Rosenheim/Dnipro/Charkiw – Es war nicht das erste Mal, dass Jonah Werner seit Kriegsbeginn in die Ukraine gereist ist. Schon etliche Male hat er in den vergangenen vier Jahren mit dem Verein „Athletes for Ukraine“ zahlreiche Hilfsgüter 2.000 Kilometer weit zu den Menschen in das vom Krieg geplagte Land transportiert. Wie sehr ihn die jüngste Fahrt in die Ukraine geprägt hat, was er dort erlebt hat und wie er auf pro-russische Kommentare unter seinen Videos reagiert, erzählt er im exklusiven OVB-Interview.
Was war bei dieser Fahrt in die Ukraine Ihr Ziel?
Ziel war es, dorthin zu fahren, wohin wir von „Athletes for Ukraine“ seit vielen Jahren regelmäßig Hilfsgüter schicken – also in den Osten der Ukraine. Dorthin, wo der Krieg derzeit am schlimmsten ist.
Wie lange waren Sie dieses Mal unterwegs?
Insgesamt waren wir neun Tage unterwegs. Die erste große Anlaufstelle war Dnipro. Das ist eine große, alte Industriestadt. Zudem ist es die Heimatstadt von Jana. Sie hat dort in einem Kinderheim gearbeitet, ehe sie nach Deutschland geflohen ist. Sie ist mit uns mitgefahren und wir durften das Kinderheim in Dnipro besuchen. Dort wurde uns dann auch der Keller gezeigt, in dem sich alle aufhalten, wenn Luftalarm ist – und der ist dort teilweise sogar tagelang.
Ein Keller ist auch nicht der Ort, an dem Kinder aufwachsen sollten…
Absolut. Ich muss sagen, das war das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Der Keller ist ein bisschen modrig. Es ist sehr düster, mit Rohren und Kabeln an der Decke. Dennoch hat man natürlich versucht, den Ort einigermaßen einzurichten. Dort stehen Kinderbetten und ein Teppich wurde ausgelegt. Im Kinderheim durften wir dann auch die ersten Spenden verteilen, von Pampers bis zu Geschenken für die Kinder.
Wie haben Sie die Kinder dort erlebt?
Die waren alle total offen und haben sich riesig gefreut, dass wir da waren. Wir haben getanzt und gesungen in diesem Keller. Und es ist eigentlich absurd, wenn man sich vorstellt, dass einige dieser Kinder dort, die gerade mal vier oder fünf Jahre alt sind, in ihrem Leben überhaupt nichts anderes kennen. Die leben teilweise tagelang in diesem Keller – manchmal sogar ohne Strom. Dann sorgen nur noch Kerzen für Licht und fließend Wasser gibt es auch nicht mehr. So sollte kein Kind leben müssen. Deswegen würde sich das Kinderheim gerne stromunabhängig machen mithilfe einer Solaranlage. Und so haben wir auch gleich wieder eine Aufgabe mitbekommen.
Aber Sie konnten ja auch schon vor Ort Wünsche erfüllen.
Ja. Wir haben mitbekommen, dass das Kinderheim Waschmaschinen und Mikrowellen gebrauchen könnte. Also haben wir auf Social Media einen Spendenaufruf geteilt. Dadurch sind innerhalb von vier Stunden über 3.000 Euro zusammengekommen, wodurch wir noch am selben Abend Waschmaschinen und Mikrowellen kaufen und vorbeibringen konnten.
Und dann ging es weiter?
Anschließend waren wir noch in mehreren Krankenhäusern in Dnipro und konnten dort Medikamentenspenden im Wert von 10.000 Euro abgeben. Es ist wirklich beeindruckend, wie es die Ukrainer schaffen, in dieser Extremsituation ihre Krankenhäuser am Laufen zu halten – teils mit Materialien oder Röntgengeräten, die schon über 50 Jahre alt sind. Anschließend sind wir dann von Dnipro nach Charkiw gefahren. Von dort aus ist die Front circa 15 bis 20 Kilometer entfernt. Dort haben wir auch Alexander besucht, der vor vier Jahren schon Pakete von uns bekommen hat.
Wie war es, ihn persönlich zu treffen?
Das war total schön. Wir haben uns in den Arm genommen und viel darüber geredet, wie es weitergeht und was er braucht. Er konnte seine Wohnung seit vier Jahren nicht mehr verlassen, weil er im Rollstuhl sitzt und im zweiten Stock wohnt. Daher würde es im Falle eines Luftalarms zu lange dauern, bis er wieder heimkommt.
Es ist unglaublich schön, die Menschen zu treffen, mit denen man schon jahrelang in Kontakt steht. Auch für die Menschen vor Ort ist das wahnsinnig wichtig. So sehen sie, dass die Menschen in Deutschland für sie da sind und sie nicht vergessen werden.
Besteht diese Sorge?
Auf jeden Fall. Das ist mit die größte Gefahr nach einer so langen Kriegszeit. Zudem brennt es aktuell ja an einigen Stellen der Welt.
Haben Sie denn nie Angst, wenn Sie in die Ukraine fahren?
Wenn man unterwegs ist, ist die Angst nicht wirklich präsent. Auf der Fahrt von Dnipro nach Charkiw kam zwar ein wenig Angst auf, aber sobald man vor Ort ist und sieht, wie die Menschen dort versuchen, ihr Leben so normal wie möglich zu leben, verschwindet diese auch wieder. Man sieht zwar überall zerstörte Gebäude, wie Sportstätten oder die Universität. Aber die Ukrainer verbreiten dennoch keine Panik. Auch wenn dauerhaft Luftalarm ist und man immer wieder Detonationen hört. Der Kreml möchte, dass die Menschen Angst haben, sich unterdrücken lassen und aufgeben. Aber das tun die Menschen dort nicht. Das ist wirklich beeindruckend.
Sie teilen auf Instagram auch immer wieder Videos von Ihren Fahrten. Darunter sammeln sich oftmals pro-russische Kommentare. Wie gehen Sie damit um?
Mich lassen diese Kommentare kalt. Für mich geht es darum, Gerechtigkeit zu schaffen und die Menschen vor Ort zu unterstützen. Auch aus der politischen Motivation heraus, den Menschen zu Hause zu zeigen, was in der Ukraine passiert. Es gibt so viele Fake News. Aber ich war vor Ort. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Und wenn jemand behauptet, ich sei bezahlt worden oder wenn ich irgendwelche Drohungen bekomme, kann ich immer noch für mich sagen: Ich mache das Richtige. Patricia Huber