Rosenheim/Chiemgau – „Persönlich“ kennt ihn kaum jemand, den Chiemgauer Wolf. Seit mindestens zwei Jahren streift das Tier durch die Chiemgauer Alpen. Bis auf ein paar Risse von Rotwild, zwei alte Fotos und eine angebliche Begegnung mit einem Jäger ist von dem männlichen Wolf wenig zu sehen oder zu hören. Weil das Tier mit dem Namen „GW4028m“ allerdings regelmäßig im Chiemgau nachgewiesen wird, gilt es als standorttreu. Bekannt ist über den Wolf aber wenig. Im Gespräch mit dem OVB verrät Dr. Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtierstiftung, wie das Verhalten des Chiemgauer Wolfes einzuschätzen ist und wie der „Alltag“ des Tieres aussieht.
Der Chiemgauer Wolf ist seit mindestens zwei Jahren hier, gesehen hat ihn kaum jemand. Und das, obwohl in „seinem Revier“ viele Wanderer unterwegs sind, viel Forstwirtschaft betrieben wird – wie passt das zusammen?
Das ist relativ einfach zu erklären: Bei einem einzelnen Wolf ist es nicht so, dass das Tier ständig herumläuft und ständig an anderer Stelle auftaucht. Noch dazu, wenn es sich um ein Individuum handelt, das womöglich gelernt hat, den Menschen ein Stück noch weiter zu meiden, als es Wölfe sowieso schon tun. Vermutlich ist der Wolf fast ausschließlich nachts unterwegs und versteckt sich tagsüber. Da ist es plausibel, dass er nicht von Wanderern oder anderen Menschen im Wald gesehen wird.
Der Wolf meidet gezielt die Menschen?
Das machen Wölfe immer. Für jeden wild lebenden Wolf ist es Stress, wenn er eine Menschenbegegnung hat. Ein Beispiel: Ich lebe in der Lüneburger Heide, wir haben hier acht Wolfsrudel. Das sind im Landkreis ungefähr 100 Tiere. Aber selbst da ist es extrem selten, dass man einem begegnet. In meinem Umfeld passiert das vielleicht vier- oder fünfmal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, einen Wolf nicht zu sehen, ist wesentlich größer, als einen zu Gesicht zu bekommen. Wenn in dem Gebiet viele Wildtierkameras hängen, ist es schon wahrscheinlich, dass er irgendwann auf einer zu sehen sein sollte.
Wie sieht denn salopp gesagt der „Alltag“ eines Wolfs aus?
Das ist bei jedem Tier anders. Wie Menschen auch ist der eine etwas aktiver, der andere etwas fauler. Der übliche Tagesrhythmus der allermeisten wird aber sein, dass sie tagsüber schlafen, verdauen, sich ausruhen und in der Dämmerung dann aktiv werden, um nachts zu jagen. Abweichungen davon gibt es meist nur zur Paarungszeit oder wenn die Tiere ihren Nachwuchs aufziehen. Wenn ein Wolf tagsüber herumläuft, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er auf der Suche nach einem neuen Revier ist. Standorttreue Tiere werden eher in der Nacht herauskommen und jagen, weil sie einschätzen können, ob sie da dann einem Menschen begegnen. So kann es unter Umständen vorkommen, dass sie bei Tageslicht unterwegs sind, zum Beispiel in sehr menschenleeren Gebieten.
Man hört allerdings auch immer wieder, dass Wölfe bis zu 70 Kilometer am Tag herumlaufen.
Das trifft eher auf die wandernden Tiere zu, die ein Territorium suchen. Standorttreue Wölfe haben natürlich schon ein großes Revier, aber es macht keinen Sinn, dass sie so viele Kilometer am Tag zurücklegen. Die müssen auch Ressourcen sparen und wenn es in ihrem Gebiet genügend Beute gibt, müssen sie dafür keine Energie einsetzen.
Der Wolf im Chiemgau verschwindet immer mal wieder für mehrere Monate von der Bildfläche – normal?
