Hebammen plagen Geldsorgen

von Redaktion

Zum heutigen Welt-Hebammentag zeigen Hebammen in Rosenheim ihre Arbeit – gleichzeitig sorgt der neue Hebammenhilfevertrag für Kritik, Unsicherheit und Diskussionen im Kreißsaal. Was die Änderungen für die Versorgung von Schwangeren und jungen Familien in der Region bedeuten.

Rosenheim – „Jeder Mensch wird mithilfe einer Hebamme geboren“, sagt Claudia Neu-Metzner. Sie ist Kreissprecherin der Hebammen im Bayerischen Hebammenverband und wünscht sich für den heutigen Welt-Hebammentag vor allem mehr Sichtbarkeit ihres Berufs.

Der Hebammentag solle daran erinnern, dass Geburt mehr ist als ein medizinischer Vorgang – nämlich ein prägender Lebensbeginn. Denn ein guter Start ins Leben bedeute Prävention, Bindung und Stabilität für das gesamte spätere Leben. „Familien haben ein Recht auf gute Begleitung vom Anfang der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit“, betont Neu-Metzner.

Bedarf an Betreuung durch
Hebammen bleibt hoch

Die Geburtenzahlen in der Region sind entgegen dem bundesweiten Trend stabil geblieben, teilweise sogar leicht angestiegen, sagt Laura Hertle, Beleghebamme am Romed-Klinikum Rosenheim. Beleghebammen arbeiten selbstständig, haben aber einen Vertrag mit der Klinik, begleiten Geburten im Kreißsaal und rechnen ihre Leistungen direkt mit den Krankenkassen ab. Durch die stabile Zahl an Geburten bleibt auch der Bedarf an Hebammenbetreuung hoch, auch wenn die Region insgesamt gut versorgt ist – sowohl vor der Geburt als auch danach im Wochenbett. „Jede Frau, die sich früh genug kümmert, bekommt eine Hebamme“, sagt Hertle und empfiehlt Familien, sich bereits im ersten Trimester umzusehen.

Einkommenseinbußen
von bis zu 30 Prozent

Parallel sorgt ein Thema bundesweit für Diskussionen: der seit November gültige und zum April nachgebesserte Hebammenhilfevertrag. Ziel des neuen Vertrags ist es, die Eins-zu-eins-Betreuung bei der Geburt zu stärken. Doch durch ein neues Abrechnungssystem bedeutet dies Einkommenseinbußen: Früher konnten Hebammen zwei parallel betreute Frauen jeweils voll abrechnen – heute reduziert sich die Vergütung auf 80 Prozent für die erste und 30 Prozent für die zweite. Bei gleichzeitig erhöhtem Stundensatz ergeben sich schlussendlich Einkommenseinbußen von 20 bis 30 Prozent. Verantwortung und Haftung bleiben dabei aber unverändert hoch, sagt Laura Hertle. „Wir werden quasi bestraft, wenn wir mehr als eine Frau betreuen.“

Gerade in größeren Krankenhäusern wie in Rosenheim lasse sich eine reine Eins-zu-eins-Betreuung jedoch nicht immer umsetzen. „Wenn eine Frau in der 32. Woche mit vorzeitigen Wehen oder Blutungen kommt, muss man ihr helfen. Die kann ich nicht einfach sitzen lassen“, erklärt Hertle. Hinzu kommen Verlegungen aus kleineren Häusern wie Wasserburg, die Frauen vor der 37. Woche nicht betreuen dürfen. Zwar werde bei Bedarf Unterstützung von Kolleginnen angefordert, „aber das dauert auch ein wenig“, beschreibt die Hebamme die Realität im Kreißsaal. „Geburtshilfe ist eben unberechenbar.“ Gleichzeitig wurden Leistungen gestrichen, Nachtzuschläge reduziert und Pauschalen für Untersuchungen wie CTG oder die U1 abgeschafft.

Zwar wurde der Vertrag zum 1. April nachgebessert, doch laut Laura Hertle sind die Auswirkungen noch unklar. „Wir haben noch überhaupt keine Zahlen, wir können es noch gar nicht einschätzen.“

Die Folgen spüren viele Hebammen bereits jetzt: steigende Frustration, hoher bürokratischer Aufwand und in manchen Fällen sogar Berufsaufgabe. Bundesweit denken laut einer Umfrage des Deutschen Hebammenverbands rund 40 Prozent der Kolleginnen über einen Ausstieg aus der Geburtshilfe nach. Auch zwei Kolleginnen von Hertle haben als Beleghebammen aufgehört. „Der Vertrag war nicht ausschlaggebend, aber er hat mit reingespielt“, sagt sie.

Trotz aller Kritik liebt Laura Hertle ihren Beruf. „Jedes Mal wieder, wenn so ein kleiner Wuzerl rauskommt, ist man beeindruckt, was der Körper und das Baby schaffen“, erklärt sie. Gleichzeitig warnt sie vor einer Verklärung: „Es ist ein Traumberuf – aber man muss auch davon leben können.“

Aktion in Rosenheim

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