denken, ihre Stimme in der Stichwahl sei eh nicht mehr notwendig, stellt der Landtagsabgeordnete Sebastian Friesinger fest. „Nach so langer Zeit…“, sinniert dann noch Klaus Stöttner, der sich zunächst gar nicht erinnern kann, wann das letzte Mal ein SPD-Oberbürgermeister in Rosenheim das Sagen hatte. Zum Glück gibt‘s Wikipedia und Smartphones und mit ihnen auch die Angabe zum letzten Genossen an der Verwaltungsspitze.
Herbert Springl hieß der, vor ziemlich genau 65 Jahren, am 23. März 1961, verließ er das Rathaus, nach nicht mal einem halben Jahr im Amt. Dann trifft noch Daniela Ludwig ein, sie lotet die Stimmung bei den Parteifreunden aus. Die CSU-Bundestagsabgeordnete hat neun Tage zuvor noch Innenminister Dobrindt nach Rosenheim geholt, um für Lederer und März zu werben. Am nächsten Tag kam noch Ministerpräsident Söder – für März reichte es nicht. Daniela Ludwig freut sich „sehr, wirklich sehr“ für Landrat Lederer, er habe die Wiederwahl verdient. Sie presst die Lippen aufeinander, schüttelt mit geschlossenen Augen den Kopf. „Meine Enttäuschung über das Ergebnis in der Stadt kann ich nicht in Worte fassen“, sagt sie schließlich. Die Stadt stehe gut da, es gebe doch keinen Grund, den amtierenden OB abzuwählen. Dieses Ergebnis müsse man nun in Ruhe analysieren.
Dann schwingt nochmals die Tür zum Wasserkraftwerk auf. Gabriele Bauer betritt den Flur zum Büro. Ein Kommentar zu den Stichwahlen? „Ich bin ganz draußen“, spricht die frühere Oberbürgermeisterin, sie will sich nicht äußern. Und dann sagt sie doch etwas: „Für Rosenheim beginnt eine neue Geschichte.“