Rosenheim – Seit vier Jahren steht der Verlauf der sogenannten Vorzugstrasse fest, seit bald zwei Jahren liegt die Vorplanung der Deutschen Bahn vor. Und nun sieht es so aus, als nehmen die Vorarbeiten zum Brenner-Nordzulauf zwischen Grafing und der Grenze zu Tirol die nächste wichtige Stufe: Der Bundestag soll demnächst über das Milliardenprojekt abstimmen. Die sogenannte „parlamentarische Befassung“ sei für den Sommer 2026 vorgesehen. Das ergab eine Anfrage des OVB beim Bundesverkehrsministerium.
Abstimmung auch über
Forderungen der Region
In der „parlamentarischen Befassung“ stimmen die Abgeordneten des Bundestages nicht nur über die Vorplanungen der Bahn für den rund 55 Kilometer langen Neubau von zwei Gleisen in der Region Rosenheim ab. Auch die „Kernforderungen“ der Region gehören zu den Paketen, über die abgestimmt werden soll. Dazu gehört unter anderem die Untertunnelung des Inns zwischen Rosenheim und Stephanskirchen.
Bislang sehen die Planungen der Bahn eine Brücke über den Inn vor. Noch ein Punkt der Planungen zog in den vergangenen Jahren viel Kritik auf sich: die Verknüpfungsstelle bei Kirnstein. Aus der Region Rosenheim kam dazu der Vorschlag, die Bahn solle das rund 800 Meter lange Betonbauwerk in einen Felstunnel im Massiv des Wildbarren hineinbauen. Experten sehen für diese Forderung aus der Region die geringste Realisierungschance.
Die Abstimmung über die Planungen der Bahn war bereits für 2025 vorgesehen gewesen. Das Auseinanderbrechen der Ampelregierung legte dann aber eine Verschiebung nahe. Als nächstes mögliches Datum war Frühjahr 2026 angegeben worden. Nun wird sich zuerst der Verkehrsausschuss mit den Planungen befassen. Seine Empfehlung stellt in aller Regel die Weichen für die Abstimmung im Bundestag. Es folgt die Genehmigungsplanung. Danach kann die Bahn mit der Entwurfsplanung weiter in die Tiefe der Vorarbeiten gehen. Ist die Entwurfsplanung abgeschlossen, steht das Planfeststellungsverfahren an. Parallel dazu laufen die Finanzierungsverhandlungen. Danach wäre das auf neun bis 15 Milliarden Euro geschätzte Projekt baureif. Mit einer Fertigstellung wäre nicht vor den ersten 2040er-Jahren zu rechnen.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Brennerbasistunnel mutmaßlich schon seit Jahren in Betrieb. Möglicherweise schon 2032, spätestens aber 2034 sollen Züge durch den 64 Kilometer langen Tunnel von Franzensfeste (Italien) bis Innsbruck rollen. Bei den österreichischen Nachbarn verstärkte sich zuletzt die Ungeduld.
„Mit dem Brennerbasistunnel entsteht der längste Eisenbahntunnel der Welt unter Tiroler Boden, und in Deutschland ist beim Nordzulauf noch nicht einmal eine konkrete Trasse festgelegt“, sagte der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) dem „Tagesspiegel“. Zu zögern und Vereinbarungen nicht einzuhalten, „zählt eigentlich nicht zu den deutschen Tugenden“.
Beschließt Deutschland im Sommer den Brenner-Nordzulauf? Die Nachbarn klingen skeptisch. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher verweist auf die italienischen Fortschritte beim Südzulauf und auf Österreichs Anstrengungen bei seinem Abschnitt des Nordzulaufs. „Wenn die Realisierung in Bayern nicht stattfindet, dann ist das enttäuschend“, entgegnet Kompatscher auf eine OVB-Anfrage. „Als Land Südtirol werden wir jedenfalls weiterhin darauf pochen, dass Deutschland zu seinem Wort steht.“ Zumindest solle zunächst die Bestandsstrecke so weit ertüchtigt werden, dass der Brenner-Basistunnel seine Aufgabe erfüllen könne – in Erwartung einer schließlich voll ausgebauten vierspurigen Anbindung, die letztlich kommen müsse.
Deutschlands Zögern
als „Hemmschuh“
In Tirol appelliert Verkehrs-Landesrat René Zumtobel an den „Mut“ der Verantwortlichen. Es sei der Plan, Güter von der Straße auf die Schiene zu verlagern. „Damit das funktioniert, muss Deutschland nach jahrzehntelangen Verzögerungen Nägel mit Köpfen machen und die Trasse endlich festlegen“, sagte Zumtobel dem OVB. Für die Verlagerung, aber auch für andere Bauvorhaben am Korridor sei Deutschlands Zögern ein „folgenschwerer Hemmschuh“. Die Entscheidung über die Trasse sei überfällig, meint Zumtobel, denn „ein Brennerbasistunnel ohne Zulaufstrecken ist wie ein Herz ohne Aorta“.