Rosenheim – Zwei Boxen von der Größe eines Schuhkartons. Das war alles, was Christine Dawood zur Beerdigung blieb. Monate nach dem tragischen Unglück, bei dem ihr Mann und ihr Sohn starben, wurden die sterblichen Überreste der beiden von den Behörden freigegeben. „Wir bekamen die Leichen erst nach einem Dreivierteljahr“, sagte die 51-jährige Rosenheimerin. „Und wenn ich von Leichen spreche, meine ich den Matsch, der übrigblieb.“
Tauchgang
ohne Wiederkehr
Geborgen aus Wrackteilen vom Grund des Atlantiks, aus der ewigen Nacht in dreieinhalbtausend Metern Tiefe. Knochenteile und Gewebe, sorgfältig auseinandersortiert und per DNA-Analyse identifiziert. „Es war nicht viel, was sie finden konnten“, sagte die 51-Jährige einem Reporter des „Guardian“. Und damit meint sie: Was zweifelsfrei als DNA von ihrem Mann Shahzada und ihrem Sohn Suleman identifiziert werden konnte.
Die beiden hatten sich zusammen mit drei anderen Männern am Morgen des 18. Juni 2023 an Bord der „Titan“ begeben, eines 6,70 Meter langen Tauchboots. Ziel der Tauchfahrt: das Wrack der legendären „Titanic“. Shahzada, ein millionenschwerer Unternehmer, hatte 500.000 Dollar für die beiden Tickets bezahlt. Christine Dawood fotografierte die beiden. Shahzada Dawood (48) und Suleman (19): beide in einem orangen Overall aus Ölzeug, den roten Helm auf dem Kopf, ein leichtes Lächeln im Gesicht; der Sohn hat zudem den rechten Arm um seinen Vater gelegt.
„Es war ein kurzes Goodbye“, erzählte Christin Dawood dem „Guardian“. Shahzada und Suleman stiegen über den Bug in die „Titan“ ein, ein Helfer wünschte Suleman noch einen „großartigen Tauchgang“, die Luke wurde verriegelt, Wasser flutete die Ballasttanks. Sekunden später schloss sich die Dünung des Atlantiks über dem Tauchboot. Suleman hatte seinen Rubik’s-Würfel dabei. Wie seine Mutter erzählte, wollte er einen Weltrekord brechen: Noch nie hatte jemand den Zauberwürfel in so großer Tiefe geknackt.
Eine Stunde und 45 Minuten nach Beginn der Tauchfahrt riss der Kontakt zwischen Mutterschiff „Polar Prince“ und dem Tauchboot ab. Für Christine Dawood an Bord der „Polar Prince“ und die Mannschaft des Schiffs begann das bange Warten. Für bis zu 96 Stunden, so rechneten Experten vor, würde die Luft an Bord reichen. Allerdings war kurz nach Abriss der Kommunikation von der US-Navy ein knackendes Geräusch registriert worden. Am 23. Juni dann die traurige Gewissheit: Die „Titan“ war wohl genau zu diesem Zeitpunkt in 3.000 Metern Tiefe vom Wasserdruck zermalmt worden – im Bruchteil einer Sekunde.
Ein Trost für Christine Dawood, wie sie dem Reporter mitteilte. Sie habe nunmehr gewusst, dass Shahzada und Suleman nichts mitbekommen hatten. „In dem einen Moment waren sie noch da, im nächsten nicht mehr.“ Zu wissen, dass die beiden nicht gelitten hätten, habe es leichter gemacht, ihren Tod zu akzeptieren.
In der Küche
ruht die „Titanic“
Über die Liebe zu Mann und Sohn, über die verzweifelte Suche und die Trauer hat Christine Dawood ein Buch geschrieben „96 Hours“. Demnächst soll es erscheinen. Die Rosenheimerin hat sich ihren Gefühlen gestellt. Wie auch der Reporter des „Guardian“ feststellte, als er die Rosenheimerin im Haus der Dawoods in Sussex besuchte. Mitten in der Küche fiel ihm ein Lego-Modell ins Auge – ein 1,50 Meter langer Nachbau der „Titanic“ in einer Vitrine. Suleman hatte ihn aus über 9.000 Steinen zusammengebaut.
„Die Leute sind immer ein bisschen schockiert, wenn sie das sehen“, gab Christine Dawood zu. „Aber was sollte ich tun? Es auseinandernehmen, es verstecken?“ Für sie ist es eine Erinnerung. „Suleman hat so viele Stunden reingesteckt. Er war fasziniert von der ,Titanic‘, seit wir eine große Ausstellung besucht hatten, als wir in Singapur lebten.“