„Cannabis ist kein Mittel der ersten Wahl“

von Redaktion

Interview Experten über den Einsatz in Psychiatrie und Schmerzmedizin und dessen Risiken

Wasserburg – Beim Einsatz von medizinischem Cannabis ist Vorsicht geboten. Drei Chefärzte des kbo-Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg warnen vor zu viel Euphorie und sehen negative Folgen. Professor Dr. med. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, Dr. med. Aljoscha Spork, Chefarzt im Fachbereich Suchtmedizin, und Dr. med. Tobias Winkler, Chefarzt im Fachbereich Neurologie und Leiter der Abteilung Schmerzmedizin, befürchten, dass die Legalisierung ein zu positives Bild der Therapiemethode zeichnet und Risiken unterschätzt werden.

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis legal erhältlich. Ärzte können Cannabisblüten, Extrakte oder Fertigarzneimittel auf Rezept verschreiben, sofern bei schwer kranken Patienten keine Standardtherapie möglich ist. Seit April 2024 unterliegen Cannabinoide in Deutschland zudem nicht mehr dem Betäubungsmittelgesetz. Bei welchen Erkrankungen sehen Sie Potenzial?

Professor Dr. med. Peter Zwanzger: In unserer Klinik ist das ein großes Thema, es betrifft alle Bereiche seelischer und körperlicher Erkrankungen. Was psychische Erkrankungen anbelangt, verfügen wir über eine Vielzahl evidenzbasierter medikamentöser und nicht medikamentöser Therapieverfahren. Für die meisten psychischen Erkrankungen – Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen – liegt bislang kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis für Cannabis vor. Im Gegenteil: Ein routinemäßiger Gebrauch von Cannabis bei psychischen Erkrankungen ist derzeit kaum gerechtfertigt. Wirksame Therapien können so verzögert werden. Eine der relevantesten Nebenwirkungen ist, dass der Konsum Psychosen auslösen kann.

Dr. med. Aljoscha Spork: Speziell bei der Behandlung von Suchterkrankungen sollte kritisch betrachtet werden, dass der Einsatz von Cannabinoiden bei einer Cannabiskonsumstörung einer Behandlung mit einem Ersatzstoff (Substitutionsbehandlung) entspricht. Damit rückt das Ziel auf Heilung und Abstinenz in weite Ferne. Risiken und Nebenwirkungen werden nach wie vor unterschätzt. Bis zu 20 Prozent der Menschen, die regelmäßig Cannabisprodukte gebrauchen, können eine assoziierte Cannabiskonsumstörung entwickeln.

Dr. med. Tobias Winkler: In der Neurologie stellt sich die Situation differenzierter dar. Cannabis hat in der Therapie bestimmter chronischer Schmerzsyndrome und insbesondere neuropathischer Schmerzen durchaus einen Stellenwert. Dies allerdings nur, wenn etablierte Therapien nicht ausreichen oder nicht vertragen werden. Cannabis ist kein Mittel der ersten Wahl, sondern eine Therapiemethode für ausgewählte Einzelfälle. Erzielbare Effekte sind in der Regel moderat und können individuell stark variieren, weswegen der Einsatz sorgfältig abgewogen werden sollte.

Der Knackpunkt ist die Dosierung: Wir verordnen unseren Patienten definierte Mengen in Tablettenform. Cannabisblüten, die oft verdampft als Inhalat Verwendung finden, haben nichts in der Schmerzmedizin zu suchen. Hier lassen sich Inhaltsstoffe und exakte Zusammensetzung nicht konkret benennen.

Inwieweit erleben Sie Spannungsfelder zwischen Patientenerwartungen und Ihrer medizinisch-wissenschaftlichen Einschätzung zu Nutzen und Schaden?

Dr. Winkler: Durch die Gesetzesänderung hat sich das Blatt gewendet. Früher schlugen die Leute mit dem Wunsch nach Cannabis-Verschreibung den Weg in die Klinik ein. Heute kann sich jeder Präparate im Internet besorgen. Trotz der oft verbreiteten Annahme, Cannabis sei eine harmlose und natürliche Therapie-Option, bestehen nicht unerhebliche Risiken und Nebenwirkungen. Dazu zählen Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen oder Übelkeit sowie die Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit. Daher ist Aufklärung das A und O.

