Weitere Justiz-Angestellte belastet Kroiß

von Redaktion

Im Prozess gegen den früheren Traunsteiner Gerichtspräsidenten Ludwig Kroiß wegen sexueller Belästigung hat eine weitere Justizbeamtin den Angeklagten belastet. Sie berichtete vor dem Landgericht München von Vorfällen, die bereits früher zu einem Annäherungsverbot gegen Kroiß geführt hatten.

Traunstein/München – Im Prozess gegen Professor Dr. Ludwig Kroiß wird vor dem Landgericht München weiterhin mit harten Bandagen gekämpft. Am vergangenen Montag ging es in den vierten Verhandlungstag. Der Prozess war geprägt von einer Zeugin, die den ehemaligen Präsidenten des Traunsteiner Landgerichts in einem schlechten Licht dastehen ließ. Die 45-Jährige arbeitet seit 2009 bei der Traunsteiner Justiz an verschiedenen Stellen – und machte auch so ihre Erfahrungen mit dem Angeklagten.

„Dann hat er mir so an
den Hals geschnauft“

Ganz wie Kroiß‘ Ex-Sekretärin, die mutmaßlich Geschädigte in dem Prozess, sei auch die Zeugin zum Umtrunk eingeladen worden: „An einem Freitagnachmittag schaute er noch bei mir im Büro vorbei. Und als es um mein berufliches Fortkommen ging, bot er mir an, doch mal einen Rotwein zu trinken.“ Dienstlich seien ihr solche Einladungen fremd, so die Beamtin.

Dann ein zweites Erlebnis mit ihrem damaligen Chef: „Vor dem Urlaub sagte ich spaßeshalber zu ihm, ob er noch meine restliche Arbeit machen wolle.“ Kroiß erwiderte: „Was wäre denn die Gegenleistung?“ Da habe sie sich schon ein Stück weit angemacht gefühlt, so die 45-Jährige.

Beim dritten Vorfall sei der Ex-Gerichtspräsident nach dem Jahresgespräch unter vier Augen auf sie zugekommen: Er habe sie an den Armen gepackt, sie fest umarmt „und mir so an den Hals geschnauft“, so die Zeugin. Sie fand klare Worte: „Es war eklig, ich war geschockt. Da war für mich eine Grenze überschritten, aber ich hab es über mich ergehen lassen.“

Da war auch für die Justizbeamtin der Punkt gekommen, an dem sie nicht mehr am Standort Traunstein arbeiten wollte. Strafbar waren die Vorfälle nicht, aber trotzdem hatten sie schon damals Konsequenzen für Ludwig Kroiß: Ihm wurde ein Annäherungsverbot an die Frau ausgesprochen. Zur angeklagten Tat konnte die Zeugin aber nichts sagen.

War es ein
„zielgerichteter Kuss“?

Was auch auffällt: Die drei Vorfälle spielten sich alle in der zweiten Jahreshälfte 2021 ab – also genau dann, als es auch zur sexuellen Belästigung von Kroiß‘ Ex-Sekretärin gekommen sein soll. Deshalb steht der frühere Präsident des Traunsteiner Landgerichts momentan vor Gericht.

Am 1. September 2021 soll er nach einem Feierabend-Umtrunk im Büro seine Sekretärin umarmt und auf den Mund geküsst haben. „Zielgerichtet“, habe er sie geküsst, sagte die 35-jährige Justizhauptsekretärin, als sie vor Gericht aussagte. Wenige Monate nach der Tat, von Dezember 2021 bis Februar 2022, begab sich die Ex-Sekretärin in stationäre Psychotherapie. Bis heute ist sie noch immer nicht dienstfähig.

Direkt nach dem Kuss verließ die Sekretärin fluchtartig das Gericht und traf sich mit einer Freundin, wie sie sagte. Auch diese Freundin wurde bereits im Prozess vernommen: „Sie hat gesagt, sie konnte es noch vermeiden, weil sie den Kopf zur Seite gedreht hat“, so sagte diese aus – aber „fertig mit der Welt“ sei sie gewesen.

Landete der Kuss also doch nur auf der Wange? Das wäre strafrechtlich nicht relevant. Bei den regelmäßigen Wein- und Alkoholtreffen im Büro des Chefs habe sie sich aber immer unwohl gefühlt, so die Sekretärin. Einige Monate nach dem Vorfall meldete sie diesen dann bei einer Beratungsstelle für Angehörige der bayerischen Justiz. „Sie hat mir von dem Kuss auf den Mund berichtet“, so die Psychologin, die am Montag ebenfalls als Zeugin vor dem Münchner Landgericht war.

Die Sekretärin habe damals zuerst weder ihren Namen, noch den von Kroiß genannt. „Sie wollte dem Angeklagten nichts Böses, sie wollte nur einen neuen Arbeitsort“, erinnert sich die Psychologin an die Telefonate mit der Geschädigten. „Verängstigt“ habe sie sich am Telefon angehört – und dreimal erwähnte die Zeugin: „Ich habe der Frau geglaubt.“

Verteidiger arbeiten
auf einen Freispruch hin

Ludwig Kroiß‘ Verteidiger bohrten nach: Konnte die Psychologin die Glaubwürdigkeit der Sekretärin überhaupt richtig einschätzen? Wollte die Sekretärin vielleicht nur „austesten“, was man ihr alles glaubt? Man merkt: Die Anwälte Philip Müller, Holm Putzke und Anita Süßenguth wollen unbedingt einen Freispruch.

Kroiß selbst notiert in den Verhandlungen immer fleißig mit, tauscht sich leise mit seinen Verteidigern aus – selbst hat er bisher aber noch nichts gesagt.

Der Berufungsprozess gegen den früheren Präsidenten des Traunsteiner Landgerichts wird am 31. März fortgesetzt. Das Urteil könnte am 24. April fallen. Am ersten Prozesstag, am 2. März, kam es noch zu stundenlangenKonflikten.Kroiß‘ Verteidiger versuchten anfangs mit verschiedensten Anträgen, die Verhandlung ganz zum Platzen zu bringen. Auch Befangenheit wurde Richterin Susanne Neupert vorgeworfen. In erster Instanz wurde der frühere Gerichtspräsident im Juni 2024 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ludwig Kroiß sprach damals von „Skandalen“ bei den Ermittlungen und witterte ein „Komplott“ gegen ihn. Bereits im Juli 2023 ging er vorzeitig in den Ruhestand.

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