Prozess um Brand in Bergbauernladen

von Redaktion

Nach dem verheerenden Brand des Bergbauernladens in Aschau im Oktober 2025 hat nun der Prozess gegen eine 29-jährige Frau begonnen. Sie soll das Feuer gelegt haben. Aufgrund einer psychischen Erkrankung handelte die Angeklagte mutmaßlich im Zustand der Schuldunfähigkeit, als sie Stimmen zu der Tat hörte.

Aschau/Traunstein – Überall ist Feuer. Dieses orange Leuchten, die sengende Hitze. Meterhoch schlagen die Flammen aus dem Gebäude. Der Bahnhofsvorplatz in Aschau ist in schwarzen Rauch gehüllt. Der Anblick geht ihr durch Mark und Bein. Die Frau springt auf ihr Fahrrad, fährt ein paar Hundert Meter weiter und setzt sich auf eine Bank. Bei dem Gedanken, was sie gerade angerichtet hat, wird sie panisch. „Als ich das Ausmaß des Feuers gesehen habe, war mir klar, dass ich das nicht mit meinem Leben vereinbaren kann“, sagt sie mit leiser, zittriger Stimme. Mit Tabletten und einer Glasscherbe will sie Minuten später ihr Leben beenden.

Erinnern könne sie sich an fast alles aus jener Nacht, sagt die Frau, die auf der Anklagebank des Landgerichts Traunstein sitzt. Sie trägt eine blaue Bluse mit kleinen Motiven, ihr rückenlanges, aschblondes Haar ist unter einem Lederhelm versteckt, der sie vor Verletzungen schützen soll.

Vorwurf: Mehrere
Brände gelegt

Ihr gehe es wieder deutlich besser, sagt sie. Verantworten muss sie sich trotzdem für das, was in der Nacht auf den 23. Oktober 2025 passiert ist. In dieser Nacht soll die 29-jährige Aschauerin gleich mehrere Brände gelegt haben – mit einem Gesamtschaden in Höhe von 474.000 Euro. Auch für das Feuer, welches den Bergbauernladen am Bahnhof bis auf die Grundmauern niederbrennen ließ, soll sie verantwortlich sein.

Gegen vier Uhr morgens brach das Feuer dort damals im hinteren Teil des Gebäudes aus. Nur mit Mühe konnten dutzende Feuerwehrkräfte verhindern, dass auch der Bahnhof und das Hans-Clarin-Stüberl Feuer fangen. Der beliebte Verkaufsladen für regionale Produkte wie Brot, Käse oder Eier von den Höfen um Aschau herum war nicht mehr zu retten – nur eine verkohlte Ruine blieb übrig. Diese musste inzwischen abgerissen werden.

Tat wohl im Zustand
der Schuldunfähigkeit

„Ich hätte niemals gewollt, dass der Bergbauernladen abbrennt, niemals“, sagt die junge Frau. Sie bricht in Tränen aus, schnäuzt in ein Taschentuch, dann spricht sie mit brüchiger Stimme weiter. Der starke Wind in jener Nacht sei ihr zum Verhängnis geworden. Der habe das Feuer immer weiter angefacht und das Gebäude innerhalb weniger Minuten in Vollbrand stehen lassen. „Außerdem dachte ich, dass das Feuer viel früher entdeckt wird, da der Bergbauernladen zentral am Bahnhof liegt“, betont die Aschauerin.

Daraus, dass sie den Laden tatsächlich angezündet hat, macht sie keinerlei Geheimnisse. Das, was ihr die Staatsanwaltschaft in der Antragsschrift vorwirft, stimme alles. Eine Anklage gibt es in diesem Fall nicht. Denn es liegt nahe, dass die 29-Jährige die Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen hat, trägt Staatsanwalt Wolfgang Fiedler zu Beginn des Prozesses vor. Die junge Frau leidet an einer psychischen Krankheit. Vor Gericht ist sie mit einer Betreuerin erschienen.

Auch am Abend des 22. Oktobers sei es der Beschuldigten sehr schlecht gegangen. Nur wenige Tage zuvor kam sie von einer stationären Behandlung in einer Klinik zurück nach Aschau. „Was an dem Abend dann genau war, weiß ich nicht mehr, psychisch ging es mir aber gar nicht gut“, erzählt die junge Frau. Sie griff zum Bier, zündete sich den ersten Joint an, schnappte sich ihr Fahrrad und sei mit „depressiver Musik“ auf den Ohren ziellos durch Aschau gefahren. Bis sie nach Mitternacht am Aschauer Kurpark ankam.

