Rosenheim – Mehrere Werkstätten laden ein ins „Offene Atelier“ Wenn vom 10. bis 12. April wieder die Europäischen Kunsthandwerkstage (ETAK) stattfinden, öffnet sich für Besucherinnen und Besucher ein besonderer Blick hinter die Kulissen: Werkstätten werden zu offenen Ateliers, Handwerkerinnen und Handwerker lassen sich über die Schulter schauen, erklären Techniken und laden zum Mitmachen ein. Das europaweite Format hat sich längst als feste Größe im Kulturkalender etabliert – und setzt bewusst ein Zeichen für Qualität, Regionalität und die kulturelle Bedeutung des Handwerks. Gerade in einer Zeit industrieller Massenproduktion rücken die ETAK das Individuelle in den Mittelpunkt: Ob Keramik, Textil, Holz oder Leder – überall entstehen Unikate, die Geschichten erzählen und oft in jahrhundertealten Techniken verwurzelt sind. Auch in Stadt und Landkreis Rosenheim zeigt sich 2026 einmal mehr die große Bandbreite des zeitgenössischen Kunsthandwerks. Zahlreiche Werkstätten öffnen ihre Türen und machen deutlich, wie lebendig die Szene zwischen Alpenrand und Inn ist. Von Gebrauchskeramik über Designobjekte bis hin zu experimentellen Materialien reicht das Spektrum – stets geprägt von handwerklicher Präzision und persönlicher Handschrift. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Verbindung von traditionellem Handwerk und zeitgenössischem Design ist DØRFKIND Keramik. Die Werkstatt von Keramikerin Manuela Hollerbach hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe im regionalen Kunsthandwerk entwickelt. Hollerbach, ausgebildete Keramikerin und Innenarchitektin, verbindet in ihrer Arbeit gestalterisches Feingefühl mit handwerklicher Präzision. Ihre Stücke entstehen überwiegend an der Drehscheibe und sind bewusst als Unikate gedacht – jedes Gefäß trägt eine eigene Handschrift und kleine, gewollte Unregelmäßigkeiten.
Namhafte Spitzenköche setzen auf individuell gefertigte Serien aus Höslwang – ein Beleg für die hohe gestalterische und funktionale Qualität der Arbeiten.
Während der Europäischen Kunsthandwerkstage öffnet Hollerbach ihre Werkstatt als Schauatelier. Besucher können den Entstehungsprozess direkt miterleben – vom Drehen des Tons über das Trocknen bis hin zum Glasurbrand, ein mehrwöchiger Prozess, der Geduld und Erfahrung verlangt. Ein besonderer Anziehungspunkt in der Stadt ist das Atelier von Kathrin Schiefer, die mit ihrer handgewebten Mode weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregt. Die Schneidermeisterin steht für konsequente „Slow Fashion“: Ihre Stoffe entstehen in aufwendiger Handarbeit aus natürlichen Materialien wie Schafwolle oder Alpaka, die Verarbeitung erfolgt regional.
Daraus entwickelt sie zeitlose Kleidungsstücke mit klarer Formensprache und hoher Langlebigkeit. Während der Kunsthandwerkstage gewährt sie Einblicke in ihre Arbeitsweise – vom Rohmaterial bis zum fertigen Kleidungsstück.
Einen ebenso konsequenten Gegenentwurf zur Massenproduktion verkörpert der Schuhkreateur Jonathan Rösch aus Stephanskirchen. In seiner Werkstatt entstehen Maßschuhe in rund 300 Arbeitsschritten – nahezu vollständig von Hand gefertigt und individuell an die Träger angepasst. Rösch arbeitet mit traditionellen Materialien wie Leder, Hanf oder Naturharzen und verzichtet weitgehend auf maschinelle Unterstützung. Seine Philosophie ist klar: Qualität vor Quantität. Wie wichtig das Bewahren handwerklicher Techniken ist, zeigt auch das Rosenheimer Stuhlgeflecht Bachinger. In der Werkstatt von Wolfgang Bachinger werden beschädigte Sitzflächen und Lehnen mit großer Sorgfalt restauriert oder neu gefertigt – etwa mit klassischem Wienergeflecht, Binsen oder Papierschnur.
Das Handwerk hat in seiner Familie eine lange Tradition und wird seit Generationen weitergegeben. Gerade in Zeiten schnelllebiger Möbelproduktion setzt Bachinger damit ein Zeichen für Nachhaltigkeit: Statt Wegwerfen steht das Reparieren und Erhalten im Mittelpunkt. afr