Ex-Gerichtspräsident Ludwig Kroiss spricht erstmals vor Gericht

von Redaktion

Vorwurf der sexuellen Belästigung seiner Vorzimmerdame – Achter Prozesstag am Landgericht München

München/Traunstein – Seit dem 2. März läuft vor der 24. Strafkammer am Landgericht München der Prozess gegen den ehemaligen Traunsteiner Landgerichtspräsidenten Prof. Dr. Ludwig Kroiss. Ihm wird sexuelle Belästigung seiner Vorzimmerdame S. vorgeworfen. Sieben Verhandlungstage schwieg der Angeklagte und ließ ausschließlich seine Verteidiger sprechen. Das änderte sich gestern, am 8. Prozesstag. Der Angeklagte redete rund 20 Minuten, allerdings nicht zum Tatvorwurf, sondern zu seiner Person in puncto Karriere bei der Justiz und finanziellen Verhältnissen.

Prozess wird zur
Marathon-Veranstaltung

Überhaupt war es gestern ein etwas seltsamer Termin. Erstmals war kein Zeuge geladen, obwohl die Beweiserhebung noch längst nicht abgeschlossen ist. Und mit Susanne Kempter vertrat nach Cornelia Wölk und Martin Salomon bereits der dritte Vertreter die Münchner Staatsanwaltschaft, was dieses Mal aber an einer Beinverletzung von Wölk lag, die sich im Krankenstand befindet.

Eines aber wurde deutlich: Der Prozess wird zur Marathon-Veranstaltung. Waren anfangs vier Verhandlungstage angesetzt, so wurden am 22. Mai, am 12. Juni und am 18. Juni jetzt drei weitere Verhandlungstage im Justizgebäude an der Nymphenburger Straße angesetzt. Mit einem Urteil ist frühestens im Juli zu rechnen. In erster Instanz war Kroiss im Juni 2024 zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Nach wie vor geht es um die Aussagetüchtigkeit der Hauptbelastungszeugin S. Dazu hatte ein neutraler Gutachter in zwei Sitzungen S. befragt und eine ausführliche Beurteilung vorgelegt. Damit aber nicht genug. Die Vorsitzende Richterin Susanne Neupert hatte Dr. Felicitas Fiedler, eine weitere Sachverständige aus dem Klinikum Haar, beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Fiedler wird sich mit S. am 18. Mai treffen, danach dem Gericht ihr Gutachten präsentieren.

Die Verteidigung goss gestern noch einmal Öl ins Feuer und stellte S. als Vollalkoholikerin hin, deren Aussagen nicht ernst zu nehmen seien.

„Sie hat zu Protokoll gegeben, mehrere große Flaschen Hugo an einem Tag getrunken zu haben und an besagtem Tag, als der Übergriff stattgefunden haben soll, zwei Flaschen Rotwein mit dem Angeklagten“, sagte Verteidiger Philip Müller. Seit August 2021 habe S. Antidepressiva und Schlafmittel genommen, was in Verbindung mit Alkohol zu schwierigen Wechselwirkungen führe. Es liege eine psychiatrische Erkrankung vor, da sei die Wahrheitsfindung schwierig.

Die Vorsitzende Richterin befragte den Angeklagten danach zu seiner beruflichen Laufbahn. Erstmals ergriff der 67-Jährige daraufhin das Wort und gab bereitwillig zu seinen einzelnen Stationen Auskunft. Er habe von 1984 bis 1986 nach dem Studium seine Referendarzeit in München und Traunstein abgeleistet und sei nach dem Examen 1987 in den Justizdienst in Traunstein eingetreten. Er sei sieben Jahre bei der Staatsanwaltschaft gewesen, danach Richter am Landgericht, später zwei Jahre Vorsitzender einer kleinen Strafkammer. Ab 2007 sei er Direktor am Amtsgericht Traunstein gewesen, 2013 Vizepräsident am Landgericht.

Der Angeklagte hob dann die Zeit ab 2019 besonders heraus, als er als Leitender Oberstaatsanwalt arbeitete. „Ich habe in dieser Zeit das Traunsteiner Modell mitbegründet, wir haben von Traunstein aus die organisierte Kriminalität bekämpft und grenzüberschreitend große Erfolge gehabt“, betonte der Angeklagte. Am 1. Oktober 2019 sei er dann zum Präsidenten des Landgerichts Traunstein ernannt worden. Er sei hier Chef von 600 Mitarbeitern gewesen.

Während sich die Vorsitzende Richterin von der beruflichen Karriere ebenso beeindruckt zeigte wie Verteidiger Müller, zeigte sich Staatsanwältin Kempter emotionslos und unbeeindruckt. Einen Seitenhieb auf die Justiz konnte sich Kroiss aber nicht verkneifen.

„Der Strafbefehl gegen mich ist mit offener Post an die Justiz in Traunstein geschickt worden. Der Inhalt ist sofort im Haus rumgegangen, jeder hat ihn gekannt“, wetterte der Jurist los. Er selbst habe die Meldung tags darauf am Morgen im Badezimmer im Radio gehört. „Da hatte ich wenig Motivation, an meinen Schreibtisch zurückzukehren“, ergänzte er. Er habe noch eine Menge Urlaub gehabt und sei ab Januar 2024 nicht mehr im Justizgebäude erschienen.

Zu seiner aktuellen Situation erklärte der Angeklagte, dass er zunächst eine Zusage für eine Notariatsvertretung gehabt habe und als Honorarprofessor an der Uni Passau gelistet war, aber keine Vorlesungen mehr halte. Kürzlich habe er auch die Zulassung als Anwalt erhalten. Er sei hier als Berater im Fachbereich Erbrecht tätig.

„Meine Familie
wird bloßgestellt“

Am Ende seiner Ausführungen schilderte Kroiss noch einmal, wie belastend das Verfahren für ihn sei. Wörtlich sagte er: „Mir tut das weh, meine Familie wird bloßgestellt!“

Man hätte vor vier Jahren alles erledigt haben können, und er wies noch einmal darauf hin, dass die mutmaßlich Geschädigte niemals Strafantrag gegen ihn gestellt hätte. Karlheinz Kas

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