Der Todesengel von Auschwitz als Knecht in Riedering

von Redaktion

Deutschland im Jahr 1946. Während führende Nazis in Nürnberg vor Gericht standen, waren einige der schlimmsten Verbrecher noch frei. Der berüchtigtste von ihnen, der KZ-Arzt Josef Mengele, fand jahrelang im Landkreis Rosenheim auf einem Bauernhof Unterschlupf.

Riedering – Für einen Landarbeiter mutete er fein an, der Mann, der eines Tages kurz nach dem Krieg am Bauernhof der Fischers in Mangolding in der Gemeinde Riedering auftauchte und um Arbeit nachfragte. Ein gut aussehender Kerl, bekleidet mit Armeemantel und grauem Anzug, eher der Typ Schwiegersohn, mit einer auffälligen Lücke zwischen den Vorderzähnen. Seine Hände wirkten zart, körperliche Arbeit konnte er kaum gewohnt sein. Und er drückte sich gewählt aus, dieser Fritz Holmann. Nur ein leiser Akzent verriet seine Herkunft aus dem schwäbischen Bayern.

Ein sehr
stiller Helfer

Aber er redete ohnehin wenig und schon gar nicht über sich. Bauer Fischer wunderte sich nicht. Im ganzen Land trieben sich seit dem Zusammenbruch der Wehrmacht verlorene Gestalten herum, Treibgut der Niederlage. Der hier war nicht der Einzige, der Uniform, Soldbuch und womöglich seine Identität weggeworfen hatte. Helfen auf dem Hof wollte er, gegen Kost und Logis und zehn Mark die Woche. Bauer Fischer beschloss, es darauf ankommen zu lassen. „Wenn du arbeiten kannst, wie du isst, bist du mein Mann“, sagte er, nachdem er zugeschaut hatte, wie der Ankömmling das Mittagessen verschlang.

Der wortkarge Mann hatte einen guten Grund, einen abgeschiedenen Unterschlupf zu suchen. Hinter dem Namen „Fritz Holmann“ verbarg sich in Wirklichkeit der SS-Arzt Josef Mengele, berüchtigt als „Todesengel von Auschwitz“. Er hatte im Konzentrationslager die „Selektionen“ vorgenommen. Wen er als arbeitsfähig bezeichnete oder wer für medizinische Experimente infrage kam, durfte leben, fürs Erste zumindest. Die übrigen Menschen wurden umgehend in den Gaskammern getötet. Hauptsturmführer Mengele habe beim Selektieren Opernarien gepfiffen, berichten Überlebende. Berüchtigt war Mengele für seine Experimente an Zwillingen. Historiker vermuten sogar, dass er sich extra nach Auschwitz versetzen ließ – der größeren Auswahl an Probanden wegen. Die meisten seiner Experimente endeten tödlich. Kaltherzig und skrupellos arbeitete Mengele an seinen dubiosen Forschungen. Mengele wurde zum Prototyp des empathielosen Experten, der keine Probleme damit hat, Tausenden das Leben zu nehmen.

„Ich bemerkte, dass Mengele mild zu den Kindern war, für die er sich zum gegebenen Zeitpunkt interessierte. Er schenkte ihnen sogar Süßigkeiten“, erinnert sich eine Überlebende an die Zeit in Auschwitz. „Sie vertrauten ihm und nannten ihn ‚Onkel‘. Am Ende der Forschungen wurden diese Kinder meistens getötet.“ Mengele hatte nicht den höchsten Rang im Lager. Er war auch nicht der Einzige, der selektierte. Wohl wegen seiner Menschenversuche wurde er zum Sinnbild für Auschwitz.

Und doch kam er davon. Unmittelbar nach Deutschlands Debakel durfte er darauf setzen, dass ihm die chaotischen Zustände in die Karten spielten. Mengele wurde zwar für einige Wochen von den Amerikanern interniert. Doch die US-Armee erkannte nicht, wer ihr da ins Netz gegangen war.

Name auf den
Kriegsverbrecherlisten

Die Abstimmung zwischen Behörden war schwierig, die Sieger waren überdies mit der Masse der deutschen Soldaten überfordert, die sich ergeben hatten. Bei Bad Aibling beispielsweise hielt die US-Armee bis September 1946 bis zu 100.000 deutsche Soldaten hinter Stacheldraht gefangen. Mengeles Name stand bereits auf Kriegsverbrecherlisten. Aber die waren noch nicht zu den Einheiten im Norden Bayerns gelangt, in deren Gewahrsam sich der SS-Mann, als Wehrmachtssoldat getarnt, befand. Außerdem trug Mengele keine Blutgruppen-Tätowierung, wie sie für SS-Angehörige vorgeschrieben war. Womöglich aus Eitelkeit hatte sich der Arzt dieser Vorschrift entzogen. Zu seinem großen Glück: Gefangene mit einer solchen Tätowierung schauten sich die Vernehmungsexperten der US-Armee genauer an.