Bei einem einzelnen Tier sind die Funde von gerissenen Tieren absoluter Zufall. Noch dazu, wenn das Gebiet groß ist. Und selbst wenn dort ein verendetes Wildtier auftaucht, muss der Riss frisch genug sein, um die DNA des Wolfes zu sichern. Es ist nichts Besonderes, wenn es für einen längeren Zeitraum keinen Nachweis gibt.
Wie und was jagt ein einzelner Wolf?
Ein einzelner Wolf jagt anders, als ein Rudel vorgeht. Er wird sich eher anschleichen, im Rudel sind auch Treibjagden möglich. Ein Einzeltier wird auch ganz selten einen großen Hirsch erlegen können. Das schaffen sie nur gemeinsam. Ein Individuum wird sich mehr auf Rehe oder ein Rotkalb konzentrieren.
Der Chiemgauer Wolf hat bislang kein Nutztier erlegt, seine DNA wurde nur an Wildtieren gefunden – Zufall?
Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Das zeigt schon allein die Statistik: Nur zwei bis drei Prozent der von Wölfen zu Nahrungszwecken gerissenen Tiere sind Nutztiere. Und wenn es in seinem Lebensraum genügend Beute gibt, ist es plausibel, dass er keine Nutztiere angreift.
Der Wolf stammt aus der Alpenpopulation und wird seit 2024 im Chiemgau immer wieder nachgewiesen. Lässt das einen Rückschluss auf sein Alter zu?
Ein eindeutiger Rückschluss ist damit nicht möglich, nein. Aber ein Jährling – befindet sich im zweiten Lebensjahr – wird er wahrscheinlich nicht mehr sein. Ich könnte mir vorstellen, dass er drei Jahre oder etwas älter ist.
Und wie alt werden Wölfe?
In freier Wildbahn können Wölfe etwa zehn Jahre oder ein wenig älter werden, der Durchschnitt liegt aber weit darunter.
Der Chiemgauer Wolf könnte noch eine Weile hierbleiben.
Wenn er jetzt bereits zwei Jahre dageblieben ist, dann wird er auch weiterhin bleiben. Zumal auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich in die Region ein weiteres Tier gesellt und es zu einer Rudelbildung kommt.
Daran ändert auch nichts, dass das Tier männlich ist und auf der Suche nach einem Weibchen doch noch weiterzieht?
Eher nicht, dafür ist er mittlerweile schon zu lange sesshaft.
Das Tier scheint auch sehr scheu zu sein, aus welcher Entfernung können Wölfe Menschen wahrnehmen?
Wenn der Wind günstig steht, können die Tiere uns aus mehreren hundert Metern Entfernung wahrnehmen und verschwinden auch, bevor wir überhaupt etwas mitbekommen haben.
Das Revier des Chiemgauer Wolfs umfasst auch mehrere hundert Quadratkilometer – die Chance, ihn zu Gesicht zu bekommen, wird so sehr gering sein?
Ja, absolut. Er scheint es verstanden zu haben, Menschen zu meiden. Deshalb wird man einen langen Atem haben müssen, wenn man ihn beobachten möchte. Die Chancen sind sehr gering.
Der Fall in Hamburg, bei dem ein Wolf eine Frau mitten in der Stadt verletzt hat, hat für großes Aufsehen gesorgt. Wie ist das Verhalten nach Ihren Schilderungen zu erklären?
Das war extrem außergewöhnlich und das ist auch in dem Sinne gar kein Verhalten gewesen. Der Wolf ist ja nicht bewusst in die Stadt gegangen, das war eine Verkettung von Zufällen und falschen Entscheidungen des Tieres. Danach hat sich das Tier extrem in die Enge gedrückt gefühlt. Das ist aber ein absoluter Einzelfall.
Wanderer im Chiemgau können weiterhin ohne Sorgen durch die Wälder streifen?
Ja, auf jeden Fall. Der Fall war der erste dokumentierte Angriff eines gesunden und nicht an den Menschen gewöhnten Wolfs in den vergangenen 200 Jahren. Man kann nie ausschließen, dass es wieder passiert, aber es ist äußerst unwahrscheinlich.
Julian Baumeister