Nußdorfer „stehlen“ Maibaum von Kardinal Marx

von Redaktion

Ein Maibaumcoup der besonderen Art: Kardinal Reinhard Marx stiftet einen Stamm aus dem Landkreis Erding für den Garten der Casa Santa Maria in Rom. Doch auf dem Weg dorthin machte der Transporter Halt in Nußdorf – eine einmalige Gelegenheit für den örtlichen Trachtenverein.

Nußdorf – Es gibt Reisen, die beginnen mit großem Protokoll, und es gibt Reisen, die beginnen lediglich mit einem Baum. Dieser hier war, wie man in Bayern sagen würde, kein ganz gewöhnlicher Stamm. Er kam aus Schwaig im Landkreis Erding, vorbereitet vom Brauchtumsverein Moosmotor, bestimmt für Rom. Dort soll er im Mai aufgestellt werden, nicht auf dem Petersplatz, nicht unter den Fenstern des Apostolischen Palastes, sondern ein wenig bescheidener: im Garten der Casa Santa Maria, des Begegnungszentrums der Erzdiözese München und Freising in Rom, was die Sache in Bayern keineswegs verkleinert. Im Gegenteil. Manchmal wird ein Ereignis erst dadurch groß, dass es sich nicht gar so wichtig nimmt.

Der Maibaum, den Kardinal Reinhard Marx für Rom gestiftet hat, ist mit seinen rund 15 Metern eher handlich geraten, jedenfalls nach oberbayerischen Maßstäben, wo ein Maibaum gern so auftritt, als wolle er dem Kirchturm wenigstens kurz die Meinung sagen. Für römische Verhältnisse aber ist er groß genug. Mehr Platz gibt der Garten offenbar nicht her, und wer schon einmal versucht hat, bayerisches Brauchtum in südlicher Enge unterzubringen, weiß: Es braucht weniger Pathos als ein Maßband.

Der Baum ist mit besonderen Schildern versehen, und oben wacht der heilige Korbinian mit seinem Bären darüber, dass aus der Sache nicht bloß ein Volksfest wird, sondern auch ein Zeichen. Ein kleines Stück Altbayern auf römischem Boden, mit Respekt vor der Kirche und mit jener Selbstverständlichkeit, mit der man hierzulande auch Weihwasser und Weißwurst nicht unnötig gegeneinander ausspielt.

Schon der Testbaum
war Ziel von Dieben

Berühmt geworden war der Baum freilich schon, bevor er überhaupt auf Reisen ging. Die Burschen in Inning am Ammersee hatten, wie es sich für wackere Maibaumdiebe gehört, Wind von der Sache bekommen. Ein Maibaum für Rom, bestellt von einem Kardinal, das ist für einen geübten Burschenverein ungefähr das, was für andere Leute ein ausgeschriebener Feiertag ist. Also rückten sie aus, bei Nacht, mit Plan und Muskelkraft, und holten sich den Baum. Nur war es nicht der „richtige“ Baum. Es war ein Übungsbaum, ein Teststück, das die Schwaiger brauchten, weil man einen Maibaum für Rom nicht einfach so aufstellt wie daheim am Dorfplatz. Schwalben, Proportionen, Platz, Handgriffe – alles musste vorher durchgespielt werden. Dass es einmal einen Maibaum geben würde, bei dem sogar der „Probebaum“ gestohlen wird, dürfte selbst in Bayern nicht in jedem Brauchtumsarchiv stehen.

Der echte Baum blieb derweil gut behütet. Die Nußdorfer Episode beginnt später, auf der Fahrt Richtung Süden, als der Maibaum im Inntal Station machte, auf dem Gelände der Spedition Dettendorfer. Dort lag er auf einem Lastwagen, ordentlich gesichert für den Transport, eingebunden in die nüchterne Ordnung des Transportgewerbes, als sei es das Normalste der Welt, dass ein bayerischer Maibaum auf dem Weg in die Nähe des Vatikans kurz Pause macht.

Maibaum lediglich
„in Obhut“ genommen

Das ist vielleicht das Schöne an solchen Geschichten: Sie brauchen keinen roten Teppich. Ein Hof, ein paar Leute, ein Stamm, der nach Rom soll, und schon steht die große Welt mitten zwischen Zugmaschine, Spanngurten und Asphalt. Der Verkehr läuft weiter, und doch merkt jeder, der hinschaut, dass hier nicht nur Fracht gesichert, sondern ein Stück Heimat unterwegs ist.