Wir besprechen gemeinsam mit unseren Patienten, was erwartbar ist und was nicht. Wunder können wir nicht bewirken. Bei chronischen Schmerzen verschwinden die Beschwerden selten vollständig. Ein realistisches Therapieziel wäre eine Linderung der Schmerzen um 50 Prozent.

Suchterkrankungen betreffen in Deutschland knapp 8,2 Millionen Menschen. Wie funktioniert, allgemein betrachtet, der Gesichtspunkt „Rauschmittel“ als Medizin in der Psychiatrie? Widerspricht sich das nicht von vornherein?

Dr. Spork: Eine berechtigte Frage. Cannabis ist eine Substanz, die abhängig machen kann. Wir sprechen über eine vulnerable Patientengruppe, die suchtanfällig ist oder bereits unter einer Sucht leidet. Gerade jene sollten auf keinen Fall mit Cannabis therapiert werden. Für psychisch Erkrankte ist der Gebrauch noch gefährlicher. Insbesondere Cannabisprodukte mit THC-Gehalt erhöhen das Risiko, Psychosen auszulösen, und begünstigen weitere psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen und Angsterkrankungen.

Professor Zwanzger: Dass nicht viel mehr Menschen skeptisch gegenüber Cannabis in der Therapie sind, verstehe ich nicht. Oft sehen wir Mediziner uns mit dem Dilemma konfrontiert, wann welche Mittel eingesetzt werden müssen. Am Ende ist es immer eine Einzelfallentscheidung – gerade in der Psychiatrie.

Herr Professor Zwanzger, Sie sind auch Leiter des Forschungsbereiches Angst und Angsterkrankungen an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München. Bei der Entstehung von Ängsten und Panikattacken spielen häufig Drogen eine Rolle: Welche schädigenden Einflüsse aus der Umwelt, die von außen auf den Körper einwirken und Krankheiten verursachen können, sehen Sie als gefährlich an?

Professor Zwanzger: Ob Taurin in hoch dosierter Mischung in Energy-Drinks, übermäßiger Alkoholkonsum oder der Gebrauch von Amphetaminen – zahllose Substanzen bergen ein Risiko für die Entstehung von Panikattacken. Cannabis kann Angst und depressive Symptome verstärken und bei entsprechend veranlagten Personen das Risiko für psychotische Erkrankungen erhöhen. Manche „explodieren“ schier nach dem Konsum von Drogen in Kombination mit anderen Rauschmitteln. Diese Rauschzustände sind nicht zu unterschätzen.

In unserer Klinik behandeln wir viele Patienten mit schweren Psychose-Erkrankungen. Ob sich eine Psychose ohnehin zum Beispiel aufgrund genetischer Vorerkrankung entwickelt hätte oder ob sie erst durch den Konsum von Cannabis ausgelöst wurde, lässt sich im Nachgang nur schwer einschätzen.

Gibt es bestimmte Patientengruppen in der Psychiatrie, bei denen Sie den Einsatz von medizinischem Cannabis grundsätzlich als sehr zurückhaltend sehen?

Dr. Spork: Junge Menschen, die Cannabis konsumieren, fallen nicht selten durch Einschränkungen in ihrer intellektuellen Entwicklung auf und schneiden beispielsweise bei IQ-Tests schlechter ab. Um die Auswirkungen des Cannabiskonsums in Bezug auf die Entstehung psychotischer Erkrankungen genau definieren zu können, braucht es allerdings einen längeren Zeitraum der Beurteilung.

Dr. Winkler: Der Einsatz von Tabletten bringt einen gewissen Effekt in der Individualbehandlung. Die Verschreibung von Blüten sollte überdacht werden. Schließlich wird hier ein Arzneimittel verkauft, das eine unzureichend untersuchte Substanz enthält.

Professor Zwanzger: Mit der Legalisierung hat sich ein stark wachsender Markt mit niedrigschwelligen Zugängen ohne verpflichtenden, persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt entwickelt. Das begünstigt Fehlanwendungen, die die Grenze zwischen medizinischer Indikation und Freizeitkonsum verwischen. Unsere Aufgabe als Mediziner ist es, umfassend und transparent aufzuklären. Für eine fundierte Aussage zum Gebrauch von Cannabis ist es meines Erachtens zu früh. Dafür fehlen langjährige Studien. Kritische Befunde müssen zum zentralen Gegenstand vertiefter Analysen werden. Davon ausgehend können konkrete Regulierungsvorschläge gemacht werden.

Marina Birkhof

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