Chiemgau – Plötzlich war es still. In Ruhpolding wurde ein alltäglicher Vorgang zur Falle: Ein 14-jähriges Mädchen saß in einem Aufzug fest. Im Mammut-Museum in Siegsdorf mussten Besucher reibungslos ins Freie geleitet werden. In Bergen schwiegen sämtliche Sirenen. Es waren diese Momente am Mittwochnachmittag (1. April), in denen die abstrakte Meldung eines „Stromausfalls“ zur greifbaren Realität wurde. Doch so viel steht fest: Das lokale Sicherheitsnetz bestand hier eine unangekündigte Zerreißprobe.
Während die überregionalen Systeme versagten, liefen in den Rathäusern und Feuerwachen des Chiemgaus die Notfallpläne an. Die erste Stunde war geprägt von einem Agieren im Blindflug, da Informationen vom Netzbetreiber Bayernwerk nicht ankamen. „Wir haben keine verlässlichen Informationen vom Stromversorger erhalten“, erklärt Aschaus Bürgermeister Simon Frank. Sein Krisenstab musste vom Schlimmsten ausgehen und befürchtete, dass die Störung über Nacht andauern könnte.
Die Konsequenz war die sofortige Aktivierung des kommunalen Notfall- und Maßnahmenkonzepts. Eine Stunde nach dem Ausfall saßen die Feuerwehrkommandanten und Amtsleiter zusammen. Eine weitere Stunde später wurden das BRK und die Bergwacht hinzugezogen. Netzersatzanlagen für die Trinkwasserversorgung wurden vorbereitet und Notversorgungsstellen in Schulen geplant.
Dieses Bild wiederholte sich in der gesamten Region. In Prien reagierte man auf den unangekündigten Ernstfall routiniert, obwohl man morgens noch die Absage geplanter Wartungsarbeiten durch das Bayernwerk kommuniziert hatte. „Wir haben in Sachen kritische Infrastruktur sehr schnell reagiert“, berichtet der zweite Bürgermeister Michael Anner. Der Bauhof begann umgehend damit, die eigenen Notstromaggregate zu verteilen.
Es war ein fundamentaler Kontrast: Die digitale Infrastruktur kollabierte, das Handynetz war nach wenigen Minuten weniger als nur lückenhaft verfügbar und die offiziellen Meldungen der Warn-App kamen vielerorts nicht an. Im Gegensatz dazu funktionierte das analoge Sicherheitsnetz aus Menschen und Maschinen. Die Polizei blieb einsatzbereit. „Der Digitalfunk der Einsatzkräfte war zu keinem Zeitpunkt vom Stromausfall betroffen und hat durchgängig funktioniert“, bestätigt Polizeisprecher Daniel Katz. Die Dienststellen in Prien und Grassau blieben dank eigener Sicherungssysteme arbeitsfähig.
Auch die Gemeinden bewiesen ihre Resilienz. In Bernau organisierte man die Notstromaggregate zentral. Die Feuerwehr fuhr proaktiv sensible Einrichtungen wie das Altenheim und die Justizvollzugsanstalt ab, um vor Ort Unterstützung zu leisten. Bürgermeisterin Irene Biebel-Daiber lobte die Eigeninitiative ihrer Mitarbeiter. Ihr Fazit aus dem Kommunikationschaos ist klar: „Wir können nicht auf den Mobilfunk vertrauen, Gott sei Dank haben wir auf Gemeindeebene kurze Wege.“
Diese Erfahrung teilten viele. Als in Grassau besorgte Bürger ins Rathaus kamen, wurden sie von den Mitarbeitern betreut. Die zweite Bürgermeisterin Daniela Ludwig lobte die Besonnenheit ihres Teams, das Ruhe vermittelte und den Kontakt zu den Bürgern aufrechterhielt. In Marquartstein kamen ebenfalls vereinzelt Menschen zur Gemeindeverwaltung. Sie war der letzte funktionierende Ankerpunkt, als Telefone und Internet schwiegen. Ähnliche Aussagen auch von Michael Reithmeier aus Traunstein: „Seitens der Feuerwehren wurden gemäß Konzept Stromausfall eigenständig Maßnahmen ergriffen. Dazu zählten insbesondere die Besetzung der Feuerwehrhäuser als Anlaufstellen für Bürger, die Sicherstellung der Kommunikation über Digitalfunk mit der Integrierten Leitstelle sowie Kontrollfahrten zu neuralgischen Punkten“, so der Pressesprecher vom Traunsteiner Landratsamt.
Der Blackout legte schonungslos die Abhängigkeiten der modernen Gesellschaft offen. „Man merkt in so einer Situation erst, wie abhängig man vom Strom ist“, resümiert Michael Anner aus Prien. Auch die lokalen Notfallpläne werden nun nachgeschärft. In Bernau will man die hauseigene EDV künftig noch besser mit Notstrom überbrücken. In Aschau hat man die Erfahrung gemacht, dass auch eingespielte Vorsorgemaßnahmen Verbesserungspotenziale offenbaren.
Die Bürgermeister waren sich einig: Das Sicherheitsnetz der lokalen Gemeinschaften hat gehalten. Es war ein Netz aus funktionierenden Notfallplänen, kurzen Wegen und Menschen, die im entscheidenden Moment ihren Job erledigten. Die Befreiung des Mädchens aus dem Aufzug in Ruhpolding steht symbolisch für diesen Erfolg im Kleinen. Während die großen Netzbetreiber im Dunkeln tappten, sorgten die Helfer vor Ort dafür, dass aus dem Systemkollaps keine Katastrophe wurde.Sascha Ludwig