Rosenheim – Die TH Rosenheim hat gemeinsam mit den Sektionen Traunstein und Salzburg des Deutschen Alpenvereins (DAV) und des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) sowie der Fachhochschule Salzburg das grenzüberschreitende Forschungsprojekt „Heat4Alps“ gestartet, das die Beheizung von Berghütten revolutionieren könnte. Im Rahmen des von der EU geförderten Interreg-Programms untersuchen die Wissenschaftler, ob und unter welchen Bedingungen Wärmepumpen in hochalpinen Lagen betrieben werden können.
„Ziemlich viele Hütten werden aktuell noch fossil oder mit Holz beheizt“, beschreibt Projektleiter Sebastian Obermaier von der TH Rosenheim den aktuellen Zustand der Beheizung. Die Probleme seien dabei überall dieselben, sagt Prof. Dr.-Ing. Frank Buttinger, Studiengangsleiter der Energie- und Gebäudetechnik. „Holz im Bergraum ist kostbar und teuer.“ Zusätzlich gibt es das Problem des Transports: „Diesel und Heizöl durch Naturschutzgebiete zu fahren, ist kritisch zu sehen.“
Noch aufwendiger ist es in hohen Lagen: „Da werden Gasflaschen mit dem Hubschrauber hochgeflogen, da kostet die Minute zwischen 30 und 35 Euro.“
Die Idee zum Projekt entstand parallel bei der TH Rosenheim und der DAV-Sektion Traunstein.
Die Projektleitung liegt bei der TH Rosenheim, während die FH Salzburg sowie die DAV- und ÖAV-Sektionen Traunstein und Salzburg als Partner fungieren. Dass ihr Vorhaben überhaupt realistisch ist, liegt auch am Klimawandel: „Wir hier im Alpenvorland haben jetzt schon einen messbaren Temperaturanstieg von 2,5 Grad.“ Vor zwei Jahrzehnten wäre das Projekt noch undenkbar gewesen, aber „mittlerweile haben wir schneearme Winter und deutlich mildere Temperaturen“, so Frank Buttinger.
Als Test-Hütten wurden die Winklmoosalm in den Chiemgauer Alpen und das österreichische Carl-von-Stahl-Haus im Nationalpark Berchtesgaden ausgesucht. „Seit über einem Jahr nehmen wir dort die Messdaten vom Heizsystem auf“ – eine gute Basis für die Planung, so Sebastian Obermaier. Im kommenden Herbst sollen die Wärmepumpen dann montiert werden. Danach bleiben zwei Jahre für die Datensammlung.
Zum Einsatz kommen dabei keine Spezialanfertigungen, sondern handelsübliche Luftwärmepumpen. „Diese sind über die letzten Jahre noch mal stark verbessert worden“, erklärt er.
Die größte Herausforderung sieht der Projektleiter darin, dass es keine einheitliche Standardlösung geben kann. Verschiedene Parameter wie Höhe, Exposition, Ganzjahres- oder Sommerbetrieb, aber auch ein vorhandener Stromanschluss haben Einfluss, ob und wie eine Wärmepumpe samt Photovoltaik-Anlage zur Hütte passt. Daher soll ein Baukasten entstehen, mit dem man am Ende auf die verschiedenen Voraussetzungen einer Hütte eingehen kann.
Besonders kritisch sind die Winter, erklärt Buttinger: Denn wenn die Tage kürzer werden, produziert die Photovoltaikanlage weniger Strom. Auch die Effizienz der Wärmepumpe sinkt bei niedrigen Temperaturen.
„Werden die Nächte schnell zapfig bei Lufttemperaturen von minus 15 Grad, dann geht die Leistung extrem in die Knie.“ Ab 2.000 Metern Höhe wird es für den Ingenieur „extrem spannend“. Für die Schneelast auf den PV-Anlagen gebe es Lösungen, die bereits in schneeintensiven Regionen erprobt sind: Module mit doppeltem Glas und verstärktem Rahmen sowie Revisionsgänge zwischen den Modulen auf den Dächern zum Abräumen.
Leitfaden soll
entwickelt werden
Ziel des dreijährigen Projekts „Heat4Alps“ ist ein Leitfaden, mit dem Hüttenwarte oder Sektionen selbst entscheiden können, ob ein Umbau auf Wärmepumpen samt Photovoltaik-Anlage möglich ist. „Wir wollen untersuchen, ob es Grenzen gibt, ab denen man keine Wärmepumpen mehr verbauen kann oder es sich nicht mehr lohnt“, erklärt Frank Buttinger.
Wahrscheinlich werde es seiner Einschätzung nach bei den meisten Hütten noch ein sekundäres Heizsystem brauchen. Etwa einen Kachelofen, der dann aber nur noch die Spitzenlasten – also den Zeitpunkt mit der höchsten Energienachfrage – des bisherigen Bedarfs decken müsse. „Bestenfalls müssen die Hüttenwirte kein Holz, Pellets, Gas, Heizöl oder Diesel einkaufen, transportieren und umfüllen. Das wäre schon eine Arbeitserleichterung“, so Buttinger. Zumal die Hüttenwarte und alle weiteren DAV‘ler ehrenamtlich arbeiten, meint Hans Gfaller, Vorsitzender der DAV-Sektion Traunstein.
Er zeigt sich zuversichtlich, dass das Projekt erfolgreich verläuft – und setzt zugleich auf eine Signalwirkung: Übernachtungsgäste könnten die Idee von Wärmepumpe und PV-Anlage weitertragen und so ihre Verbreitung beschleunigen.
Alle Hütten im Alpenraum komplett CO2-neutral zu machen, hält Obermaier für schwierig, „weil es immer Einzelne gibt, bei denen wahrscheinlich keine Wärmepumpe möglich ist.“
Die Dimension des Vorhabens ist dennoch beachtlich: DAV, ÖAV und der AVS, Alpenverein Südtirol, betreiben zusammen 568 öffentlich zugängliche Hütten mit 30.000 Schlafplätzen und 1,2 Millionen Übernachtungen pro Jahr, zählt Frank Buttinger auf.
„Wenn man das zusammennimmt, wäre es der größte Übernachtungskonzern im Alpenraum.“ Und so kommt der DAV seinem selbst gesteckten Ziel – bis 2030 klimaneutral zu werden – auch ein großes Stück näher.