Rosenheim/Mühldorf– Seit 1980 wird die Zeit in Deutschland regelmäßig umgestellt. Damals preschte die DDR mit der Idee vor. Ziel war, mit den zusätzlichen Sonnenstunden am Abend mehr Energie einzusparen. Die BRD musste sich dem Willen des Bruderstaates beugen. Andernfalls wären grenzübergreifende Terminabsprachen wohl im Chaos versunken. Am 6. April vor 46 Jahren wurde deshalb erstmals die Zeit in Ost- und Westdeutschland umgestellt. Doch stellte sich im Herbst heraus: Eingespart wurde durch die Zeitumstellung nichts. Also diskutierten beide Länder intensiv hin und her: Die Abschaffung der Zeitumstellung schien bereits beschlossen, dann entschied sich die DDR doch kurzfristig zur erneuten Umstellung im Folgejahr und die BRD zog wieder mit.
Gute Nachtruhe
ist Mangelware
Für schlechten Schlaf und Kopfzerbrechen sorgt die Zeitumstellung bis heute. Ebenso scheiterte bisher jede Diskussion über ihre Abschaffung immer wieder daran, dass man sich nicht auf Sommer- oder Winterzeit einigen kann. Nun ist es wieder so weit: in der Nacht auf morgen, Sonntag. Wir stellen die Uhren eine Stunde vor. Doch vorbereiten sollte man sich auf die Sommerzeit idealerweise bereits vier Wochen zuvor, weiß Schlafmediziner Prof. Dr. Peter Young vom Medical Park Bad Feilnbach.
Guter Schlaf – und Menschen zu gutem Schlaf verhelfen – ist sein Job. Deshalb blickt er auch mit Skepsis auf die Zeitumstellung. „Im Prinzip erleben wir am letzten Märzwochenende einen Mini-Jetlag“, weiß der Schlafexperte. Indem die Uhr eine Stunde nach vorn gestellt wird, fehlt uns daraufhin eine Stunde Schlaf.
Dieses Defizit macht sich im Körper bemerkbar, weiß Prof. Young. Auch bei Menschen, die keine Probleme mit schlechtem Schlaf haben, treten in den Tagen nach der Umstellung häufig Konzentrationsstörungen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden auf. „Laut Statistik klingen diese Beschwerden bei gesunden Menschen ohne Schlafstörung nach 2,6 Tagen wieder ab“, so der Schlafmediziner.
Doch leben wir in einer Gesellschaft, in der guter Schlaf zur Seltenheit wird. Menschen mit chronischer Durchschlafstörung, auch Insomnie genannt, etwa, stecken die Zeitumstellung nicht so einfach weg. Davon betroffen sind gemäß einer Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland rund sechs von 100 Personen, Tendenz steigend.
Ursachen für eine Insomnie können beispielsweise Stress, Schichtarbeit, lange Reisen, höheres Lebensalter oder ein verändertes Schlafverhalten sein. Letzteres geht unweigerlich mit der Zeitumstellung einher. Menschen, die ohnehin schon an einer Durchschlafstörung leiden, haben während dieser Zeit mit einer noch größeren Belastung zu kämpfen.
„Auch bei unseren Patienten vor Ort verschlechtern sich die Symptome während der Zeitumstellung deutlich”, weiß Prof. Young. Dazu gehören extreme Müdigkeit oder Leistungsschwäche sowie ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz- oder Hirninfarkte.
Young empfiehlt seinen Patienten deshalb, sich bis zu vier Wochen vor der Umstellung auf die neue Zeit vorzubereiten, sowohl im Frühjahr als auch im Herbst.
Idealerweise sollte man seinen Körper mit wöchentlich 15 Minuten weniger Schlafzeit auf die Umstellung vorbereiten. „Dieser Viertelstunden-Rhythmus ist für den Körper deutlich angenehmer und besser verträglich, als eine volle Stunde von einem Tag auf den anderen“, weiß Prof. Young.
Helfen kann bei einem gesunden Übergang in die Sommerzeit auch ein Tageslichtwecker, der den Schlafenden sanft in den Tag holt. Förderlich sei außerdem eine allgemeine Schlafhygiene. Dazu gehören einheitliche Schlafenszeiten und wenig blaues Licht am Abend. In anderen Worten: kein Bildschirm vor dem Einschlafen. Das von Handy, Laptop und Co. ausgehende, blaue Licht signalisiert dem Körper: „Es ist Tag.“ Die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin wird dabei gehemmt – und wir werden später müde. Da mit der Sommerzeit ohnehin eine Stunde Schlaf wegfällt, sollte man sich selbst besonders während der Umstellungsphase nicht künstlich zu lange wachhalten.
Weniger Schlaf, dafür
mehr Licht und Arbeit
Die Erfindung des künstlichen Lichts hat in den vergangenen 100 Jahren dafür gesorgt, dass unsere Gesellschaft durchschnittlich eine Stunde weniger nächtlichen Schlaf bekommt. „Damit ging eine Evolution der Arbeitswelt während der Industrialisierung einher: Das nächtliche Licht sorgt dafür, dass wir selbst in der Nacht produktiv bleiben können“, weiß der Schlafmediziner.
Zwar gibt es keine repräsentativen Untersuchungen zur Schlafqualität der Bevölkerung Anfang des 20. Jahrhunderts, doch geben bei einer repräsentativen Studie von 2025 42 Prozent der Deutschen an, in den vergangenen Monaten unter einer Schlafstörung gelitten zu haben.
Zurückführen lassen sich diese Störungen etwa auf Bildschirmnutzung, Arbeitsbelastung oder Stress. All diese Faktoren haben im Berufsalltag vieler Menschen, insbesondere seit der zunehmenden Digitalisierung, deutlich an Relevanz zugelegt. Untersuchungen über die Schlafqualität der vergangenen Jahrzehnte belegen die Tendenz zum schlechteren Schlaf.
Mit Ausgangssperren und Homeoffice-Regelungen habe sich während der Corona-Pandemie die durchschnittliche Schlafdauer wieder um rund 15 Minuten verlängert, doch sei die Qualität des Schlafs nicht besser geworden, weiß Prof. Young.
Abgesehen davon rät der Schlafmediziner seinen Patienten grundsätzlich von schweren Abendessen sowie von großen Mahlzeiten kurz vor dem Zubettgehen ab, da diese ebenfalls die Schlafqualität negativ beeinflussen können.
Die breite Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, wie groß die Bedeutung guten Schlafs ist, hat sich Prof. Young zur Aufgabe gemacht. Das Feld der Schlafforschung übt besondere Faszination auf den Mediziner aus, „weil es hier noch so viel Unentdecktes und Unerklärtes gibt“.
Doch in einer Sache ist er sich sicher: „Aus schlafmedizinischer Sicht macht eine EU-weit einheitliche Zeit ohne Umstellung Sinn. Ich bin hier als Schlafmediziner leider der Spielverderber, aber ich plädiere dringend für die Winterzeit”, bekennt Prof. Young. Die Winterzeit entspricht eher dem Biorhythmus des Menschen, als die Sommerzeit. „Zwar sind damit die Sommernächte kürzer”, bedauert der Schlafmediziner, doch ist die nächtliche Dunkelheit für den menschlichen Schlaf deutlich förderlicher als zusätzliche abendliche Sonnenstunden.