Rosenheim – Stockfinster war es. Dazu eiskalt. Plötzlich tauchten da diese leuchtenden Augen aus der Dunkelheit auf. Vier Stück seien es gewesen. Direkt neben zwei Bäumen am Straßenrand, angestrahlt von den Scheinwerfern des Autos. Er könne sich noch genau an jedes Detail der unheimlichen Begegnung erinnern, sagt der Mann aus Grassau. Er möchte anonym bleiben. Was er in jener Nacht im Februar gesehen hat, will der Mann trotzdem loswerden. Auch, weil er die Berichte über den Wolf im Chiemgau in der Zeitung gelesen hat.
Der Mann aus Grassau sei an diesem Tag gerade auf dem Weg in die Arbeit gewesen. „Das muss so gegen 5.30 Uhr gewesen sein“, sagt er am Telefon. Die Strecke zwischen Grassau und Bernau fahre er fast jeden Tag – normalerweise mit dem Fahrrad. Da es an dem Februarmorgen aber so kalt war, sei er doch ins Auto gestiegen. „Der Weg ist aber der gleiche, entsprechend gut kenne ich dort jeden Meter“, sagt er. Wie sonst auch immer bog er im Ortsteil Rottau nach rechts in Richtung Bernau ab – auf die Straße, an deren Ende die Justizvollzugsanstalt liegt. Einige Zeit fährt man dort an Wiesen und Feldern vorbei. Bis auf der linken Straßenseite zwei Birken stehen. Genau dort habe der Mann die funkelnden Augen gesehen. Sofort sei er vom Gas gegangen und langsamer gefahren, um zu erkennen, wer oder was ihn dort in der Dunkelheit anstarrt. „Erst dachte ich, dass es zwei große Schäferhunde sind“, sagt er. Als er den Tieren näherkam, habe er im Licht der Scheinwerfer erkannt, dass das Fell dafür zu gräulich ist.
Da er allein herumlaufende Hunde um diese Uhrzeit ohnehin für unwahrscheinlich hielt, gab es für den Grassauer nur eine logische Erklärung: „Es waren zwei Wölfe“, sagt er. Für einen Fuchs seien die beiden Tiere zu groß gewesen, auch die Fellfarbe hätte nicht gepasst. Die Möglichkeit, dass zwei Goldschakale unter den Bäumen standen, möchte der Grassauer nicht ausschließen. Allerdings ist er davon überzeugt, dass es eher Wölfe waren. „Ich konnte sie sehr gut sehen, sie haben direkt in meine Richtung geblickt und ich war zu diesem Zeitpunkt nur noch rund 20 Meter von ihnen entfernt“, erzählt er.
Als er noch näher an die Tiere heranfuhr, seien diese in Richtung der Bundesstraße zwischen Rottau und Bernau geflüchtet und wieder in der Dunkelheit verschwunden. Danach sei der Mann in die Arbeit gefahren. Eine weitere Begegnung habe er in den vergangenen Wochen nicht mehr gehabt. Auch in den Jahren davor sei ihm nie etwas aufgefallen. „Ich habe es zwar einem bekannten Jäger erzählt, aber der war nicht wirklich überrascht“, sagt der Mann aus Grassau.
Das liegt wohl daran, dass ein Wolf im Chiemgau tatsächlich inzwischen seine Heimat gefunden hat. Seit zwei Jahren kann das Tier mit dem Namen „GW4028m“ immer wieder nachgewiesen werden. Entweder durch DNA an toten Wildtieren, dem ein oder anderen Foto oder Spuren am Waldboden. Erst Anfang März machte er im Priental unweit von Aschau Beute. Aber auch in Waldgebieten rund um die Kampenwand und zwischen Aschau und Grassau wurde das Raubtier schon gesichtet. Die Behörden stufen den Chiemgauer Wolf derweil als standorttreu ein (wir berichteten).
Dass er einen Spielgefährten oder eine Partnerin hat – scheinbar eher unwahrscheinlich. Davon gehen zumindest die aus, die es wissen müssen. „Wir haben dafür 0,0 Hinweise“, sagt Sebastian Klinghardt. Er ist Leiter des Staatsforstbetriebs Ruhpolding, dessen Gebiet über Grassau bis ins Priental bei Aschau reicht. Seine Berufsjäger und Revierleiter sind in den Wäldern und auf den Wiesen unterwegs, wo mindestens der Chiemgauer Wolf umherstreift.
Keine Fotos, Risse
oder Pfotenabdrücke
Einen zweiten hätte bislang niemand seiner Leute zu Gesicht bekommen, sagt Klinghardt. Er habe sich erst vor wenigen Tagen mit dem zuständigen Berufsjäger für den Bereich unterhalten. Ergebnis: „Im Frühjahr ist dort bislang überhaupt nichts aufgefallen“, berichtet Klinghardt. In den vergangenen Wochen – bis auf den Fund von Anfang März – sei es sehr ruhig in dem Gebiet gewesen. Risse, Kot oder Trittsiegel, die auf die Anwesenheit eines anderen Raubtieres hindeuten – Fehlanzeige.
Die letzten Hinweise stammen aus dem vergangenen Jahr. „Im Herbst haben wir mal ein Skelett eines Wildtieres gefunden. Nachweisen, woran das Tier gestorben ist, konnten wir nicht“, sagt der Leiter des Staatsforstbetriebs. Im Winter habe einer seiner Jäger Spuren im Schnee entdeckt. Allerdings – auch da waren nur die Pfotenabdrücke eines Wolfes zu sehen. Auf den vielen Wildtierkameras, die für das Monitoring des Wildes und zur Unterstützung der Jagd in den Wäldern südlich des Chiemsees hängen, seien die Wölfe nicht im Duo vorbeispaziert. Im Gegenteil: Ein Foto gab es jüngst nicht mal vom Chiemgauer Wolf.
Ganz unmöglich, dass dieser nicht alleine ist, sei es aber auch nicht. „Theoretisch ist es möglich, dass sich jetzt ein weiblicher Wolf dazugesellt hat“, sagt Klinghardt. Die Beweislage spricht aber für etwas anderes. Bestärkt wird das vom Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU). Im Landkreis Rosenheim gab es zuletzt nicht mal Verdachtsfälle, die auf die Beteiligung von Wölfen schließen lassen, teilt ein Sprecher des Amts auf OVB-Anfrage mit.
Womöglich löst sich das Rätsel um die Anzahl der Wölfe im Chiemgau schon in den nächsten Wochen. „Wenn jetzt die Jagdzeit wieder beginnt, sind auch wieder vermehrt Jäger – auch private – in der Fläche unterwegs“, sagt Sebastian Klinghardt.
Die Folge: Es könnte für den Wolf schwieriger werden, sich zu verstecken. „Vielleicht kommt es dann vermehrt zu Sichtungen.“