Rosenheim – Das Baby ist da, das Glück sollte perfekt sein. Doch für viele Eltern beginnt mit der Geburt ihres Kindes eine schwierige Zeit. Neben körperlicher Belastung, Stress und Schlafmangel fühlen sich 67 Prozent der Mütter in Deutschland einsam. Das ergab die Studie „Love & Loneliness“ von Momcozy und dem Marktforschungsinstitut Kantar.
Der Alltag vor der Geburt mit Job, Hobbys und Reisen fällt mit einem Neugeborenen auf einen Schlag weg. Stattdessen: ständiges Daheim-Sein, wenig Zeit für sich selbst, kaum Austausch über erwachsene, babyferne Themen. Viele Eltern – besonders aber Mütter – sind erschöpft und mental belastet. Freundschaften verlieren sich, weil die Zeit fehlt oder die Interessen auseinanderdriften.
Scham verstärkt
die Spirale
Ein Problem: Die Einsamkeit bleibt oft unausgesprochen. „Man empfindet Scham, weil man eigentlich glücklich sein sollte“, erklärt Christian Meixner, langjähriger Leiter des Rosenheimer Jugendamts. Aus Angst, bewertet zu werden, suchen viele keine Hilfe. Andere sind nur noch im „Überlebensmodus“, weiß Frank Wiens aus Erfahrung. Er koordiniert die Familienbildung des Kreisjugendamts Rosenheim. „Einige Eltern sind so erschöpft, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, Anschluss zu suchen“, sagt er.
„Erst kommt die Überforderung, dann hat man niemanden, dem man es sagen kann“, so Wiens. Dabei können die Folgen gravierend sein. Ein dauerhaft hohes Stresslevel erschwert es Eltern, eine sichere Bindung zum Kind aufzubauen. Die mentale Belastung steigt, der Selbstwert leidet.
Unabhängig vom sozialen Hintergrund betrifft Einsamkeit viele junge Eltern, besonders aber Erstgebärende, Alleinerziehende und Familien in psychosozial belasteten Lebenslagen. Wenn etwa eine ernsthafte Erkrankung oder Behinderung eines weiteren Kindes hinzukomme, braucht es ein echtes Netzwerk, bestätigt Wiens vom Kreisjugendamt. Gleichzeitig seien Großeltern häufig noch berufstätig oder bereits pflegebedürftig und fallen als Unterstützung weg.
Oft Eltern betroffen,
die neu zugezogen sind
Oder aber die Familien sind nicht vor Ort: „Wenn junge Paare hierherkommen und schnell Kinder bekommen, fehlt oft noch der Freundes- und Bekanntenkreis“, berichtet Frank Wiens. Das beobachtet auch Ulrike Wunderer-Seibel. Die Diplom-Pädagogin leitet seit vielen Jahren Pekip-Kurse in der Region. „Was auffällt: Es sind viele Eltern dabei, die neu zugezogen sind, oder welche, die in der neuen Rolle nicht mehr so viele Kontakte haben wie früher.”
Wer beim Kreisjugendamt oft auch aktiv nach Anschluss fragt, sind Mehrlings-Eltern, erzählt Frank Wiens. Sie suchen häufig schon vor der Geburt nach anderen Familien mit Zwillingen oder Drillingen. „Da geht es um praktische Fragen rund um die Organisation: Was braucht man wirklich? Aber auch um generellen Austausch.“
Mittlerweile gibt es Apps wie „Peanut“ und „Mello“, die Austausch mit anderen Eltern versprechen. Diese seien zwar kein Ersatz für soziale Beziehungen, könnten aber ein erster Schritt aus der Isolation sein, so Meixner. Er und auch Wiens betonen aber die Bedeutung echter Kontakte. „Eltern-Kind-Gruppen, Pekip-Kurse, Musikgarten, Babyschwimmen, Rückbildungskurse oder lokale Spielgruppen“, zählt Frank Wiens einige der Angebote für junge Eltern auf, die es auch in der Region gibt. Zudem gebe es offene Treffpunkte für Alleinerziehende und Mehrlings-Eltern.
Infos zu Angeboten
in Stadt und Landkreis
Da viele nichts von den Angeboten wissen, schreibt die Stadt Rosenheim frischgebackene Eltern an. Die Stadt informiert über die Angebote der Koordinierungsstelle Frühe Hilfen sowie über die Veranstaltungs-Plattform. Dort können Familien Veranstaltungen für werdende Eltern, Babys und Kinder einsehen – von Schwangerentreffen über das Stillcafé bis zum Kasperltheater. Im Landkreis bündelt seit Kurzem das „Netzwerk Familienbildung“ rund 500 Angebote von Eltern-Kind-Gruppen über Beratungsstellen bis zu offenen Treffs. Zudem kann man sich beim Kreisjugendamt konkrete Hilfe holen, wie beispielsweise ehrenamtliche Entlastungshilfen, die in Familien kommen.
Ulrike Wunderer-Seibel freut sich immer, wenn sie mit ihren Pekip-Gruppen eine Plattform zum Kennenlernen und Austausch bieten kann. „Oft entstehen stabile Freundschaften, die noch Jahrzehnte bestehen“, erzählt die Diplom-Pädagogin und Pekip-Ausbilderin. Aber auch das Sortieren und Einordnen von Informationen sei wichtiger denn je: „Heutzutage ist der Informationsfluss durch die Medien und ‚Momfluencer‘ sehr hoch.“ Daher sei in den Kursen immer Platz für Fragen und Erfahrungsaustausch unter den Eltern.