Ein Segen für gelebte Liebe

von Redaktion

Zwischen Himmel und Erde

Als es zum Sterben kam, habe ich ihre Liebe gesegnet. Eine Erfahrung, die Jahre zurückliegt, aber meine Sichtweise geöffnet hat und bis heute prägt: Zwei Frauen, die lange Jahre füreinander da waren in gegenseitiger Achtsamkeit, Liebe und Treue. Nach Monaten kraftraubender Pflege sitzt die eine am Sterbebett der anderen. In den letzten Stunden werde ich als Seelsorgerin gerufen. Zur Bitte um den Sterbesegen kommt plötzlich die leise Frage: Kann auch unsere Liebe gesegnet werden? Es war in diesem Moment ein Zuspruch für eine Liebe, die längst gelebter Segen war. Heute wird darüber wieder kontrovers diskutiert. Eine Segnung ist doch kein Besitzanspruch der Kirche über die Liebe! Sie steht unter etwas Größerem, ist ein stilles Staunen: Gott ist in dieser Liebe da. Ihr seid nicht allein. Eure Liebe ist gehalten.

Ja, es gibt biblische Texte, die gleichgeschlechtliche Praxis kritisch sehen. Doch sie richten sich nicht gegen die reife, verantwortete Liebe zweier Menschen auf Augenhöhe, wie wir sie heute verstehen, sondern gegen Formen, die dem Menschen nicht gerecht werden. Die verschiedenen Bücher der Bibel zeigen im Verlauf ihrer Entstehung selbst eine Bewegung: weg von Enge hin zu größerer Weite. Jesus fasst alles zusammen im Gebot der Liebe. „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott.“ Dieses Wort aus dem Johannesbrief macht keine engen Grenzen. Es fragt nach Tiefe und Echtheit. Wo immer Menschen einander in Respekt begegnen, einander vertrauen und tragen, da geschieht Gottes Gegenwart. Selbstverständlich segnen wir, was Gott längst gesegnet hat.

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