Mühldorf – Er war der Schurke, der Winnetous Schwester Nscho-tschi erschoss, er brillierte als Nazi-Mitläufer in der Literaturverfilmung „Die Blechtrommel“ und wird heute noch gerne als „Generaldirektor Hafenloher“ aus der Serie „Kir Royal“ zitiert. Mario Adorf war einer der populärsten Schauspieler der deutschen Filmgeschichte. Jetzt ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Die Liste seiner Filme scheint unendlich zu sein. Einer davon, „Der letzte Mentsch“, erschien den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aber für so bedeutungsvoll, dass er im Nachruf auf den großartigen Schauspieler Erwähnung fand. Mitproduziert hat ihn ein Mühldorfer: Marc O. Dreher.
Sprachliche und
kulturelle Authentizität
Im Gespräch berichtet der Produzent und Filmemacher über die Entstehung von „Der letzte Mentsch“, bei dem er gemeinsam mit dem Schauspieler Mario Adorf gearbeitet hat. Der Film aus dem Jahr 2013, der sich mit jüdischer Identität und Vergangenheit auseinandersetzt, war für Dreher ein besonders persönliches und anspruchsvolles Projekt, betont er beim Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen im Turmstüberl des Altöttinger Tores.
„Adorf hat diese Rolle nicht nur gespielt, sondern gelebt“, schwärmt Dreher heute noch von den Erfahrungen mit dem großen Schauspieler am Set. Dreher war Co-Produzent und die Begegnung mit Adorf beschreibt er heute noch als sehr inspirierend. „Das war kein Mensch mit Starallüren. Sondern ein Schauspieler, der sich in jeder Hinsicht von seiner Rolle inspirieren ließ, der sich vollkommen auf die Figur eingelassen hat, die er verkörpern sollte.“
Adorf habe sich intensiv mit dem Judentum beschäftigt, erinnert sich Dreher. Er habe Synagogen und Friedhöfe besucht, Gespräche geführt und versucht, die Lebens- und Denkweise seiner Figur authentisch nachzuempfinden. Für Dreher war dies entscheidend für die Glaubwürdigkeit der Darstellung des KZ-Überlebenden.
Als zentralen Aspekt der Produktion bezeichnet Dreher die sprachliche und kulturelle Authentizität. Dreher beschreibt, wie viel Aufwand betrieben wurde, um die verschiedenen jiddischen Dialekte korrekt darzustellen. Dafür wurde ein Sprachexperte hinzugezogen, mit dem die Dialoge detailliert erarbeitet wurden. „Adorf hat sich diesen Akzent eindrucksvoll angeeignet“, erinnert sich Dreher heute noch.
Schon die Finanzierung des Films sei schwierig gewesen, erläutert Dreher. Und trotz großen Engagements sei der wirtschaftliche Erfolg ausgeblieben: „Der Film hat im Kino nur rund 23.000 Zuschauer erreicht“, sagt Dreher. Er führt dies unter anderem darauf zurück, dass es sich um einen anspruchsvollen, ernsten Stoff handelt, „der es im Kino schwerer hat als kommerziellere Genres wie Komödien oder Actionfilme“.
Auseinandersetzung mit
Identität und Herkunft
Trotz des begrenzten Erfolgs sieht Dreher den Film als wichtiges Werk. Das Thema habe ihn persönlich stark angesprochen, insbesondere die Auseinandersetzung mit Identität und Herkunft. Dabei spielt auch Drehers Familiengeschichte eine Rolle: Teile seiner jüdischen Vorfahren waren von der Deportation betroffen und kamen in Konzentrationslager. „Das spielte sich ebenfalls in Theresienstadt ab“, verrät Dreher, der sich selbst nicht als religiös bezeichnet. Doch er betont eine spirituelle Verbundenheit mit seinen Wurzeln. Das Judentum sei für ihn weniger eine Frage der religiösen Praxis als vielmehr ein Teil seiner Identität. Der Film habe ihn in dieser Hinsicht berührt und zum Nachdenken angeregt.
Und er hat ihn inspiriert. Ausgangspunkt ist eine oft zitierte These von Theodor W. Adorno, wonach „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch“ sei. Dreher reflektiert diese Aussage und verbindet sie mit der Frage, ob nach den Verbrechen von Auschwitz überhaupt noch Liebe und Menschlichkeit möglich sind. Um dieser Frage näherzukommen, entschied er sich, direkt mit Überlebenden der Konzentrationslager zu sprechen. Er suchte gezielt Zeitzeugen auf, Holocaust-Überlebende, um mit ihnen ein Demokratieprojekt zu starten. „Ziel war es, ihre Stimmen zu bewahren, das Geschehene besser zu verstehen und zu begreifen, wie Menschen nach solchen Erfahrungen weiterleben können.“
Erlebnisse, die kaum
vorstellbar sind
Dreher beschreibt eindrücklich die Begegnungen mit Überlebenden: Menschen, die eigentlich „gebrochen“ sein müssten, es aber nicht sind. „Ihre Geschichten sind für Außenstehende kaum vorstellbar.“ Er schildert etwa die Erlebnisse junger Mädchen in den Lagern, die Demütigungen und Gewalt ausgesetzt waren. Viele der Betroffenen seien noch Kinder oder Jugendliche gewesen, als sie ihre Familien verloren haben und in die Lager deportiert wurden. Wenn er davon berichtet, wenn er über Auschwitz spricht, über den Versuch, ein ganzes Volk systematisch zu vernichten, bricht seine Stimme.
Für Empathie, Freiheit
und Demokratie einstehen
Ein zentraler Gedanke seiner Arbeit sei die Bedeutung des Begriffs „Mensch“, betont Dreher. Und hier spannt sich der Bogen zurück zum Film-Titel. „Der letzte Mentsch“ greife das jiddische Wort „Mentsch“ auf, das für einen guten, anständigen und verantwortungsvollen Menschen steht. Für Dreher geht es nicht nur um jüdische Identität, sondern um universelle Menschlichkeit. Diese Erkenntnis vertiefte sich besonders während der Arbeit an seiner späteren Dokumentation „Wir waren keine Menschen“, die Teil des Demokratieprojektes wurde. Dreher beschreibt, wie ihn dieses Projekt für die Zerbrechlichkeit von Demokratie sensibilisiert habe. Er habe verstanden, wie schnell gesellschaftliche Strukturen kippen können und wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben. „Gerade junge Menschen, die heute in Freiheit aufwachsen, sollen durch den Film begreifen, wie wertvoll Sicherheit, Liebe und demokratische Werte sind.“
Deshalb wird er mit seinem Film regelmäßig in Schulen vorstellig, diskutiert anschließend mit den Schülern. „Oft sind diese im gleichen Alter wie die damaligen Opfer, was die Wirkung intensiv macht.“ Ziel sei es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wohin Ausgrenzung und Extremismus führen können. „Für mich ist das Erinnerungskultur, wie sie heute gebraucht wird. Nicht nur ein Wiederholen historischer Daten, sondern lebendiges Reflektieren darüber, was Menschlichkeit bedeutet – und warum wir heute für Empathie, Freiheit und Demokratie einstehen müssen. Gerade jetzt, wo diese Werte nicht mehr selbstverständlich sind.“
Den Anstoß dafür hat Mario Adorf in „Der letzte Mentsch“ geliefert, das betont Dreher immer wieder. „Auch wenn der Film finanziell gesehen für mich ein Reinfall war. Er ist vielleicht das bedeutendste Werk, an dem ich beteiligt war!“