Als in Nußdorf bekannt wurde, was da im Inntal ruhte, regte sich unter den Trachtlern etwas, das man schwer erklären kann, wenn man nicht aus einer Gegend kommt, in der ein unbewachter Maibaum weniger als Gegenstand gilt denn als Einladung. Natürlich wusste man, dass dieser Baum eine besondere Bestimmung hatte. Natürlich wusste man, dass Rom kein Nachbardorf ist und der Vatikan kein Vereinsheim. Aber genau darum wurde die Sache erst recht heikel. Denn die bayerische Bauernschläue besteht ja nicht darin, dass man Grenzen missachtet, sondern darin, dass man sie erkennt, umrundet und am Ende so tut, als sei alles von Anfang an vernünftig gewesen. Zwischen Ehrfurcht und Schalk liegt hier oft nur eine Bierbankbreite.

Also wurde nicht geraubt, nicht beschädigt, nicht entweiht. Der Baum wurde, sagen wir, für eine überschaubare Zeit in die Obhut des Brauchtums genommen. So, wie man es mit Dingen tut, die zu wertvoll sind, um sie einfach unbeachtet weiterfahren zu lassen. Der Unterschied zwischen Diebstahl und Maibaumstehlen ist in Bayern bekanntlich nicht klein, sondern grundsätzlich: Beim einen ruft man die Polizei, beim anderen die Musik. Und wenn es gut ausgeht, sitzen am Ende alle beieinander – die Bestohlenen und die Diebe.

Es wurde also gefeiert, nicht großspurig, sondern auf die oberbayerische Art: gerade so viel, dass man später sagen kann, es sei eigentlich gar nichts Besonderes gewesen. Ein paar Hände am Stamm, ein paar Sprüche, ein paar Blicke, in denen mehr Freude lag als in mancher Festrede. Der Baum selber blieb gelassen. Vielleicht ist das die vornehmste Eigenschaft eines Maibaums: Er lässt sich tragen, bewachen, stehlen, auslösen und segnen, ohne je den Eindruck zu erwecken, er habe etwas anderes erwartet. Am Ende war er wieder dort, wo er hingehörte, reisefertig, Richtung Süden. In der Schrift heißt es: „Nimm, was dein ist, und geh dahin.“ Ganz so streng musste man es im Inntal nicht nehmen. Aber der Gedanke passte: Der Baum bekam seinen Weg zurück, die Nußdorfer ihre Geschichte – und alle zusammen einen Grund zum Schmunzeln.

Offen blieb die Frage der Auslöse. Normalerweise wird verhandelt. Man verlangt Brotzeit, Bier, ein gemeinsames Essen, jedenfalls etwas, das den Schaden in Gemeinschaft verwandelt. In diesem Fall aber bekam die Sache eine eigentümliche Würde. Denn wer sollte auslösen? Der Verein aus Schwaig? Die Erzdiözese? Der Kardinal? Am Ende gar Rom? Man darf solche Fragen in Bayern stellen, ohne respektlos zu werden. Im Gegenteil: Gerade weil man die Kirche achtet, traut man ihr zu, auch einen guten Scherz auszuhalten.

Segen für das
Gaufest als Auslöse

Geld wollte in Nußdorf niemand. Was der Trachtenverein besser gebrauchen könnte, wäre ein Segen. Nicht als Preis, nicht als Forderung, sondern als schöne Antwort auf eine Geschichte, die ohnehin schon ein wenig klingt, als hätte sie aus einer altbayerischen Dorfgeschichte von Ludwig Thoma stammen können. Ein Segen für das bevorstehende Gaufest, für die vielen Hände, die aufbauen, schmücken, kochen, tragen, musizieren, platteln und am Ende wieder abbauen. Für all das, was in einem Dorf groß ist, gerade weil es nicht groß tut.

Wenn aus Rom oder München am Ende sogar ein paar wohlwollende Worte oder ein kleines Zeichen kämen, wäre das in Nußdorf mehr wert als jede Auslöse. Der Baum aber reist weiter. Und wenn er in der Casa Santa Maria aufgerichtet wird, dann steht dort nicht nur ein Stamm aus Bayern. Dann steht dort auch diese kleine Geschichte mit ihm: von einem Übungsbaum, der zur Trophäe wurde, von einem echten Baum, der gut bewacht blieb, und von Leuten im Inntal, die für einen Moment zeigen durften, dass Brauchtum und Glaube einander nicht im Weg stehen müssen, sondern zusammengehören. Man muss nur wissen, wann man zupackt – und wann man den Hut zieht.