Blackout zeigt: Auf Mobilfunk im Notfall kein Verlass

von Redaktion

Drei Stunden ohne Strom und kein Netz fürs Handy. Der großflächige Ausfall in 26 Gemeinden sorgt für ein politisches Nachspiel. Bürgermeister üben scharfe Kritik an der Informationspolitik und warnen vor den Gefahren eines instabilen Kommunikationsnetzes im Chiemgau.

Chiemgau – Als am vergangenen Mittwochnachmittag bei über 60.000 Bürgen in 26 Chiemgauer Gemeinden die Lichter ausgingen, versagte nicht nur das Stromnetz. In weiten Teilen der Region kollabierte auch die zivile Kommunikationsinfrastruktur – und legte damit massive Schwachstellen bei der Stabilität der Mobilfunknetze und im offiziellen Warnsystem offen.

Vier Umspannwerke
fielen aus

Der Ausfall selbst war flächendeckend. Vier Umspannwerke in Prien, Grassau, Siegsdorf und Grabenstätt fielen laut dem Netzbetreiber Bayernwerk aus. Doch während in Zentren wie Prien das Licht im Kern der Gemeinde glücklicherweise bereits nach rund einer Stunde zurückkehrte, dauerte die Störung in Randgebieten wie dem Bernauer Ortsteil Eichet oder in Bad Endorf und Aschau bis kurz vor 18 Uhr. Für viele Betroffene war es somit ein fast dreieinhalbstündiger Blackout.

Verhängnisvoll wurde die Situation erst durch den gleichzeitigen, schnellen Zusammenbruch der zivilen Kommunikation. Während der Digitalfunk der Einsatzkräfte laut Polizei durchhielt, waren manche Bürger regelrecht von der Außenwelt abgeschnitten. Besonders drastisch zeigte sich das im Mobilfunknetz. Rosemarie Steffl, Geschäftsleiterin der Gemeinde Übersee, berichtet: „Als nach fünf Minuten auch der Handyempfang weg war, dachten wir, es wird schlimmer.“ Betroffen sei in Übersee vorwiegend das Telekom-Netz gewesen.

In Bernau hielten die Netze laut Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber nur rund 30 Minuten durch. Ihr Urteil fällt entsprechend deutlich aus: „Ich hätte aber gehofft, dass wir länger Mobilfunk gehabt hätten.“ Diese kurze Zeit sei „zu wenig, definitiv“ und insbesondere für den Bereich der Autobahn A8 ein unkalkulierbares Risiko. Ihr Fazit lautet: „Wir können nicht auf den Mobilfunk vertrauen.“ Anfragen an die Deutsche Telekom und Vodafone zur Ausfallsicherheit ihrer Netze blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Telefónica (O2) teilte allgemein mit, dass es nach Ablauf der Überbrückungszeit zu Einschränkungen kommen könne.

Dieser schnelle Kollaps der Netze führte schließlich auch an manchen Stellen das offizielle Warnsystem des Bundes ad absurdum. Die behördliche Warnung per Cell Broadcast verpuffte beinahe wirkungslos. Sie wurde erst um 15.32 Uhr von den Behörden verschickt – fast eine Stunde nach Beginn des Stromausfalles. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Mobilfunkmasten bereits ohne Strom. Die Folge: Die Warn-SMS erreichte die Handys der Bürger erst, als der Strom schon wieder floss.

Aschaus Bürgermeister Simon Frank berichtet von drastischen Einschränkungen. Sein Krisenstab musste feststellen: „Auch die Integrierte Leitstelle (ILS) Rosenheim war zeitweise nicht erreichbar.“ Daher wurden Feuerwehrfahrzeuge an den eingerichteten Bürgeranlaufstellen im Rathaus-Foyer in Aschau und in der Alten Schule in Sachrang positioniert.

Doch wie kam es eigentlich zu dem großflächigen Stromausfall? Die offizielle Begründung des Bayernwerk lautet: Eine technische Störung im Hochspannungsnetz habe zur Trennung der Umspannwerke geführt. Brisant ist jedoch ein Nebensatz in der Pressemitteilung: „Zeitgleich wurden am Netz planmäßige Instandhaltungsarbeiten durchgeführt, die nicht ursächlich für den Stromausfall waren.“

Diese Aussage steht im direkten Widerspruch zu den Informationen aus den betroffenen Gemeinden. Priens Zweiter Bürgermeister Michael Anner bestätigt, dass die für den 1. April geplanten Wartungsarbeiten an einer Trafostation am Morgen desselben Tages vom Bayernwerk kurzfristig abgesagt worden sind. Ein Vorgang, der für die Gemeinde mit erheblichem Aufwand verbunden war. Anner sieht zwar keinen direkten Zusammenhang, bezeichnete das Timing aber als „kuriosen Zufall“.

Laut der Bayernwerke ging das Umspannwerk in Prien erst um 17.39 Uhr wieder vollständig ans Netz; Die Vollversorgung ließ somit stundenlang auf sich warten. Die Kommunikation des Netzbetreibers mit den Krisenstäben vor Ort war dabei lückenhaft. „Mit den Bayernwerken fand während und auch nach dieser Zeit keine Kommunikation statt“, berichtet Bernaus Bürgermeisterin Biebl-Daiber. Sie erfuhr den Grund des Ausfalls nur über einen Umweg von der Feuerwehr. Ähnliches berichten die Bürgermeister aus Ruhpolding und Siegsdorf. Thomas Kamm aus Siegsdorf sieht hier ein strukturelles Problem. Er bezeichnet seine Gemeinde als „Wurmfortsatz des Netzwerkes“, in dem es regelmäßig zu Ausfällen komme.

Digitalfunk der Polizei hielt dem Stresstest stand

Die staatliche Kerninfrastruktur hielt dem Stresstest dagegen stand. Daniel Katz, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, bestätigt: „Der Digitalfunk der Einsatzkräfte war zu keinem Zeitpunkt vom Stromausfall betroffen und hat durchgängig funktioniert.“ Die Polizei sei auf derartige Vorkommnisse vorbereitet. Meldungen über Störungen der ILS seien ihm nicht bekannt. Dies deutet darauf hin, dass die Nichterreichbarkeit der Leitstelle vor allem auf den Kollaps der zivilen Telefon- und Handynetze zurückzuführen ist. „Wir nehmen zu jedem Zeitpunkt die Sorgen der Bevölkerung ernst“, so Katz. Straftaten im Zusammenhang mit dem Blackout oder akute Gefahrenlagen seien aber nicht festgestellt worden.

Auch seitens des Traunsteiner Landratsamts ist Erleichterung über den vergleichsweise glimpflichen Ausgang des Blackouts zu vernehmen: „Der Fachbereich Katastrophenschutz war bei der Erhebung des Lagebildes eingebunden und informierte die internen Stellen. Ein weiteres Eingreifen war nicht notwendig. (…) Nach aktuellem Kenntnisstand waren keine Einrichtungen des Landkreises betroffen. Entsprechende Meldungen zu Beeinträchtigungen liegen dem Landratsamt nicht vor,“ heißt es auf Nachfrage von Pressesprecher Michael Reithmeier.

Zurück bleibt das Bild eines Netzes – Strom wie Mobilfunk –, das im Ernstfall schneller reißt als gedacht. Eine Erkenntnis, die für Unruhe sorgt: Während die Helfer vor Ort ihre Pläne im Griff hatten, offenbarten die großen Infrastrukturbetreiber und Teile des offiziellen Warnsystems empfindliche Lücken.

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