Stimmen
im Kopf

Dort seien plötzlich Stimmen in ihrem Kopf gewesen. „Die haben mir gesagt, dass ich die Mülltonnen anzünden muss – ansonsten tut man meiner Familie etwas an“, sagt die 29-Jährige schluchzend. Leicht fällt es ihr nicht, darüber zu sprechen. Die Vorsitzende Richterin Heike Will ermutigt sie mit sanfter Stimme, Schritt für Schritt weiterzuerzählen, was danach passierte. Scharfe Nachfragen, wie sie sonst oftmals vor Gericht üblich sind, gibt es an diesem Tag nicht. Da die Stimmen der 29-Jährigen gedroht hätten, ihre Familie zu töten, habe sie sich ein Feuerzeug geschnappt und das Papier in der Mülltonne angezündet. „Die Stimmen waren bestimmt nur da, weil ich noch einen weiteren Joint geraucht habe“, vermutet die Aschauerin. Vorher habe sie noch nie so etwas gehabt. Als zwei Container Feuer gefangen haben, habe sie sich ein paar Meter weiter versteckt, dem Treiben zugeschaut und einem Freund ein Foto geschickt. In ihrem Kopf sei kurzfristig „Ruhe gewesen“.

Bis sie am Bergbauernladen vorbeigefahren ist. Wieder seien die Stimmen da gewesen. Wieder hätten sie ihr gedroht und befohlen, ein Feuer zu legen. Über eine nicht verschlossene Tür im hinteren Teil sei die junge Frau in das Gebäude hineingekommen. Dort sei ein alter, trockener Türkranz an einer Wand aufgehängt gewesen. Daran habe sie – auf Befehl der Stimmen – ihr Feuerzeug gehalten. Als das Feuer immer größer wurde, sei sie vom Bergbauernladen so schnell wie möglich weggefahren.

Wohl schon mehrfach bei
Branddelikten angetroffen

Weit ist sie nicht gekommen. „Wir haben die Beschuldigte kurz darauf im Umfeld des Gebäudes angetroffen“, sagt ein Polizist im Zeugenstand. Ihm und seinen Kollegen sei die Sache zwar komisch vorgekommen, dass jemand um die Uhrzeit „einfach mit dem Fahrrad herumfährt“, einen konkreten Verdacht gab es gegen die 29-Jährige zu dem Zeitpunkt aber nicht. „Wir haben sie erst mal wieder weiterfahren lassen“, sagt der Beamte. Wenig später habe die junge Frau allerdings selbst den Notruf gewählt, weil es ihr so schlecht gehe. Zusammen mit dem Rettungsdienst hätten die Beamten sie in ein Krankenhaus gebracht.

Währenddessen ermittelte die Polizei bereits vor Ort. „Bei einem Namensabgleich kam heraus, dass die Beschuldigte bereits mehrfach bei Branddelikten als Zeugin erfasst wurde“, teilt ein anderer Polizist mit, der bei beiden Bränden in Aschau im Einsatz war. Im Laufe der Zeit hätten sich die Verdachtsmomente gegen die 29-Jährige immer weiter verdichtet. Auch die Daten ihres Handys seien ausgewertet worden. Ein Ermittler der Kripo berichtet, dass das Bewegungsprofil der Aschauerin genau zu den Tatorten passe.

Unterbringung in einer
psychiatrischen Einrichtung

Aus diesem Grund ist die 29-Jährige seitdem in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht – gleichzustellen mit einer Untersuchungshaft. Ob sie dort für längere Zeit bleiben muss, wird sich am 19. Mai zeigen, wenn die Verhandlung fortgesetzt wird. „Wir müssen jetzt einfach schauen, eine vernünftige Lösung zu finden“, sagt Richterin Heike Will.

Zugute gehalten werden könnte der jungen Frau, dass bei dem Brand keine Gefahr für ein bewohntes Haus bestanden habe, wie ein Spurenermittler der Kripo Rosenheim am Ende des ersten Verhandlungstags erklärt.

Generell berichten wir nicht über (versuchte) Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existenziellen Lebenskrise oder Depressionen leidet, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800/1110111. Hilfe rund um die Uhr bieten auch die Krisendienste Bayern unter 0800/ 6553000. Weitere Infos finden Sie auf der Website www.krisendienste.bayern.

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