Fokus auf die Stärken der Region

von Redaktion

Interview Hubert Aiwanger sieht großes Potenzial – vor allem für Fachkräfte

Rosenheim/Landkreis – Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger kommt an diesem Samstag (9. Mai) mal wieder in der Region vorbei. Konkret tritt er im Bad Aiblinger Kurhaus im Rahmen der Landesversammlung der Freien Wähler Bayern auf. Doch wenn Bayerns Wirtschaftsminister schon mal da ist – wie steht der Raum Rosenheim seiner Meinung nach wirtschaftlich da? Im OVB-Interview bezieht er genau dazu Stellung.

Herr Aiwanger, wie stark schätzen Sie die Region Rosenheim wirtschaftlich ein?

Die Region Rosenheim steht wirtschaftlich gut da: Das Wirtschaftswachstum im Landkreis Rosenheim ist seit Jahren höher als im bayerischen Durchschnitt. Im BIP-Ranking der 96 bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte liegt der Landkreis Rosenheim aktuell auf Platz 9. Auch bei der Arbeitslosenquote ist Rosenheim im Jahresdurchschnitt 2025 mit 3,1 Prozent besser als Oberbayern (Durchschnitt 4,0 Prozent), Bayern (4,0 Prozent) und Deutschland (6,3 Prozent). Das wirtschaftliche Umfeld der Region entwickelt sich dynamisch, die Zahl der Gewerbeanmeldungen überstieg 2025 die der -abmeldungen. Besonders im Vordergrund steht der Dienstleistungssektor; zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind dort tätig.

Was sind hier die größten Herausforderungen?

Die Region steht mit ihrem Industrieanteil von über 20 Prozent im verarbeitenden Gewerbe und einer Exportquote von 42 Prozent vor denselben wirtschaftlichen Herausforderungen wie die gesamte Industrie: Konkret sind das die digitale Transformation, die Dekarbonisierung der Wirtschaft und der damit verbundene Investitionsbedarf und Anpassungsdruck – insbesondere in energieintensiven Industrien – sowie die geopolitischen Verwerfungen durch Kriege und Zollstreitigkeiten.

Landkreis-Kommunen, zuletzt etwa Feldkirchen-Westerham, stehen aufgrund plötzlicher massiver Einbrüche bei Gewerbesteuereinnahmen vor großen Haushaltsproblemen. Was kann die Politik tun, damit Unternehmen nicht abwandern beziehungsweise damit auch neue Betriebe ansiedeln wollen?

Nicht nur in Metropol- und Ballungsräumen – die Staatsregierung arbeitet fortwährend an der Sicherung der Zukunftsfähigkeit bayerischer Standorte. Überall stehen die breit angelegte Förderung von Innovationen und die Unterstützung vor allem von kleinen und mittleren Unternehmen sowie Start-ups bei neuen Technologien im Vordergrund. Wir sind sehr zuversichtlich, die regionale Wirtschaft so langfristig zukunftsfest aufzustellen. Im Rahmen der Hightech-Agenda Bayern setzt das Wirtschaftsministerium allein 1,5 Milliarden Euro ein für die Stärkung von Forschung und Entwicklung, insbesondere in den Bereichen grüne Transformation und Digitalisierung.

Was sind die konkreten Eckpunkte?

Wichtige Bausteine sind unsere Investitions- und Finanzierungshilfen über die Regionalförderung und das Mittelstandkreditprogramm. Das Kreditprogramm unterstützt bei Investitionsmaßnahmen zur Arbeitsplatzsicherung. Zudem helfen wir Unternehmen bei der Erschließung neuer, wachsender Auslandsmärkte und bei der Stärkung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Und in unserer Region?

In Rosenheim und Traunstein fördert der Freistaat im Rahmen der Initiative „Gründerland Bayern“ das Stellwerk18. So entstehen neue Geschäftsideen und die Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler von morgen. An der Zukunft gearbeitet wird auch im Rahmen des 5G-Testbed Automotive des Fraunhofer IIS in Kooperation mit dem LZE e.V.: In einem fünf Kilometer langen Testgebiet südlich von Rosenheim erproben Unternehmen der Automobilindustrie die 5G-Funktionalitäten für vernetztes Fahren in realer Verkehrsumgebung.

Teurer Wohnraum gilt für viele Unternehmen als Standortproblem – was kann die Politik konkret dagegen unternehmen?

Höhere Kosten belasten – das gilt für Vermieter wie Mieter. Wahr ist: Investiert wird nur, wo es sich lohnt, gemietet wird nur, was man sich leisten kann. Bezahlbarer Wohnraum hängt aber von vielen Faktoren ab: Verfügbarkeit von Grund, Arbeitskräften und Material einerseits. Andererseits hemmen umfangreiche Vorgaben und hohe Standards. Und nicht vergessen dürfen wir die „zweite Miete“, die stark gestiegenen Nebenkosten. Die Politik setzt an verschiedenen Punkten an, um ein größeres Angebot an erschwinglichem Wohnraum zu schaffen: Ein wichtiger Beitrag ist der neue Gebäudetyp E. Potenzial bietet auch die Digitalisierung im Baugewerbe. Abschreibungsregeln im Steuerrecht werden helfen. Arbeitgeber sollten an betriebseigene Wohnungen denken. Genossenschaftliches Bauen ist zu fördern. Auch das Bauen im Bestand eröffnet Perspektiven, wenn es günstig bleibt. Insgesamt brauchen wir mehr Markt, weniger kostenträchtige Regulierung und schnellere Verfahren.

Wie kann der Raum Rosenheim für Fachkräfte noch attraktiver werden – auch im Wettbewerb mit München?

Die Region Rosenheim vereint die Nähe zu München mit einer hohen Lebensqualität – kurze Wege, Freizeitmöglichkeiten und attraktives Wohnen. Niedrigere Lebenshaltungskosten als in der Großstadt und ein familienfreundliches Umfeld machen die Region besonders interessant für junge Familien und beruflich Etablierte. Zahlreiche regionale Unternehmen bieten anspruchsvolle Aufgaben, Verantwortung sowie gute Aufstiegs- und Entwicklungschancen, die in Kombination mit starken lokalen Netzwerken und Bildungsangeboten eine lohnende Alternative zum Leben und Arbeiten in München darstellen. Ergänzt wird dies durch die Hochschule Rosenheim, die praxisnahe Ausbildung bietet und qualifizierte Fachkräfte in die Region lockt. Die hervorragende Anbindung über Straße und Schiene sorgt für gute Erreichbarkeit, die Nähe zu Österreich und Italien eröffnet zusätzliche wirtschaftliche und kulturelle Perspektiven. Die Region Rosenheim hat also allen Grund, im Wettbewerb mit München ihre Stärken noch intensiver zu bewerben und zu vermarkten, um das volle Potenzial im Wettbewerb um Fachkräfte und Unternehmen zu nutzen. Nicht jeder lebt schließlich gern in einer Großstadt.

Nicolas Bettinger

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