Ruhpolding/Landkreis Traunstein – Der Waldbrand rund um den Saurüsselkopf hielt auch am gestrigen Dienstag die Einsatzkräfte auf Trab. Auch wenn sich bis Dienstagabend „erste Erfolge“ zeigten, wie Traunsteins Kreisbrandrat Christof Grundner bekannt gab, blieb die Lage angespannt. „Es gibt auch immer wieder unkontrollierte Ausbrüche“, verdeutlichte der 52-Jährige aus Trostberg noch am Dienstagnachmittag die schwierige Lage. Als Einsatzleiter ist Grundner maßgeblich an der Organisation und Koordination beteiligt – und weiß ganz genau, welche Belastungen für Mensch und Maschine bei einem solchen Großeinsatz herrschen.
Bis zu 180 Kräfte halten
in der Nacht Stellung
Entwarnung gibt es bislang nicht: Das Feuer hatte sich bis Dienstag in Richtung Baumgrenze „heruntergearbeitet“, wo ihm mit Tannen, Fichten, Lärchen und sonstigen Sträuchern noch mehr „Beute“ zur Verfügung stand als im felsigen Gipfelbereich. „Entscheidend ist das Wetter: Wir kämpfen mit wechselnden Windrichtungen“, so Grundner.
Das Thema werde die Einsatzkräfte auch über die Nacht hinweg begleiten, so der Kreisbrandrat: Erneut mussten die Helikopter bei Einbruch der Dunkelheit ihren Einsatz abbrechen, weil keine nachtflugtaugliche Maschine zur Verfügung stand. Etwa 170 bis 180 Kräfte der Feuerwehren sollten die komplette Nacht hindurch bis zum Mittwochmorgen die Stellung halten. Sie beobachten nicht nur, sondern sind mit der aktiven Brandbekämpfung beschäftigt: Sobald neue Brandherde aufflackern, greifen sie ein und versuchen, diese zu löschen, sofern diese fußläufig zu erreichen sind.
„Wir befinden uns auch nachts voll im Einsatz mit Schlauchleitungen, Wasserabgabestellung, Fahrzeugen und Mannschaften, die aktiv eingreifen, wenn etwas aufflackert“, schildert Grundner. Wie sich die Lage bis zum frühen Morgen entwickeln werde, sei aber nicht vorhersehbar. Fest steht: Am heutigen Mittwoch wird wieder auf die Unterstützung aus der Luft ankommen. Und: Schon jetzt befinden sich Ausrüstung, Fahrzeuge und Material im Dauerbetrieb. Das gilt auch für die Helfer, die vor Ort ihr Bestes geben.
Einsatz im
rotierenden Schichtbetrieb
Dem Kreisbrandrat zufolge läuft der Einsatz in einer Art Schichtbetrieb. Mit dieser „rollierenden Arbeitsweise“ werden die Kräfte permanent durch neue, frische Helfer getauscht. „Die stundenlangen Einsätze dürfen nicht unterschätzt werden“, betont Grundner. Zudem handele es sich bei den Einsatzkräften um Ehrenamtliche, wie er deutlich macht. „Das heißt: Jeder muss für diesen Dienst von der Arbeit freigestellt werden und auch die eigenen privaten Planungen anpassen oder umorganisieren. Das hat alles seine Grenzen.“
Aktuell ist laut dem Kreisbrandrat ausreichend Personal vorhanden, um den rotierenden Schichtbetrieb stemmen zu können. „Auch wenn das nicht ewig anhalten kann, müssen wir jetzt in der Akutphase die Ausbreitung stoppen. Wenn dies erreicht ist, beginnt eine komplett andere Phase. Dann ist Handarbeit angesagt und wir müssen uns neu sortieren.“
Bei 300 Einsatzkräften – neben den Feuerwehrleuten sind auch Bundespolizei, Landespolizei, Bergwacht, Rotes Kreuz, Malteser Hilfsdienst, Technisches Hilfswerk und Bundeswehr an dem Einsatz beteiligt – spielt auch die Verpflegung eine wichtige Rolle. Ein eigener Einsatzabschnitt kümmert sich um Getränke und warmes Essen, aber auch um die Logistik. Schließlich müssen Kraftstoffe zu den Fahrzeugen und Maschinen transportiert oder defekte Ausrüstungsteile ausgetauscht werden.
Apropos Maschinen: Auch für die Helikopter gibt es einen eigenen Einsatzabschnitt, der alles in der Luft und am Boden steuert. Denn: „Es gehören auch die Crews dazu, die ebenfalls Ruhezeiten brauchen und daher Austauschpersonal benötigen. Zudem die ganzen Mechaniker“, führt der 52-Jährige aus. Das große Ziel: Jede Minute verhindern, in der ein Löschhubschrauber nicht in der Luft ist und Wasser abwerfen kann. „Das sind alles potenzielle Zeiträume, in denen die Flammen wieder aufflackern können.“
Der Trostberger muss das Ganze aber nicht in Alleinregie stemmen, wie er sagt. „Die Organisation ist natürlich nicht einfach, weil wir verschiedene Organisationen vor Ort haben. Aber das alles wird über die überörtliche Einsatzleitung koordiniert: Hier werden gemeinsam die Entscheidungen getroffen, wie man weiter vorgeht.“
Jede Einsatzstelle sei in weitere Untereinsatzstellen eingeteilt, die Personal und Material zugewiesen bekommen. Insgesamt steckt dahinter ein ausgeklügeltes System. Und wie Grundner schildert, wurde diese Kommunikations- und Führungsstruktur in den vergangenen Jahren „leider“ immer wieder benötigt. „Wir greifen auf ein bewährtes System zurück, das stetig weiterentwickelt wurde.“
„Die Motivation
ist extrem hoch“
Für ihn selbst ist es nicht der erste Großeinsatz, seitdem er 2017 das Amt des Kreisbrandrates übernommen hat. Im selben Jahr folgte der Sturm beim Chiemsee Reggae Summer, 2018 gab es schon einmal einen Waldbrand bei Ruhpolding. Über allem steht aber der extreme Schneefall 2019, als für ganze neun Tage der Katastrophenfall ausgerufen wurde und täglich fast 2.500 Kräfte im Einsatz waren.
Auch der aktuelle Waldbrand stellt eine anspruchsvolle, kräftezehrende Aufgabe für die Einsatzkräfte dar, wie der Kreisbrandrat betont. „In bestimmten Bereichen merkt man, dass Mensch, Maschine und Material nicht mehr weiterkommen können. Man muss verinnerlichen, dass es auch Grenzen gibt“, sagt er. Ganz wichtig ist dem Kreisbrandrat, den Einsatz der vielen Kräfte zu würdigen. In seinen Worten klingt Stolz mit, wenn er sagt: „Wir sind alle ein Riesenteam. Solche Lagen schweißen uns noch mehr zusammen.“ Man verbringe viele Stunden miteinander und lerne sich sowohl in Stress-, als auch in Ruhephasen kennen. „Die Motivation ist extrem hoch. Wir haben tolle Helfer, die hochprofessionell arbeiten. Anders geht es auch gar nicht“, lobt er die vielen Beteiligten, die allesamt ein Ziel haben: den Waldbrand bei Ruhpolding aufhalten, eindämmen und löschen.