In den Wäldern
verborgen

In den Wochen nach seiner Entlassung zog Mengele Richtung Süden, ausgestattet mit gefälschten Papieren. Er verbarg sich in den Wäldern nahe seiner Heimatstadt Günzburg und suchte schließlich einen Bekannten in München auf. Der stellte Mengele seinem Schwager vor, der als Arzt in Riedering praktizierte – und dem Kollegen von der SS Tipps gab. Etwa, wo er sich verstecken könne. So kam Mengele nach Mangolding. Zum Bauern Georg Fischer, der einen Hof mit nicht mal zehn Hektar bewirtschaftete. Getreide und Kartoffeln wurden dort angebaut. Außerdem gehörten Pferde und zehn Kühe zu dem Hof. Bauer Fischer scheint ein arbeitsamer Mann gewesen zu sein. Der Tag begann morgens um halb 5, zehn bis zwölf Stunden Arbeit schlossen sich an. Georg Fischer konnte sich schnell vom Fleiß des neuen Mitarbeiters überzeugen. Georgs Bruder Alois, der seinerseits als Knecht auf dem Hof seines Bruders arbeitete, erinnerte sich 40 Jahre später in einem Interview an „Fritz Holmann“: „Für ihn war keine Arbeit zu dreckig, er hat alles gemacht, was ihm der Bauer aufgetragen hat.“ Beherrscht und diszipliniert sei Holmann gewesen. Der Neue habe schnell gelernt, und er habe zügig an Kraft zugelegt. Distanziert sei er gewesen. „Über seine Person, seine Vergangenheit und über den Krieg hat er gar nichts gesagt.“ Einblicke in das Innenleben Mengeles geben die in der Art eines Romans gehaltenen Schilderungen, in denen Mengele sich in der dritten Person erzählt. Unter dem Titel „Bauernzeit“ blickt der Massenmörder auf seine Zeit in Mangolding zurück. Eine verstörende Lektüre. Mengele äußert keinerlei Bedauern, verbreitet sich stattdessen über die Schrunden und Schmerzen, die ihm die körperliche Arbeit auf dem Feld bereitet.

Vom Massenmord in Auschwitz ist keine Rede. Aber Mengele empfand laut Selbstzeugnis noch immer Freude am Selektieren. Dieses Mal bei Kartoffeln. „Er fand schnell die zweckmäßigste Sortier- und Abtransportmethode in die drei Kellerfensteröffnungen heraus und bemerkte ebenso rasch, dass die Häufigkeit der verschiedenen Größen der binominalen Verteilung nach dem Gaußschen Diagramm folgt“, schrieb er. Es liest sich, als habe er zu kleine Kartoffeln mit ebenso wenig Gemütsregungen ausgesondert wie zuvor an der Rampe in Auschwitz Kranke, Kinder und Gebrechliche.

Mengele schuftete, teilte sich das Zimmer mit dem Bruder des Bauern, verließ selten den abgelegenen Hof. Einmal kamen Polizisten vorbei. Sie ließen sich von Mengeles gefälschten Papieren täuschen. Seine Tage in Deutschland waren dennoch gezählt. 1946 begann der Nürnberger Ärzteprozess. Von den 23 Angeklagten wurden sieben hingerichtet, andere erhielten hohe Freiheitsstrafen. Mengele dürfte davon im Oberbayerischen Volksblatt gelesen haben.

Kein Aufbruch
ins Ungewisse

So reifte der Entschluss, sich ins Ausland abzusetzen. Im August 1948 verließ er den Hof und den Landkreis Rosenheim. Mengele brach nicht ins Ungewisse auf. Er konnte sich auf Unterstützer verlassen. Seine Familie half ihm. Aber auch unverbesserliche Nazis wie der Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel mit seinem „Kameradenwerk“. So gelangte er über Italien erst nach Argentinien und tauchte später in Paraguay und Brasilien unter. Mengele geriet Ende der 50er-Jahre wieder in den Fokus. Doch anders als Adolf Eichmann, der „Architekt der Endlösung“, den die Israelis 1960 aus Argentinien entführten, entkam Mengele der Gerechtigkeit. Erst 1979, 30 Jahre nach seiner Flucht aus Oberbayern, starb er – wie Jahre später herauskam, wohl bei einem Badeunfall vor der Küste Brasiliens. Ein erstaunlich friedliches Ende für einen Mann, der exemplarisch für den Terror des NS-Staats stand. Und ebenso beispielhaft für Fehler und Nachlässigkeiten der Behörden.

Netzwerke der
Ewiggestrigen

Sein Verschwinden ist bezeichnend dafür, wie aktiv die Netzwerke der Ewiggestrigen in den Jahren nach der angeblichen „Stunde Null“ waren. Diese Verbindungen behielten ihren Einfluss jahrzehntelang. Noch 1971 konnte in Rosenheims Inntalhalle die SS-Truppenkameradschaft „Das Reich“ gegründet werden. Die vehementen Proteste dagegen markieren jedoch einen Wendepunkt in der Aufarbeitung der NS-Zeit.

Viele Details verdankt dieser Text dem Buch „Mengele. Biographie eines Massenmörders“, verfasst von David G. Marwell, erschienen 2021, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Marwell war als Spezialist im US-Justizministerium an der Strafverfolgung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher beteiligt. Aufschlussreich sind seine Ausführungen zur Flucht Mengeles durch verschiedene lateinamerikanische Länder. Ein weiterer Vorzug liegt in der nüchternen Einschätzung Mengeles, die jede Dämonisierung vermeidet.

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