Rosenheim – Die Epstein-Akten senden weiter und anhaltend Schockwellen über die Erde. Tagtäglich werden neue, erschütternde Fakten bekannt, die unbekannte Menschen ebenso wie Prominente belasten oder ins Zwielicht setzen. Der Sexualstraftäter, der 2019 in seiner Gefängniszelle tot aufgefunden wurde, hatte offenbar ein unfassbares Netzwerk des Missbrauchs aufgebaut.
Ferne Ausläufer dieser Wellen erreichen nun Rosenheim. Auf einer der drei Millionen Seiten, die das US-Justizministerium in seiner „Epstein-Library“ veröffentlicht hat, taucht der Name der Stadt auf. Rosenheim? Rosenheim! Es geht um einen riesigen und geheimen Waffendeal, der den Lauf der Weltgeschichte verändert hat.
Wie kam es dazu? Erste Erklärungen ergeben sich während der Suche nach dem vermeintlich belastenden Dokument. Man erkennt, in welchem Ausmaß die Welt digital vernetzt ist. So vernetzt, dass man über ein paar Ecken viele Menschen mit allem Möglichen in Verbindung bringen kann.
Man lernt auch einiges über das Internet. Etwa, wie wichtig der Kontext ist. Denn es tauchen oft genug auch Namen in den Dokumenten auf, die in keinerlei direktem oder gar strafrechtlich relevantem Zusammenhang mit den monströsen Sex-Machenschaften Epsteins stehen. Namen von Menschen, die nie mit ihm zusammentrafen. Namen von Orten, wo er nie war.
So ist auch der Name eines früher in Rosenheim tätigen Managers in den Tiefen der Files verborgen. Und zwar ohne jeden Zusammenhang mit dem Straftäter. Ein Freund Epsteins hatte sich wegen eines Rückenleidens via Mail bei einem Münchner Mediziner erkundigt und Epstein davon berichtet. Der Arzt schrieb von seinem Klinik-Account aus zurück. In der Signatur der Mail taucht auch der Name des besagten Managers auf. Als Beifang, kann man sagen, als für die Klinik mitverantwortlicher Geschäftsführer.
Die Zahl der Dokumente ist erdrückend. Epstein vernetzte sich geschickt, plauderte mit Kumpels, Geschäftspartnern und Komplizen immer wieder über Punkte gemeinsamen Interesses. Es ging längst nicht immer um Sex und Orgien, sondern auch um Informationen. Man korrespondierte im VIP-Zirkel des Jeffrey Epstein gelegentlich auch über Fragen der Politik. Mit dem früheren israelischen Premierminister Ehud Barak diskutierte Epstein beispielsweise über das Außenbild der USA im Nahen Osten. Links zu Artikeln gingen hin und her.
Die deutsch-israelische Zusammenarbeit stand dagegen im Mittelpunkt einer E-Mail-Abfolge zwischen Epstein und dem norwegischen Diplomaten Terje Rød-Larsen. Und eben da kommt Rosenheim ins Spiel. Larsen schickte Epstein eine Mail mit einem „Spiegel“-Artikel. Das Hamburger Magazin berichtete darin über den geheimen Waffendeal, den Franz Josef Strauß als Verteidigungsminister der noch jungen Bundesrepublik mit dem ebenso jungen Israel auf den Weg brachte.
Im Dezember 1957 traf sich Strauß mit einer israelischen Delegation. Der Bayer war ein überzeugter Freund Israels. Zwar befürwortete auch Kanzler Adenauer eine Kooperation. Strauß aber, eigensinnig und konsequent, überschritt die Weisungen des Kanzlers noch. Mit dem Leiter der Delegation, Shimon Peres, dem späteren Premier und Staatspräsidenten Israels, besprach er eine Aktion, die dazu beitragen sollte, dass Israel 1967 den Sechstagekrieg gewinnen konnte. Im Geheimen zweigte Strauß Waffen und Fahrzeuge aus den Lieferungen für die im Aufbau befindliche Bundeswehr ab. Waffen, die thrillertauglich nach Israel geschmuggelt wurden.
Strauß habe die Israelis in seinem Wohnhaus in Rott am Inn empfangen, „nahe Rosenheim“. Das schrieb Jahre später der „Spiegel“. Und nochmals einige Jahre später schickte Larsen den englischen Text der internationalen Ausgabe des Magazins 2012 per Mail an Epstein. Deswegen taucht Rosenheim in den „Epstein Files“ auf. Als warnendes Beispiel auch dafür, wie schnell aus Internet-Fundstücken eine schräge Theorie gebastelt werden kann.