Gekenterter Segler wird stark unterkühlt aus Chiemsee gerettet

von Redaktion

Trotz Warnlampen mit Katamaran auf See – 68-Jähriger wehrt sich nach Großeinsatz gegen Leichtsinnsvorwurf

Prien/Seeon-Seebruck/ Chieming – Starkwindwarnung nicht beachtet – Segler gerade noch gerettet: So lautete gestern die Meldung über einen dramatischen Großeinsatz auf dem Chiemsee von der Polizei Prien. Demnach war am Sonntag gegen 14 Uhr ein gekenterter Katamaran ohne Besatzung auf dem östlichen Teil des Sees gemeldet worden. Es begann ein dramatischer Großeinsatz, an dem neben der Wasserschutzpolizei in Prien auch die Wasserwachten aus Seebruck, Chieming und Obing, die DLRG Traunstein, das Rote Kreuz und der Rettungshubschrauber Christoph 14 beteiligt waren.

68-Jähriger trieb
mitten im Chiemsee

Im Wettlauf gegen die Zeit konnte der 68-jährige Bootsführer aus dem Landkreis Rosenheim mitten im Chiemsee treibend festgestellt und in letzter Minute gerettet werden. „Zum Glück hat ihn ein Boot zufällig auf dem See gefunden – sein Kopf war wegen des Wellengangs ganz schwer zu sehen“, erklärte ein Mitarbeiter der Polizei. Die Schwimmweste hätte dem Mann wohl das Leben gerettet. Der stark unterkühlte Mann wurde mit einem Boot ans Ufer gebracht und in Begleitung eines mit dem Hubschrauber eingeflogenen Notarztes per Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Sein Boot wurde in einen Hafen geschleppt. In der Polizeimeldung wurde ausdrücklich erwähnt, dass sich der Segler wie einige andere Wassersportler trotz blinkender Warnlampen wegen Starkwinds auf den derzeit etwa zehn Grad kalten Chiemsee begeben hätten.

Klingt leichtsinnig – und genau dieser Vorwurf brachte den geretteten Segler wohl auch dazu, sich beim OVB zu melden. „Bin der Wiedergeborene von gestern: Mir geht es gut“, stellt der Mann aus Edling klar: „Ich möchte gerne ein paar Dinge richtigstellen und weise den Vorwurf des Leichtsinns zurück.“ Demnach segle er seit 1968 und sei ein „sehr erfahrener Ex-Regatta-Segler“, der auch 20 Jahre international mit Jollen gestartet sei. Er sei als Segellehrer tätig gewesen und habe sein erstes Regattaboot selbst gebaut. Der Mann gibt an, auf dem Chiemsee „immer noch bei 6 bis 7 Windstärken Laser“ gefahren zu sein, „häufig kenterfei“.

Dass es diesmal anders lief, lag ihm zufolge an einer Verkettung unglücklicher Umstände. „Ich war am hinteren Ende vom Trampolin, falle durch Missgeschick hinten über Bord und verliere Kontakt zum Katamaran.“ Das Boot sei danach noch 20 Meter weitergefahren, dann gekentert und abgetrieben: „Da hat man keine Chance mehr – ich mitten auf dem See mit Trockenanzug, Schwimmweste, Sturzhelm.“ Die Bedingungen zum Zeitpunkt des Unglücks seien bei 3 Beaufort (bis zu 20 km/h) Wind beherrschbar gewesen, es habe keine Schaumkronen und keine Kentergefahr gegeben.

Starkwind-Warnung:
Gefährlich oder nicht?

Zum Vorwurf, dass er die Starkwind-Warnung nicht beachtet habe, merkt der 68-Jährige an, dass es eine Vorwarnung und eine Hauptwarnung gebe. Bei einer Vorwarnung vor Starkwind dürfe man mit fachgerechter Vorbereitung (unter anderem Schwimmweste) segeln und sei auch versicherungstechnisch abgesichert: „Ich werde das nach eigenem Ermessen auch zukünftig machen.“ Für ambitionierte Sportsegler sei die bei ähnlichen Windverhältnissen auf dem Chiemsee mit Blinklichtern übermittelte Vorwarnung „Wahnsinn“: „Die könnten nicht mehr trainieren. An Nord- und Ostseeküste wäre dann fast das ganze Jahr Vorwarnung; da könnten wir uns als Deutschland gleich vom internationalen Segelsport abmelden.“

Natürlich sei Segeln mit einem Risiko verbunden: „Aber was ist mit dem Risiko, das auf den Straßen existiert? Mit allen Altersgruppen mit unterschiedlichem Verantwortungsgefühl und Gesundheitszustand, die mit extrem PS-starken Autos herumfahren? Da gibt es auch Übermut und Leichtsinn, Tode und Sozialfälle.“ Dass ihm das hier skizzierte Schicksal erspart blieb, hatte er den zahlreichen Rettern zu verdanken. „Dem gesamten Rettungsteam danke ich natürlich und eindrücklich vielmals und herzlich. Es war nach 1,5 Stunden sehr eng. Natürlich ist mir der Großeinsatz sehr peinlich, aber shit happens.“

Die Wasserschutzpolizei bittet die Wassersportler noch einmal achtsam mit den noch niedrigen Wassertemperaturen von aktuell etwa zehn Grad umzugehen, entsprechend Rettungsmittel an Bord zu haben, stets ein Mobiltelefon mit sich zu führen und auch die aktuellen Gefahren- und Warnmeldungen zu beachten. Lars Becker

Artikel 2 von 9