Rosenheim – „In Deutschland sterben jedes Jahr rund 131.000 Menschen direkt an den Folgen des Tabakkonsums“, sagte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck im Kontext der Veröffentlichung des „Tabakatlas Deutschland 2025“. Umso wichtiger ist es, dass Raucher und ehemalige Raucher rechtzeitig Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen. Und eine davon ist seit dem 1. April für Risikopatienten nun Kassenleistung. Nämlich das Niedrigdosis-CT-Screening zur Lungenkrebsfrüherkennung. Im OVB-Interview erklärt Professor Dr. Stephan Budweiser, Chefarzt Medizinische Klinik III am Romed-Klinikum Rosenheim, warum diese Untersuchung wichtig ist – und was langjährige Raucher und Ex-Raucher nun tun sollten.
Wie sehr verändert der Start des Screenings für Kassenpatienten zum 1. April die Heilungschancen für Patienten im Vergleich zur bisherigen Praxis?
Dr. Stephan Budweiser: Da Lungenkrebs anfangs keine oder nur wenige unspezifische Symptome hervorruft, wird der Lungenkrebs heute bei ungefähr zwei Dritteln der Patienten erst in einem weit fortgeschrittenen oder sogar metastasierten Stadium entdeckt. Ziel des bundesweit als Kassenleistung eingeführten Lungenkrebsscreenings ist die Früherkennung von Lungenkrebs. Wird der Lungenkrebs schon in einem frühen Stadium entdeckt, sind die Heilungschancen zum Beispiel durch eine operative Entfernung des Tumors um ein Vielfaches besser.
Gilt das Angebot uneingeschränkt für ehemalige Raucher?
Die gesetzlichen Vorgaben haben versucht, sich an den durchgeführten Studien, aus denen der Nutzen der Früherkennungsuntersuchung auf Lungenkrebs belegt werden konnte, zu orientieren. Dementsprechend haben sich die Experten und der Gesetzgeber darauf geeinigt, vor allem Risikogruppen zu adressieren. Demnach wird die Lungenkrebsfrüherkennung Rauchern und Ex-Rauchern empfohlen, sofern diese mindestens 25 Jahre geraucht haben und dabei der Rauchstopp nicht länger als zehn Jahre zurückliegt. Zudem müssen die infrage kommenden Personen eine Tabakrauchbelastung von mindestens 15 Packungsjahren haben, das heißt zum Beispiel mindestens eine Schachtel Zigaretten über 15 Jahre oder eine halbe Schachtel Zigaretten über 30 Jahre geraucht haben.
Bei der neuen Untersuchung wird ein Niedrigdosis-CT genutzt. Wie hoch ist die Strahlenbelastung beim Niedrigdosis-CT im Vergleich zu einer herkömmlichen CT-Untersuchung der Lunge?
Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Tatsächlich ist das durchgeführte CT des Brustkorbes mit einer gewissen Strahlenbelastung verbunden, wobei statistisch dennoch die Krebssterblichkeit durch das Lungenkrebsscreening signifikant gesenkt werden kann. Um die Strahlenbelastung möglichst gering zu halten, wird das Lungenkrebsscreening mit einem sogenannten Niedrigdosis-CT durchgeführt. Die Strahlenbelastung beträgt dabei ungefähr 1 Millisievert. Demgegenüber beträgt die Strahlenbelastung bei einem „normalen“ diagnostischen CT ungefähr das Fünffache.
Wie lange dauert es im Idealfall von der ersten Beratung beim Hausarzt über das CT in der radiologischen Praxis bis zur endgültigen Gewissheit für den Patienten?
Dies hängt natürlich davon ab, welcher Befund bei der ersten Niedrigdosis-CT erhoben wurde. Nach Identifizierung, Information und Aufklärung des Patienten durch den Hausarzt kann eine Überweisung zum Radiologen meist innerhalb weniger Tage erfolgen. Die Befundung selbst erfolgt dann unmittelbar durch den Radiologen mit anschließender Befundmitteilung an den Hausarzt. Dieser bespricht dann den Befund mit dem Patienten. Ergibt sich ein auffälliger, ein abklärungsbedürftiger Befund, wird, nach vorheriger Einholung des Einverständnisses, die Weiterleitung der CT-Bilder an den sogenannten Zweitbefunder veranlasst. Kommen die beiden Radiologen übereinstimmend zu der Einschätzung, dass ein konkreter Krankheitsverdacht besteht, erfolgt eine Besprechung der CT-Bilder beziehungsweise des Befundes in der Lungen-Tumorkonferenz. Auch dies geschieht innerhalb von wenigen Tagen.
Wie kann man sich eine solche Lungen-Tumorkonferenz vorstellen?
Der ganze Prozess des Lungenkrebszentrums ist darauf ausgerichtet, dass verschiedene ärztliche Fachgruppen und Experten zusammenarbeiten, um immer das optimale Vorgehen für jeden Teilnehmer zu besprechen und dem Patienten einen abgestimmten Vorschlag zu unterbreiten. Im interdisziplinären Tumorboard am Romed-Klinikum Rosenheim bespricht ein hoch spezialisiertes Ärzteteam aus Pneumologen (Lungenärzten), Thoraxchirurgen, Strahlentherapeuten und anderen Fachdisziplinen, wie mit einem verdächtigen Befund konkret umzugehen ist. Beziehungsweise ob gegebenenfalls eine weitere Abklärung mittels einer Lungenspiegelung oder eine weitere radiologische Untersuchung sinnvoll ist. Auch die Option einer Entfernung des verdächtigen Lungenherdes wird besprochen. Diese Entscheidungen werden immer in einem Konsens mit allen beteiligten Ärzten und Spezialisten getroffen. Die in der Tumorkonferenz beteiligten Ärzte haben eine sehr hohe Erfahrung in der Diagnostik und Behandlung des Lungenkrebses.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an langjährige Raucher, die aus Angst vor einer möglichen Diagnose den Weg zum Arzt bisher gescheut haben?
Nehmen Sie als Raucher und ehemaliger Raucher dieses Angebot unbedingt wahr und kontaktieren Sie schon heute Ihren Hausarzt! Eine Früherkennung von Lungenkrebs bietet hervorragende Behandlungsmöglichkeiten! Das Angebot zur Lungenkrebsfrüherkennung umfasst übrigens auch eine Aufklärung zum Rauchstopp. Auch deshalb lohnt es sich, dieses Angebot anzunehmen. Patricia Huber